Mordprozess gegen Niels Högel Erinnerung, scheibchenweise

Auf der Suche nach der Wahrheit im Prozess um Patiententötungen an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Angeklagten. Bisher erinnerte er sich partiell.
02.01.2019, 18:35
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Erinnerung, scheibchenweise
Von Andreas D. Becker

Niels Högel wusste, dass der Moment kommen würde. Nachdem der ehemalige Krankenpfleger, der sich wegen 100 Morden vor dem Landgericht Oldenburg verantworten musste, am ersten Prozesstag über seinen Werdegang erzählt hatte, kam das Gespräch auf das Thema Glaubwürdigkeit. Richter Sebastian Bührmann, der schon 2008 und auch 2014/2015 gegen Högel verhandelte, erinnerte den von ihm selbst im jüngsten Prozess wegen zweifachen Mordes zu lebenslanger Haft Verurteilten an dessen alte Aussagen. Dass Högel sagte, er habe lediglich Patienten in Delmenhorst getötet, wahrscheinlich 30. Und immer nur habe er das Herzmedikament Gilurytmal verwendet. Nichts davon stimmte, wie die Ermittler heute wissen, wie Högel auch zum Teil eingeräumt hat.

„Ich habe das aus meiner Überzeugung heraus gesagt, dass in Oldenburg nichts war, nicht aus taktischer Lügerei“, sagte Högel zu Bührmann. „Das war tief verborgen, ich habe mich damit nicht auseinandergesetzt. Das ist jetzt erst alles hochgekommen.“ In den Gesprächen mit den Gutachtern, dem Psychiater Konstantin Karyofilis, mit dem Rechtspsychologen Max Steller, bei der Lektüre von 100 Krankenakten. Doch genau das ist der Punkt: Kann man so viele Taten verdrängen? Zumal es sehr wahrscheinlich nicht nur 100 Patienten waren, also die Fälle, die jetzt angeklagt sind, sondern noch mehr. Schließlich konnten die Ermittler die vor 15, 16, 17 oder 18 Jahren feuerbestatteten Leichname nicht mehr untersuchen. Ist Högel glaubwürdig, wenn er sagt, dass er einige Patienten garantiert nicht getötet habe? Ist es glaubwürdig, wenn er sagt, sich an bestimmte Fälle nicht zu erinnern, aber auch nichts ausschließen könne, wenn er sich bei anderen Gelegenheiten bis in kleinste Details zurückerinnert?

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Das Gericht möchte am Ende nicht allein entscheiden, ob es Högel glauben kann. Deswegen wurde der Rechtspsychologe Max Steller, ein emeritierter Professor der Freien Universität Berlin, hinzugezogen. Er hat mehrere Gespräche mit Högel geführt, um herauszufinden, ob der verurteilte Mörder glaubwürdig ist oder doch ein Taktierer oder ein chronischer Lügner. Mehrmals schon hakte Steller an den bisherigen Prozesstagen nach, weil Widersprüche auftauchten zwischen dem, was Högel ihm im persönlichen Gespräch erzählte und was Högel vor Gericht aussagte. Interessant ist zumindest, wenn man sich die bisherigen Aussagen von Psychologen und Psychiatern anschaut, was er jeweils zugab. Oder vielmehr: Was er verschwieg.

Immer wieder hat Högel seinen Gesprächspartnern nämlich nur genau das erzählt, was er eh nicht mehr leugnen konnte. Mit der Psychiaterin Susanne Brandler sprach Högel 2011, als er in Lingen einsaß. Im Juni 2008 war er wegen eines versuchten Mordes an dem Patienten Dieter M. zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Es war der Patient, bei dem Högel von Kollegen 2005 auf frischer Tat ertappt worden war. Högel sprach mit der Psychiaterin, ohne zu ahnen, dass die Polizei erneut gegen ihn in sechs anderen Fällen von Patiententötungen ermittelte. Susanne Brandler gegenüber räumte Högel also nur den Fall Dieter M. ein. Er distanzierte sich im Gespräch mit ihr von der Tat, sagte, dass das einfach nur krank gewesen sei. Das sagte die Psychiaterin vor vier Jahren vor Gericht aus. Andererseits soll Högel vor Mithäftlingen durchaus aufgeschnitten haben, ihnen vorgespielt haben, wie Menschen unter seinen Händen gestorben sind – zitternd, zuckend.

