Interview zum Weltfrauentag „Frauen mussten kreativer werden“

Virginia Sroka-Rudolph hat mit „Feminist Friday Delmenhorst“ eine feministische Gruppe aufgebaut. Im Interview berichtet sie, wie sich ihr Engagement in der Corona-Krise verändert hat.
07.03.2021, 16:57
Lesedauer: 5 Min
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„Frauen mussten kreativer werden“
Von Björn Struß
Frau Sroka-Rudolph, der 8. März ist der Weltfrauentag. Feministinnen sprechen auch vom „Frauenkampftag“. Welche Bezeichnung gefällt Ihnen besser?

Viginia Sroka-Rudolph: Es gibt sogar noch einen dritten Begriff: der feministische Kampftag. Ich kann mich mit beiden Begriffen gut anfreunden. Wichtig ist die Sichtbarkeit von Frauen in der Bezeichnung, weil es ganz klar ein Kampf von Frauen war, gleiche Rechte einzufordern.

Müssen Frauen denn heute immer noch für ihre Rechte kämpfen? Braucht es ein so starkes Wort?

Ja, absolut. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass gesellschaftlicher Wandel nicht durch Bitten entsteht. Die Geschichte hat gezeigt, dass in den verschiedenen Wellen des Feminismus verschiedene Protestformen nötig waren, um grundlegende Rechte wie das Frauenwahlrecht einzuführen. Das wäre nicht passiert, wenn Frauen nur darum gebeten hätten, das Wahlrecht zu erhalten.

Seit einem Jahr beherrscht die Corona-Krise unser Leben. Wie hat sich dadurch Ihr Engagement als Feministin verändert?

Bei der alltäglichen Arbeit und im gelebten Aktivismus mussten wir uns neu orientieren und neue Formate finden. Es ging darum, coronakonform zu kommunizieren und weiterhin unsere Community zu erreichen. Das ist uns mit Online-Talks und Online-Stammtischen gelungen.

Das ist die organisatorische Seite. Aber hat Corona auch Ihren Blick auf feministische Themen verändert?

Ja, auf jeden Fall. Da wäre zum Beispiel das Thema Care-Arbeit. Da wurde sehr schnell deutlich, dass eine Verschiebung zu traditionellen Rollenbildern stattfindet. In Familien mit Mann und Frau im Home-Office war es dann doch wieder sie, die sich um die Hausaufgaben der Kinder und den Haushalt gekümmert hat.

Das, was Schulen und Kitas in der Pandemie oft nicht leisten konnten, mussten also oft Frauen ausgleichen. Wie gelingt es, diese zusätzliche Belastung zu bewältigen?

Durch ein strengeres Zeitmanagement. Ich habe mitbekommen, dass Frauen deutlich kreativer werden mussten. Die Arbeitszeit spielte sich eben nicht mehr zwischen 9 und 18 Uhr in einem Büro ab. Stattdessen wurden die ersten Mails beantwortet, bevor die Kinder wach wurden. Und vieles hat sich dann am Abend abgespielt, bis tief in die Nacht hinein. Es funktioniert also leider nur mit einem sehr durchstrukturierten und stressigen Tag.

Unterm Strich bleibt also weniger Zeit für sich selbst.

Damit einher geht oft auch die eigene Erwartungshaltung und ein gewisser gesellschaftlicher Druck: Ich bin für die Kinder zuständig. Oder auch das Gefühl, dem Mann den Rücken freihalten zu müssen.

Sind es immer noch mehrheitlich Mütter, die unter diesem Druck stehen?

Es findet schon eine Veränderung statt. Viele Männer distanzieren sich von einer passiven Vaterrolle. Dennoch suggerieren viele Medien und Bildungsinstitutionen, dass es die Aufgabe der Frau ist, sich um die Familie zu kümmern.

Ein weiteres Corona-Thema ist die häusliche Gewalt. Davon sind Frauen grundsätzlich deutlich stärker betroffen als Männer. Welchen Einfluss hat ein Lockdown auf diese Gefahr?

Dieses Problem hat sich in die Unsichtbarkeit verschoben. Zuvor gab es Institutionen, die darauf geachtet haben. Etwa durch Schulen oder Kitas, die täglich Kontakt zu den Kindern haben. Auch bei ihnen ist es sichtbar, wenn die Mutter unter häuslicher Gewalt leidet. Ein anderes Feld ist der persönliche Austausch auf der Arbeit. Auch das ist weggefallen. Bei einem sehr kontrollierenden Täter ist es für Frauen auch schwieriger geworden, Kontakt zu Hilfsangeboten aufzunehmen.

