„Regialog“-Teilnehmer erhalten Zertifikate für ihre Projekt-Ausstellung „Chic im Sozialismus“ auf der Nordwolle

Erfahrungen für die echte Arbeitswelt

Delmenhorst. Wer Geisteswissenschaften studiert, kann danach nicht viel – außer vielleicht Taxifahren. So lautet ein beliebtes Vorurteil.
12.01.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Erfahrungen für die echte Arbeitswelt
Von Annika Lütje
Erfahrungen für die echte Arbeitswelt

Mit der Kuration der Ausstellung „Chic im Sozialismus“ konnten Barbara Würnstl (von rechts) und Robert Wenzel reichlich Erfahrungen fürs Berufsleben sammeln, wie sie „Regialog“-Projektleiter Lars Lichtenberg und Museumsleiter Carsten Jöhnk bestätigten.

Ingo Moellers

Wer Geisteswissenschaften studiert, kann danach nicht viel – außer vielleicht Taxifahren. So lautet ein beliebtes Vorurteil. Doch wie das mit vielen Vorurteilen so ist: Ein wahrer Kern steckt doch dahinter. Das ist auch Robert Wenzel aufgefallen. „Als ich mit meinem Studium fertig war und mich bewerben wollte, habe ich gemerkt, wie schlecht man in den Geisteswissenschaften auf das praktische Arbeitsleben vorbereitet wird.“

Er hat Geschichte, Politik und jüdische Studien studiert und bewarb sich nach seinem Abschluss für ein Volontariat im musealen Bereich, denn in genau dem möchte er beruflich Fuß fassen. Doch die Volontariate sind knapp und die Konkurrenz groß – es tat sich nichts. Doch durch das Programm „Regialog – Kultur und Tourismus“ hat er nun doch einen Fuß in die museale Berufswelt bekommen und sogar ein Zertifikat dafür erhalten. Und ganz nebenbei hat er nun auch schon seine erste Ausstellung kuratiert: „Chic im Sozialismus – Kleidung in der DDR“ im Industriemuseum.

„Für Geisteswissenschaftler ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt sehr schwierig“, sagt Rico Mecklenburg, Vorstandsvorsitzender des Vereins zum Erfassen, Erschließen und Erhalten der historischen Sachkultur im Weser-Ems-Gebiet, der das „Regialog“-Programm anbietet. Just wurde am gestrigen Montag der 18. Durchgang mit der Zertifizierung der 22 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet abgeschlossen. Die Geistes- und Kulturwissenschaftler haben sich damit zu Fachreferenten für Kulturtourismus und Kulturmarketing qualifizieren lassen.

Das Programm beinhaltet drei Teile: eine 26-tägige Schulung zu Themen wie Marketing, Betriebswirtschaft und ähnliches sowie ein ebenfalls 26-tägiges EDV-Training, in dem die Teilnehmer den Umgang mit betrieblichen und gestalterischen Computersystemen erlernen, und erfahren, wie sie Kulturprojekte öffentlichkeitswirksam im Internet umsetzen. Hinzu kommt der wichtigste Teil: die halbjährige praktische Arbeit in einer der 40 teilnehmenden Einrichtungen im Weser-Ems-Gebiet.

Während Teilnehmer wie beispielsweise Silvia Drobny für die Touristikgemeinschaft Wesermarsch die dortigen Wanderwege erkundete und touristisch aufwertete, und Lisa Mach für das Projektbüro im Fachbereich Kultur der Stadt Osnabrück im Rahmen eines Wettbewerbs die schönsten sieben Gartenzwerge suchte, kuratierten Barbara Würnstl und Robert Wenzel im Delmenhorster Nordwestdeutschen Museum für Industriekultur die Ausstellung „Chic im Sozialismus“ (wir berichteten). Würnstl hat Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften studiert und sieht das Projekt als große Chance: „Ich wollte nach dem Studium und der Doktorarbeit in den Museumsbereich gehen, aber es mangelte mir an Praxis“, erzählt sie. „Die Ausstellung war eine große Herausforderung und mit Zähneklappern verbunden, aber sie war auch eine tolle Erfahrung mit einem handfesten Ergebnis. Wir haben Erfahrungen gesammelt, die wir nun auch weiter nutzen können“, fügt sie hinzu.

Auch ihr Projektkollege Wenzel sieht das so: „In vielen Praktika kann man nur anderen bei der Arbeit zusehen, hier konnten wir uns bei einer eigenständigen Arbeit ausprobieren“, berichtet er. Und noch einen wichtigen Aspekt hat er festgestellt: „Man konnte mal sehen, was man eigentlich kann – und was nicht. Ich bin zum Beispiel froh über die ganzen EDV-Kenntnisse, die wir erworben haben.“

Laut Mecklenburg ist das „Regialog“-Zertifikat im Wettbewerb mit den anderen Bewerbern auf Volontariate und anschließende Stellen ein Vorsprung. „75 Prozent unserer Teilnehmer haben ein halbes Jahr später eine sozialversicherungspflichtige Anstellung“, sagt er. Das liege auch daran, dass die Teilnehmer während ihrer Projektzeit Kontakte zu verschiedenen Einrichtungen knüpfen können. Aber auch für die Einrichtungen sind die Teilnehmer ein Gewinn, wie Carsten Jöhnk, Leiter des Nordwolle-Museums, bestätigte: „Wir sind seit 2006 bei Regialog dabei, und die Teilnehmer bringen immer frischen Wind in unser Haus und sind für unser recht kleines Team eine große Unterstützung.“ Viele Einrichtungen würden sich vor Stellenausschreibungen untereinander über die Teilnehmer austauschen und Empfehlungen aussprechen.

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