Hanse-Wissenschaftskolleg legt Jahresbericht vor / Rektor Reto Weiler: „Wir sind am Anschlag“ Ein Ort voll intellektueller Magie

Wie bilanziert man ästhetisch Gedankengebäude und vitalisierende Diskurse? Ein Problem, vor dem das Hanse-Wissenschaftskolleg steht, wenn es seinen Jahresbericht erstellt. Weil das nicht geht, für Geldgeber aber Belege wichtig sind, werden trotzdem Zahlen präsentiert, als schön gestaltete und umfangreiche Broschüre. Der wahre Geist des Kollegs wird dadurch allerdings höchstens gestreift.
24.05.2013, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Andreas D. Becker

Wie bilanziert man ästhetisch Gedankengebäude und vitalisierende Diskurse? Ein Problem, vor dem das Hanse-Wissenschaftskolleg steht, wenn es seinen Jahresbericht erstellt. Weil das nicht geht, für Geldgeber aber Belege wichtig sind, werden trotzdem Zahlen präsentiert, als schön gestaltete und umfangreiche Broschüre. Der wahre Geist des Kollegs wird dadurch allerdings höchstens gestreift.

Delmenhorst. "Dieser Ort hat seine eigene Magie", sagt Reto Weiler, Rektor des Hanse-Wissenschaftskollegs (HWK). Er sagt das nicht, weil ein Chef so etwas sagen muss. Er sagt es, weil er weiß, dass es so ist. Weiler sagt es mit der Hingabe des Wissenschaftlers, der diese Magie gespürt hat, der dabei war, als Neues gedacht wurde und Fragen aufkamen, die nie zuvor gestellt wurden. Türöffner in Räume von Gedankengebäuden, die bislang keiner betreten hat, Räume voller Zauber und Poesie. Genau das macht für Weiler sein Haus aus: Dass es ein Ort der Begegnung kluger und kreativer Köpfe ist, die sich intellektuell duellieren und stimulieren. Dafür ist das Kolleg gebaut worden: als Denkort.

Wenn aber Politiker etwas über das HWK sagen müssen, brauchen sie etwas Handfesteres als die nicht quantifizierbare Menge an klugen, sehr klugen oder gar außerordentlichen Gedanken, die im HWK geboren wurden. Sie brauchen Fakten, die Weiler auch vorstellte: "Wir hatten im vergangenen Jahr 72 Fellows aus 20 Ländern zu Gast. Es war ein großes Potpourri an Persönlichkeiten, vom Junior-Fellow bis zum emeritierten Professor." Insgesamt richtete das HWK 82 Veranstaltungen aus, Tagungen, öffentliche Vorträge oder Kulturveranstaltungen wie Vernissagen oder Weltpremieren. Mit den öffentlichen Veranstaltungen wie der Montagsreihe ist es laut Weiler gelungen, das Haus nach außen zu öffnen. "Diese Reihe wird hervorragend angenommen, der Hörsaal quillt jedes Mal über. Die Mehrheit der Besucher kommt aus Delmenhorst. Es ist uns gelungen, in der Stadt eine Wissenschaftsgemeinde heranzubilden."

Auch die von Weiler forcierte Kulturarbeit des HWK zieht viel Publikum. Ein Höhepunkt dabei sei die Uraufführung von "Mare" gewesen, einer Komposition des Italieners Luca Lombardi, inspiriert durch dessen Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen bei seinem ersten Aufenthalt am HWK. Am 25. März wurde das Stück für 120 Musiker von den Orchestern des Oldenburger Staatstheaters und des Bielefelder Theaters gespielt.

Ins Schwärmen gerät Weiler, wenn er an die Arbeiten des Fotografen Elger Esser denkt. Auch Esser liebt, wie Lombardi, das Meer – und begleitete eine Fahrt auf dem Forschungsschiff "Meteor" auf dem Mittelmeer. Dort fotografierte er vor allem Wellen und den Himmel, Tausende Aufnahmen entstanden. Zurück an Land hat Esser mit kleinsten Fotoausdrucken ein großes neues Werk geschaffen, indem er eines der Wellen-Bilder des französischen Realisten Gustave Courbet nachbildete. Der Sponsor Cewe Color aus Oldenburg entwickelte dafür eigens ein spezielles Fotopapier, auf dem Essers Fotos eine eher analoge Anmutung erhielten. Gezeigt wurde es dann im Oldenburger Schloss.

Weiler erzählt auch, dass das HWK mittlerweile an sein Limit gestoßen sei, "wir werden nicht mehr Fellows haben können", zum einen weil Unterkünfte fehlen, zum anderen weil das Geld dafür nicht ausreicht. "Wir sind am Anschlag." So liegen auch die Baupläne für einen weiteren Trakt auf Eis. Selbst wenn es einen Sponsor für den Neubau gäbe, könnte sich ihn das HWK momentan nicht leisten. "Wir könnten den Unterhalt des neuen Gebäudes mit unserem jetzigen Budget gar nicht stemmen", sagt Weiler. Denn auch wenn es wenig romantisch klingt: Um die Magie des Ortes zu erhalten, braucht das HWK Geld.

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