Landesprojekt „Frauen-Orte“ Frauenarbeit auf der Nordwolle

Delmenhorst wird „Frauen-Ort“. Die Stadt ist damit eine von drei niedersächsischen Kommunen, die die Liste der 35 Frauen-Orte 2018 erweitert. Aushängeschild ist die ehemalige Wolleanerin Ruth Müller
07.02.2018, 16:35
Lesedauer: 3 Min
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Von Kerstin Bendix-Karsten

Delmenhorst. Kennen Sie Ruth Müller noch? Die engagierte Wolleanerin mag in den fast zehn Jahren seit ihrem Tod ein wenig in Vergessenheit geraten sein. Doch die Kampagne „Frauen-Orte Niedersachsen“ des Landesfrauenrats will dies ändern und die Leistungen von Ruth Müller wieder stärker ins Bewusstsein rufen. Denn Delmehorst wird „Frauen-Ort“ und dieser nun untrennbar mit ihrem Namen verknüpft.

Bisher waren es vor allem Künstlerinnen, Ärztinnen, Politikerinnen oder Pädagoginnen, die der Landesfrauenrat Niedersachsen im Rahmen der Initiative „Frauen-Orte Niedersachsen“ geehrt hat. Insgesamt sind es 35 Kommungen, darunter auch Ganderkesee, die sich an dem landesweiten Projekt beteiligen. Als weiterer Standort in Niedersachsen hat sich die Stadt Delmenhorst beworben und als eine von drei Kommunen für 2018 den Zuschlag bekommen, einen Frauen-Ort einzurichten, wie aus einer Vorlage der Stadtverwaltung für die Sitzung des Ausschuss für Bildung, Wissenschaft, Sport und Kultur am 15. Februar hervorgeht. Träger des Projektes ist das Nordwestdeutsche Museum für Industriekultur der Stadt Delmenhorst in Kooperation mit der städtischen Gleichstellungsbeauftragten.

Mit ihrer Bewerbung will die Stadt Delmenhorst ihre Vergangenheit als ehemals weltbedeutender Industriestandort weiter hervorheben und dabei besonders die Rolle der Frauenarbeit auf der Nordwolle in den Blick nehmen. Denn seit der Werksgründung 1884 habe die Frauenquote immer bei rund 50 Prozent gelegen. Um dem Wirken der Wolleanerinnen ein Gesicht zu geben, wurde Ruth Müller, die 2008 im Alter von 85 Jahren verstarb, ausgewählt. An ihrer Person soll beispielhaft in einem permanenten Ausstellungsteil im Nordwestdeutschen Museum für Industriekultur das gewerkschaftspolitische Engagement von Frauen in der Arbeitswelt gewürdigt werden. Der Frauen-Ort Delmenhorst soll im Juni 2018 eröffnet werden, wie die Stadtverwaltung wissen lässt.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Oldenburg-Ostfriesland unterstützt den Plan der Stadtverwaltung, Ruth Müller in die Initiative „Frauen-Orte Niedersachsen“ aufzunehmen. Sie stehe für eine Generation von Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg erwerbstätig waren und die als Fabrikarbeiterinnen in der Textilindustrie die schlechter bezahlten und weniger angenehmen Arbeiten verrichteten. Die Vorarbeiter, Meister, Obermeister seien dagegen bis auf einzelne Ausnahmen Männer gewesen. Anhand der Person Ruth Müller kann nach Ansicht des DGB die Veränderung der Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft außerordentlich gut verdeutlicht werden. Müller stehe stellvertretend für die Arbeiterin, die Gewerkschafterin und Betriebsrätin der Nordwolle, die sich um die Rechte der Frauen am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft stark gemacht habe. Auch werde man an ihr die Geschichte der Migrantinnen, Müller selbst war eine aus Niederschlesien Vertriebene, nachziehen können und ihren Kampf um soziale Teilhabe und Akzeptanz.

„Wir waren grau wie die Mäuse und schnell wie die Mäuse.“ So beschrieb Ruth Müller in einem Interview mit dem DELMENHORSTER KURIER im Jahr 2006 die Frauen, die in der Wollkämmerei und Spinnerei gearbeitet haben. Ihr halbes Leben hatte sie auf der Nordwolle verbracht – zuerst in der Fabrik und später im Museum, wo sie acht Jahre lang fast täglich Besuchern Maschinen und Arbeitsvorgänge erläuterte.

Dass Ruth Müllers Leben so eng mit der Delmenhorster Wollkämmerei verbunden sein würde, hätte ihr als Kind niemand vorhergesagt. Sie stammt aus Niederschlesien, wo ihre Eltern ein Hotel betrieben. Delmenhorst sah sie 1941 zum ersten Mal: Sie arbeitete bei der Weser-Flug, einem Rüstungsbetrieb, schweißte und nietete Metallteile zusammen. Danach kehrte sie noch einmal in ihre Heimat zurück, kam durch die Vertreibung jedoch endgültig nach Delmenhorst. Im Januar 1947 nahm sie ihre Arbeit in der Wollkämmerei auf. Bis auf eine zwischenzeitliche Pause war sie bis zum Untergang 1981 dabei. Auch das anschließende zweijährige Finale der Wollverarbeitung in Delmenhorst bei der Nachfolgefirma Rehers machte sie noch mit.

Sie möchte die Jahre auf der Nordwolle nicht missen, bekannte Müller 2006 im Gespräch mit dem DELMENHORSTER KURIER. Diese Zeit habe ihre Persönlichkeit geprägt. Sie hat erlebt, wie die Arbeiterinnen schuften mussten, schnell wie Mäuse mussten sie sein. Die graue Farbe bekamen sie durch die Staubschicht, die sich während der Arbeit auf der Haut ablagerte. Für Müller war es eine Selbstverständlichkeit, sich für ihre Kolleginnen einzusetzen. Zwei Jahrzehnte lang vertrat sie im Betriebsrat die Interessen der Frauen. Nach der Eröffnung des Fabrikmuseums erzählte sie Besuchern aus ihrer Zeit als Wolleanerin.

Nun – fast zehn Jahre nach ihrem Tod – wird Ruth Müller im Rahmen des Projektes „Frauen-Ort Delmenhorst“ selbst zu einem festen Ausstellungsteil im Nordwestdeutschen Museum für Industriekultur. Daneben soll im Museum ein Ausstellungskonzept erstellt und ein nachhaltiges Begleitprogramm konzipiert werden, um das Thema verschiedenen Zielgruppen zu vermitteln.

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