Schulentwicklung in Delmenhorst

Eltern wollen mehr Realschule

Die Politik scheint in der Frage, wie die Schullandschaft aussehen soll, so gespalten wie die Schulleiter in der Stadt. Lediglich die Verwaltung hat sich klar positioniert. Und die Mehrheit der Eltern.
19.11.2018, 20:15
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Eltern wollen mehr Realschule
Von Andreas D. Becker
Eltern wollen mehr Realschule

Im Bildungsausschuss saßen viele Eltern und Schüler, die ihre Meinung zur Schulplanung deutlich zum Ausdruck brachten.

Ingo Möllers

„Wir wollen die Schulformen, wie sie jetzt sind, erhalten. Und wir wollen eine neue vierzügige Realschule, um die Gymnasien zu entlasten.“ Mit großer Mehrheit haben sich die Schulelternvertreter in der Stadt dafür ausgesprochen, was der Sprecher des Stadtelternrats, Bülent Büyükbayram, in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Bildung, Wissenschaft, Sport und Kultur mitteilte. Eine dritte Oberschule, wie sie die Stadtverwaltung in der Schulentwicklungsplanung statt einer eigenständigen Realschule mit aktuell zwei Standorten und einer eigenständigen Hauptschule empfiehlt, lehnen die Eltern ab. Die Realschule hat also eine große Lobby in der Stadt. Das halten auch Politiker für wichtig, was in besagtem Ausschuss Bastian Ernst (CDU) betonte, als er zum Gedankenanstoß der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), wegen der bis zum Schuljahr 2030/2031 kontinuierlich steigenden Schülerzahlen erneut über eine zweite IGS nachzudenken, Stellung bezog: „Es geht nicht darum, was die GEW möchte, sondern was Schüler und Eltern wollen.“

Dieses Votum kommt in der gesamten Debatte nicht überraschend, denn die Erziehungsberechtigten haben es im Grunde schon abgegeben: durch die Anmeldungen an der jeweiligen Schulform. Und da liegt die Realschule, wie berichtet, mit ihren beiden Standorten Lilienstraße und Holbeinstraße (inklusive zusätzlichen Räumen, die am Stubbenweg genutzt werden) in der Eltern- und Schülergunst gerade ganz weit vorn. Insgesamt sind in den Klassen fünf bis zehn dort laut Stadtverwaltung 887 Schüler angemeldet, keine andere Schule in der Stadt ist im Sekundarbereich so groß. Auf den Plätzen zwei und drei folgen das Gymnasium an der Willmsstraße mit 816 Schülern in der Mittelstufe sowie das Max-Planck-Gymnasium mit aktuell 738 Schülern. Im Vergleich der Systeme bleibt das Gymnasium allerdings unangefochten auf dem Spitzenplatz.

Auch bei einer Befragung der Eltern von Dritt- und Viertklässlern durch die Verwaltung spiegelt sich die immense Beliebtheit der Realschule wider: 28,6 Prozent der Eltern gaben an, dass die Realschule von ihnen favorisiert würde. Die beiden Gymnasien kamen auf 24 Prozent (Willms) beziehungsweise 18,9 Prozent (Maxe). Auf Platz vier die Integrierte Gesamtschule (IGS), für die sich immerhin noch 17,4 Prozent der Eltern aussprachen. Diese Zahlen belegen, dass das Schulsystem in der Stadt auseinanderdriftet. Zumindest in der Attraktivität auf Eltern und entsprechend auch Schüler. Gerade einmal 4,1 Prozent der Eltern gaben an, dass ihr Kind ab der fünften Klasse die Wilhelm-von-der-Heyde-Oberschule besuchen soll. Vier Prozent favorisierten die Oberschule Süd, die Hauptschule wurde gerade einmal von 2,1 Prozent genannt.

Wobei die Verwaltung zwei Aspekte zu Bedenken gibt: „Insgesamt ist die Aussagekraft der Umfrage jedoch mit einer gewissen Vorsicht zu bewerten, da die Rücklaufquote niedrig war.“ Von 1374 Fragebögen, die die Stadt verschickt hat, kamen 581 ausgefüllt zurück, eine Rücklaufquote von 42,3 Prozent. Doch die Verwaltung erklärt auch, dass für die tatsächliche Schulwahl am Ende vielleicht gar nicht nur der avisierte Schulabschluss beziehungsweise das pädagogische Profil einer Schule entscheidend ist, sondern auch ganz andere Gründe eine wichtige Rolle spielen: „In den Beweggründen für die Schulwahl wurden am häufigsten zwei Gründe angegeben: Zum einen wurde benannt, dass bereits ein Geschwisterkind diese Schule besuche, und zum anderen, dass der Schulweg am kürzesten sei.“

Doch damit nicht genug: Am Ende passen die tatsächlichen Anmeldezahlen an den Schulen gar nicht unbedingt zu den Ergebnissen der Umfrage. Was wiederum daran liegen könnte, dass mehr als die Hälfte der Eltern gar nicht an der Befragung teilgenommen hat: „Die beiden Gymnasien sowie die Realschule wurden in der Umfrage stärker angewählt als im Rahmen der Anmeldungen“, führt die Verwaltung aus. „Wo sind denn genau diese Schüler am Ende geblieben?“, fragte dazu Gaby Baumgart (SPD) in der jüngsten Ausschusssitzung. Allerdings konnte die Verwaltung diese Frage nicht beantworten. An allen anderen Schulformen verhielt es sich übrigens genau anders herum.

Während sich eine deutliche Mehrheit der Eltern und Schüler scheinbar festgelegt hat, haben sich auch andere Interessengruppen jenseits der Politik positioniert. Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte Oldenburg-Ostfriesland (VNL/VDR) appelliert an die Politik: „Hände weg von der erfolgreichen Realschule! Respektieren Sie den Elternwillen!“ Der Bezirksvorsitzende Heinz-Gerd Rademacher geht davon aus, dass die Oberschulen durch das Auslaufen von eigenständiger Real- und Hauptschule nicht profitieren, sondern stattdessen die Gymnasien noch stärker angewählt würden. Und die Kreishandwerkerschaft Delmenhorst/Oldenburg-Land lässt deutlich Sympathien für den Fortbestand der Realschule durchklingen, wenn betont wird, dass es gerade an der Realschule eine „enge Verzahnung und Zusammenarbeit mit den Berufsschulen“ bereits existiert. Auch der Berufetag am Standort Lilienstraße wird explizit erwähnt. Zu den beiden Oberschulen äußern sich die Handwerker dagegen nicht.

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