Soirée mit Anna Markova und Gennady Kusnetzov

Frühling in der Villa Kaufmann

Geigerin Anna Markova und Gennady Kusnetsov präsentierten an diesem Wochenende in der Villa Kaufmann ihr Programm "Frühling, Liebe Musik", mit dem sie ihr Publikum restlos beglückten.
13.05.2018, 17:51
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Günter Matysiak
Frühling in der Villa Kaufmann

Geigerin Anna Markova und Gennady Kusnetsov präsentierten am Wochenende in der Villa Kaufmann ihr Programm "Frühling, Liebe Musik", mit dem sie ihr Publikum restlos beglückten.

INGO MOELLERS

Delmenhorst. Hausherr Hagen Möller empfing seine Gäste in fein betresster Livrée. Die roten Jeans und die silbernen Schuhe sind künstlerisch-theatralischer Fantasie geschuldet. Und sein Haus, die Villa Kaufmann, ist seine Bühne, die er zwei Mal im Jahr an jeweils drei Abenden professionellen Künstlern überlässt. An diesem Wochenende waren das die Geigerin Anna Markova und ihr Partner und Begleiter auf der Gitarre, der russische Kulturjournalist Gennady Kuznetsov. Sie präsentierten ihr aktuelles Programm „Frühling, Liebe, Musik".

Man kann sich für eine derartige musikalisch-literarische Soirée kein geeigneteres Ambiente vorstellen als die Räume dieser Gründerzeit-Villa mit ihren von Bildern überquellenden hohen Wänden, den aparten Lampen, dekorativ umherstehendem Geschirr, wie hingeworfen drapierten Büchern, alten Möbeln bis hin zur 50er-Jahre-Musik-Truhe und den vielen Uhren, auf denen die Zeit stehen geblieben ist.

In seiner Begrüßung der rund 60 Gäste unter dem Picasso-Motto „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“ zeigte sich Möller als eloquenter Redner. Ehe er die Bühne frei gab, ließ er ein bisschen Geschichte des Hauses Revue passieren, verriet etwa die Tricks, die Behörden dazu zu bringen, die Villa Kaufmann, den „Traum seines Lebens“, schließlich doch unter Denkmalschutz zu stellen.

Vom kurz angespielten Thema des ersten Satzes des "Frühlings“ aus Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ hätte man gerne mehr gehört, die Bearbeitung für Violine und Gitarre wäre sicher reizvoll gewesen. Aber es gab dann gleich den poetischen Frühling mit Ludwig Höltys „Frühlingslied“, das singt von „blauer Luft“ und „grünem Tal“ und „buntem Wiesengrund“ und auch Gottesnähe assoziiert. Dieser Nähe von Leichtheit und Tiefsinn war auch Anna Markova auf der Spur in ihrer Interpretation des „Grave“ aus Johann Sebastian Bachs dritter Sonate für Violine solo. Sie spielte das mit strengem, kraftvoll geradem Ton, ihre atmende Phrasierung und die beredte Artikulation wiesen sie als Kennerin Alter Musik aus.

Das prägte auch die drei Sätze einer „Fantasie“ für Violine solo von Georg Philipp Telemann, dessen immer noch mangelnde Wertschätzung Kuznetsov in seiner anekdotenreich-sachkundigen Moderation ansprach. Mit den Telemann-Sätzen wechselten sich Heine-Gedichte ab: Deren liebevolle Erregtheit spiegelte sich im herzklopfenden Puls, den Anna Markowa ihrer Musik gab, wie überhaupt Musik und Gedichte eine dichte Einheit bildeten, fast in der Art eines Melodrams. Und so, wie Kusnetsov die Gedichte vortrug, traf schmunzelnd-ironische Distanz auf zärtliche Einfühlung. Zu einer der teuflisch virtuosen „Capricen“ las Kuznetsov aus einer Heine-Kritik zu Paganinis Geigenspiel. Und das darin vorkommende Bild der im Sonnenlicht haschenden Schmetterlinge passte auch auf die bravouröse Interpretation der Caprice perfekt.

Zu Heines „Es erklingen alle Bäume“ zeigte sich Markova als inspirierte Improvisatorin und ließ ihre Musik mit allerlei Vogelstimmen auftönen. Inspiriert war sie in folgenden Volksliedimpovisationen immer auch vom großen Vorbild Bach und seiner kunstvollen Mehrstimmigkeit. „The Queens Treble“ des Renaissancekomponisten John Johnson bot ihr aber auch Gelegenheit, à la Paganini „kapriziös“ zu fantasieren.

Heines „Loreley“ gab es dann in drei Sprachen: auf Deutsch, vorgetragen mit augenzwinkerndem Pathos, auf Russisch und auf Weißrussisch, das bei Anna Markova wie eine geheimnisvolle Musik klang, die von der Gitarre Gennady Kuznetsov fast zärtlich aufgenommen wurde.

Noch einmal ließ die Geigerin ihr Instrument wie einen Vogel singen: Pablo de Sarasates „Gesang der Nachtigall“ bot ihr Gelegenheit, mit meisterhafter Virtuosität zu glänzen. Auch mit dem "Hummelflug“ von Nikolai Rimsky-Korsakow würde sie leicht den Geschwindigkeitsrekord für diesen Reißer brechen. Zu den „neuen Liedern und Tänzen“ in Goethes „Mailied“ passte der wilde Tango von Astor Piazzolla. Fritz Kreislers „Rezitativo und Scherzo“ bot Gelegenheit zum großen, schwelgerischen Geigenton und zur tänzerisch-virtuosen Verspieltheit. Wilhelm Busch und sein „Fink und Frosch“ taugten gut zu ganz realistischer Geigenmalerei.

Anzurühren vermag Anna Markowa auch, wenn sie singt und ihre schöne Stimme voller naturhafter Melancholie oder im szenisch-spielerischen Dialog zickig-kratzbürstig tönt – so in der Zugabe nach begeistertem Schlussapplaus des rundum beglückten Publikums.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+