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Auch der Oldenburger Gefängnispsychologin Denise Grenz öffnete sich Högel nur im Rahmen dessen, was eh nicht mehr zu leugnen war. Zu der Zeit, als die beiden miteinander sprachen, gab es ebenfalls nur das Urteil wegen des versuchten Mordes an Dieter M., als das gesamte Ausmaß von Högels Taten noch nicht ansatzweise bekannt war. Dass er Dieter M. das Gilurytmal gespritzt hatte, erklärte Högel der Psychologin mit seiner Überforderung: die schwere Geburt seiner Tochter, die Depressionen seiner Frau. Es war die Zeit, in der er zu viel trank, meistens um von den aufwühlenden Arbeitstagen runterzukommen und um besser schlafen zu können. Zusätzlich schmiss er sich Schlaftabletten und Beruhigungspillen ein. Um morgens wieder in Schwung zu kommen, nahm er wieder Tabletten, auch bediente er sich im Krankenhaus an Medikamenten, um seine Entzugserscheinungen zu kaschieren. Högel arbeitete ständig, im Krankenhaus, auf dem Rettungswagen beim Deutschen Roten Kreuz in Ganderkesee. So erklärte er ihr, wie es zu dem Mordversuch an Dieter M. kam. Über andere Morde sagte er nichts.

Noch bevor es zu den Gesprächen mit der Psychiaterin und der Psychologin kam, hatte Högel selbst andere Motive als die jetzt vor Gericht immer wieder zitierte krankhaft eitle Selbstinszenierung bei Wiederbelebungen für seine Taten genannt. Im Gefängnis vertraute er einem Mitgefangenen an, dass es ihm darum gegangen sei, den schwer krebskranken Patienten Dieter M. zu erlösen. In der polizeilichen Vernehmung direkt nach seiner Verhaftung hatte er erzählt, dass er Herzrhythmusstörungen bei Dieter M. festgestellt hatte und ihn mit dem Gilurytmal nur retten wollte.

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Auch bei einer anderen Episode, einer Knastepisode, gibt es unterschiedliche Versionen, bei denen die Frage aufkommt, ob sich Högel im Gefängnis seinen Mithäftlingen gegenüber anders verkauft, als er es in der Öffentlichkeit vor Gericht tut. Dazu ist wichtig zu wissen, dass Högel im Gefängnis anscheinend einigermaßen beliebt war. In seiner Zelle waren meist Mithäftlinge anzutreffen, sagten andere Gefangene aus. Ein Mitinsasse aus Lingen erzählte, dass er und Högel öfter an der X-Box gespielt hätten. Doch über sein Berufsleben oder die Taten habe er nie etwas erzählt, eher über seine Tochter, berichtete Leif M. Als Högel schließlich die Anklageschrift für den zweiten Prozess zugestellt bekam, soll er aber sehr wohl darüber gesprochen haben. Bei 50 Toten habe er aufgehört zu zählen, habe Högel geprahlt, sagten Mithäftlinge vor Gericht aus. Oder: „Dann bin ich wohl der größte Serienmörder der Nachkriegsgeschichte.“ Auch Denise Grenz, der Oldenburger Gefängnispsychologin, kam das zu Ohren. Sie sprach Högel darauf an, der ihr gegenüber aber abwiegelte. Er hätte das eher ironisch gemeint, er wäre doch nicht der größte Serienmörder der Nachkriegsgeschichte. Und: „Ich bin doch nicht rumgerannt mit einer Spritze in der Tasche und habe ständig die Patienten gespritzt.“

In den Gesprächen mit dem im jüngsten Prozess ebenfalls schon vom Gericht bestellten Psychiater Konstantin Karyofilis – nicht ahnend, was die Soko „Kardio“ herausfinden würde – beteuerte Högel noch, dass er Patienten nur in Delmenhorst, nicht in Oldenburg in lebensbedrohliche Situationen gespritzt habe, um sie anschließend zu retten. „So etwas zu tun, sei in Oldenburg niemals ein Gedanke gewesen. Das wäre auch zu heikel gewesen, weil ständig Anästhesisten vor Ort waren. Und so sei er damals noch nicht gewesen“, berichtete Karyofilis vor Gericht aus den Gesprächen mit Högel. Doch die aktuellen Ermittlungsergebnisse und auch Högels Einlassungen zeigen, dass der ehemalige Krankenpfleger in Oldenburg sehr wohl schon so war wie später auch in Delmenhorst.

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Wenn es gelang, einen Patienten wiederzubeleben, genoss Högel das Lob. Man merke, dass er aus Oldenburg komme, von der herzchirurgischen Intensivstation, der pflegerischen Königsklasse, lobte eine Delmenhorster Kollegin ihn nach einer erfolgreichen Reanimation. Das war es, wonach er gierte. Karyofilis sagte er: „Es ging mir nur um meinen Podestplatz.“ Es sei ihm aber nie darum gegangen zu töten. Dass es aber passiert, dass Patienten sterben, wusste er. Högel führte aus, dass er bewusst immer Patienten gewählt habe, denen es extrem schlecht ging und die eine schlechte Prognose hatten. Weil er sicher gehen wollte, dass sie ihn nicht identifizieren können, wenn sie etwas mitbekommen. Oder handelte er doch eher nach dem Motto: Bei derart schwer kranken Patienten ist der Kollateralschaden nicht so groß, wenn die Wiederbelebung missglückt, weil bei diesen Patienten keiner so genau hinschauen würde, wenn sie sterben. Eben weil jederzeit mit ihrem Ableben zu rechnen war.