In Polizeistatistiken ist für Delmenhorst bisher noch kein Anstieg der häuslichen Gewalttaten zu verzeichnen. Gehen Sie trotzdem davon aus, dass Corona diese Gefahr verstärkt?

Das Frauenhaus in Delmenhorst hat beobachtet, dass sich der Zeitraum der Meldungen stark verändert hat. Während des Lockdown gab es viel weniger, danach ist die Zahl der gemeldeten Fälle allerdings deutlich angestiegen. Trotz vieler Phasen der Nichtmeldungen ist man im Schnitt trotzdem auf die gleichen Zahlen gekommen.

Ein harter Themenwechsel: Delmenhorst steht in diesem Jahr vor der Wahl eines neuen Oberbürgermeisters – oder Oberbürgermeisterin. Mit Petra Gerlach, Funda Gür und Bettina Oestermann hatten zunächst ausschließlich Frauen ihre Kandidatur bekannt gegeben. Freut Sie das?

Das war überraschend. Grundsätzlich ist es wichtig, dass Frauen auf der politischen Bühne deutlich sichtbarer werden. Unabhängig von Delmenhorst muss man aber berücksichtigen, dass Frauen nicht automatisch auch eine feministische Politik betreiben. Deswegen bin ich gespannt, wie sich der Wahlkampf entwickelt.

Können Sie aktuell beurteilen, ob eine der drei Bewerberinnen eine Feministin ist?

Nein, bislang nicht.

Es gibt nur wenige Politikerinnen, die sich selbst klipp und klar als Feministin bezeichnen. Woran liegt das?

Es ist leider immer noch ein sehr negativ konnotierter Begriff. Häufig sind die Assoziationen eine störrische Frau. Auch das Wort Kampflesbe fällt dann oft. Zudem schwimmen erklärte Nicht-Feministinnen in männerdominierten Berufen auch leichter mit dem Strom.

Hat Sie schon mal jemand Kampflesbe genannt?

Glücklicherweise nicht direkt. Aber in Online-Diskussionen erfahre ich schon Abwertungen oder Bedrohungen, zum Beispiel durch angedrohte Vergewaltigungen.

Schrecken Sie deshalb manchmal auch davor zurück, sich ohne Wenn und Aber als Feministin zu positionieren?

Nein, nicht mehr. Früher war ich allerdings schon zaghafter, weil der Begriff sehr polarisiert. Inzwischen bin ich für die Reaktionen gewappnet. Auch für die Nachfragen, häufig zu Alice Schwarzer.

Das Interview führte Björn Struß

Info

Zur Person

Virginia Sroka-Rudolph (32)

hat am 8. März 2019 die Gruppe „Feminist Friday Delmenhorst“ ins Leben gerufen. Mit einem monatlichen Stammtisch tauscht sich das Kollektiv über feministische Themen aus. In der Corona-Krise nutzt die Gruppe überwiegend Videokonferenzen. Der Kontakt ist per E-Mail an femfridaydel@gmail.com möglich.

Info

Zur Sache

Handzeichen als Hilferuf

Weil es im Lockdown für Frauen schwerer ist, bei häuslicher Gewalt um Hilfe zu bitten, macht Feminist Friday Delmenhorst auf ein geheimes Handzeichen aufmerksam. Das Leben spiele sich aktuell viel in der eigenen Wohnung ab, es gebe kaum Privatsphäre und die Täter könnten jeden Schritt kontrollieren. „Für Betroffene ist es daher oft kaum möglich, telefonisch Hilfe zu rufen“, warnt die feministische Gruppe. Ein „Signal for Help“, erarbeitet von der Canadian Women´s Foundation, soll deshalb einen Hilferuf beim Einkaufen oder anderen Alltagssituationen möglich machen. Feminist Friday Delmenhorst erklärt das stille Zeichen so: „Heben Sie eine Hand senkrecht mit den Fingerspitzen nach oben, so dass Ihr Gegenüber Ihre Handinnenfläche sieht, dann knicken Sie den Daumen der Hand so ab, dass er in der Handinnenfläche liegt. Abschließend schließen Sie die restlichen Finger der Hand langsam über den Daumen, so dass Sie eine Faust bilden.“ Dann gelte es, sofort, aber auch bedacht zu reagieren.

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