Tag des offenen Denkmals in Delmenhorst Einblicke in Amtsgericht und Gefängnis

Delmenhorst. Zum bundesweite Tag des offenen Denkmals führt Rechtspfleger Uwe Günther am Sonntag durch das Amtsgericht. Auch das benachbarte Gefängnis erlaubt einen Einblick hinter die Mauern.
06.09.2013, 06:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Andreas D. Becker

„Ein Gebäude mit Charme und Geschichte“ – so beschreibt Rechtspfleger Uwe Günther das Amtsgericht. Am Sonntag wird er durch das Justizgebäude führen, auch das benachbarte Gefängnis erlaubt einen Einblick hinter die Mauern. Anlass ist der bundesweite Tag des offenen Denkmals.

„Das Gebäude ist für die Stadt doch ein schönes Schmuckstück“, sagt Uwe Günther. Der Rechtspfleger ist Geschäftsleiter des Amtsgerichts an der Bismarckstraße, am Tag des offenen Denkmals an diesem Sonntag, 8. September, wird er um 15 Uhr durch das Gericht führen. Und wenn das Interesse groß genug ist, sollen sich im Halbstundentakt weitere Führungen anschließen. Parallel kann nebenan auch das pittoreske, im Volksmund nur „Graft-Hotel“ genannte Gefängnis besichtigt werden. Es sind Einblicke in Gebäude, die den meisten Menschen sonst verborgen bleiben.

Dabei lassen sich allein an der Fassade des Gerichts viele Details entdecken: So wächst der Bogen über dem Haupteingang aus zwei Tierköpfen, links ein Wolf, rechts ein Widder. Und auf dem Giebel über dem Schöffensaal findet sich das großherzogliche Wappen wieder, darunter der Schriftzug „Amtsgericht Delmenhorst“.

Besonders auffällig ist der Kontrast zum Rathaus, immerhin entstanden beide Häuser recht zeitgleich, das Amtsgericht wurde Ende 1905 fertiggestellt, das Rathaus neun Jahre später. Während das Gerichtsgebäude die Handschrift von höfischen Baumeistern trägt, wirkt das Rathaus – zumindest zur Bismarckstraße – geradezu protestantisch schlicht. Während der Großherzog seinen Machtanspruch durch Repräsentanzbauten deutlich machen wollte, setzte die schnell wachsende, prosperierende Stadt ein Zeichen der Moderne.

Aber auch im Gerichtsgebäude lassen sich schöne Details entdecken. Ein Hingucker ist das sakral anmutende Hauptfenster im Treppenaufgang mit seinen drei Rotunden. „Früher befanden sich Buntglasfenster darin, die wurden aber entfernt. Warum, weiß ich nicht. Das Bauamt hat später lange nach ihnen gesucht, doch sie blieben verschollen.“ Zwei Schwarz-Weiß-Fotos erinnern an die Pracht des alten Glases. Entstanden sind die Bilder in den 60er-Jahren, als die Scheiben entfernt wurden. Der damalige Chef des alt eingesessenen Betriebes Glas Becker hatte seine Leute bei der Arbeit abgelichtet.

Günther erzählt viele Geschichten und Anekdoten. Vor allem über die ständigen Auseinandersetzungen wegen der sich verändernden Sicherheitsvorschriften. So dürften in den Fluren eigentlich nicht mehr die alten, grau lackierten Holzbänke stehen – zu gefährlich bei Feuer. Jetzt müssen neue Bänke aus Metall aufgestellt werden, charmelose Behördenflurdutzendware. „Man hat auch schon überlegt, im Treppenaufgang eine Art Kasten zu installieren, damit sich bei Feuer der Qualm nicht so einfach ausbreiten kann. Zudem sollte in die mittlere Rotunde ein Rauchabzug gebaut werden – aber dann sähe es ja aus wie in einem Imbiss“, sagt Günther. Schließlich scheuten die Sicherheitsspezialisten an dem Punkt auch die Auseinandersetzung mit den Denkmalschützern. Obwohl der große Brand von 1996 zeigte, wie schnell etwas passieren kann.

Auch nebenan im „Graft-Hotel“ kennen sie die strengen Auflagen des Denkmalschutzes. Das Gefängnis ist seit einigen Jahren eine Außenstelle der Justizvollzugsanstalt Vechta, die dort junge Täter unterbringt, die als Freigänger auf ihr Leben in Freiheit vorbereitet werden. „Als wir den ehemaligen Schweinestall umgebaut haben, durften wir draußen an den Fenstern keine Gitter anbringen“, erzählt Walter Hüninghake, Abteilungsleiter des Delmenhorster Gefängnisses. Um den Auflagen zu entsprechen, sind die Gitter dann von innen angebracht worden.

Der Schweinestall war früher Teil der Wohnung des im Gefängnis lebenden Bedienstetenpaares, das sich um die Insassen kümmerte, sie auch bekochte. „Das Ehepaar lebte in dem Teil, der heute Verwaltungstrakt ist“, sagt Hüninghake. Der wirkt optisch noch immer wie eine Studenten-WG, während die Zellentrakte mit ihren Holztüren eher die Atmosphäre einer Jugendherberge ausstrahlen. An die früheren Zeiten erinnern noch die Kostklappen, schmiedeeiserne Öffnungen, durch die die Häftlinge ihr Essen gereicht bekamen.

Am liebsten verbringen die jungen Häftlingen ihre freie Zeit übrigens in dem kleinen Garten, der hinter hohen Mauern verborgen liegt und einen schönen Blick auf das Amtsgericht erlaubt. Einige sonnen sich dort, andere spielen Karten am Plastiktisch, oft wird aber auch der Grill angefeuert. Und dann wirkt es tatsächlich alles kaum noch wie ein Gefängnis.

Am Sonntag finden noch zwei weitere Führungen statt: Um 11 Uhr erwartet Bärbel Isler die Teilnehmer am Rathausbrunnen zu „Steine erzählen – Über die Nutzung des Stadthauses I als Polizeihaus“. Zur gleichen Zeit beginnt eine Führung auf der Nordwolle am Fabrikmuseum.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+