Karyofilis hielt Högel, wie auch die Psychiaterin in Lingen und die Psychologin in Oldenburg, für glaubwürdig. Der einzige Punkt, erzählte Karyofilis, an dem Högel ihm gegenüber wohl nicht die Wahrheit sagte, war ein medizinisches Faktum. Högel meinte, er hätte gar nicht gewusst, dass man Menschen auch mit Insulin töten könne. Aber das glaubte der Psychiater aufgrund des profunden medizinischen Wissens des ehemaligen Krankenpflegers nicht. Karyofilis empfand Högel in den Gesprächen sehr um „Sachlichkeit und Professionalität“ bemüht, wenn sie die einzelnen Taten erörterten. Wenn es aber darum ging, die Episoden neben dem Krankenhausgeschehen zu beleuchten, tat Högel sich deutlich schwerer, er habe sich gequält. Allerdings hat Högel auch frei erzählt, detailreich, Karyofilis musste ihm nicht oft auf die Sprünge helfen. „Högel hat ein großes Mitteilungsbedürfnis“, konstatierte Karyofilis.

Der vom Gericht bestellte Psychiater machte bei Högel eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung aus, er sei pedantisch mit perfektionistischen Tendenzen, zudem paranoid, jemand, dem es schwerer als anderen falle, vertrauensvoll Kontakt aufzubauen und zuzulassen. Aber eine schwere narzisstische Störung, wie sie eine andere Gutachterin diagnostizierte, sei nicht festzustellen, höchstens narzisstische Komponenten. Zudem sei Högels Verhalten geprägt durch Ängstlichkeit, wobei er immer versucht habe, seine Ängste zu verdrängen, zum Beispiel durch Hyperaktionismus. Eigentlich sei Högel ein „Angsthase“, ein Begriff, auf den sich der verurteilte Mörder und Karyofilis in ihren Gesprächen vor vier Jahren einigen konnten.

Es sei Högel laut Karyofilis aber nur oberflächlich darum gegangen, auf ein Podest gehoben zu werden. Seine Hypothese ist vielmehr, dass im Hintergrund noch andere Mechanismen gewirkt haben müssen. „Er kann mit dem Tod nicht so gut umgehen, wie er glaubt“, führte Karyofilis vor Gericht aus. „Deswegen ist er davor geflohen. Er hat sich kontraphobisch verhalten durch das Herbeiführen lebensbedrohlicher Situationen.“ Högel brauchte die Vergewisserung, dass er derjenige ist, der Dinge zum Guten wenden kann. „Aber meine Theorie ist nicht beweisbar“, gab Karyofilis zu. „Es geht Niels Högel darum, sich gut zu fühlen, damit er sich nicht schlecht fühlen muss.“ Aber das war eben auch eine Analyse vor dem Hintergrund von rund 30 von Högel eingeräumten Morden in Delmenhorst mit dem Herzmedikament Gilurytmal.

„Die Erinnerungen an seine Taten sind im Kern vorhanden, wenn auch unvollständig. Er hat sich einfach ungern damit beschäftigt“, sagte Karyofilis. Högel musste sich erst mit dem Gedanken anfreunden, dass er jemand gewesen ist, der er nie sein wollte. In den Gesprächen sei Högel durchaus zugewandt gewesen, zunächst aber auch verunsichert, zurückhaltend. Högel sei „sehr betroffen, über das, was er schilderte“. Högel meinte zu dem Psychiater, er sei behandlungsbedürftig. Aber nicht psychisch krank.

Info

Zur Sache

Prozess gegen Niels Högel

An diesem Donnerstag und Freitag wird der Prozess gegen Högel vor dem Landgericht Oldenburg in den Weser-Ems-Hallen fortgesetzt. Prozessbeginn ist jeweils um 9 Uhr. Nachdem die vergangenen vier Prozesstage dazu dienten, die 100 Taten, die Högel vorgeworfen werden, mit dem ehemaligen Krankenpfleger zu besprechen, wird jetzt der Blick auf die Ermittlungen gerichtet. An beiden Verhandlungstagen kommen ermittelnde Kriminalbeamte zu Wort, zuerst Kriminaloberrat Arne Schmidt, Leiter der Sonderkommission „Kardio“, die fast drei Jahre lang jedes Detail in Högels Berufsleben beleuchtet hat. Am Freitag dreht sich dann bei den Vernehmungen fast alles um die Delmenhorster Fälle.

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