Stiefmutter-Blog

Ganderkeseerin schreibt über Leben mit zweiter Familie

Für die zweite Frau an der Seite eines Vaters ist es nicht leicht, wie Susanne Petermann weiß. Daran will die 52-Jährige etwas ändern. Sie betreibt einen Blog für Stiefmütter.  
10.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Ganderkeseerin schreibt über Leben mit zweiter Familie
Von Esther Nöggerath

Bei „Aschenputtel“ behandelt sie die Stieftochter wie ihre Sklavin, in „Hänsel und Gretel“ überredet sie ihren Mann dazu, seine Kinder im Wald auszusetzen und bei „Schneewittchen“ beauftragt sie sogar deren Ermordung – die Stiefmutter ist, nicht nur im Märchen, seit jeher als „böse“ verschrien und auch heutzutage ist es für die zweite Frau an der Seite eines Vaters nicht immer einfach, wie Susanne Petermann weiß.

Daran will die 52-Jährige etwas ändern. Sie betreibt seit gut vier Monaten einen Blog für Stiefmütter – mit enormem Anklang. Seit Anfang Dezember waren bereits über 40.000 Besucher auf ihrer Internetseite.

„Ich habe unglaublich viel Resonanz bekommen“, berichtet Susanne Petermann. Frauen, die ihr sagten, sie würde ihnen aus der Seele sprechen, oder die so erleichtert seien, nicht alleine zu sein, dass sie weinend vor dem Computer gesessen hätten. „Die meisten Stiefmütter können in ihrer Umgebung nicht über ihre Probleme sprechen“, hat die Neu-Bloggerin gemerkt. Oft bekäme man dann dumme Sprüche zu hören, weil man ja gewusst habe, was auf einen zukommen würde.

„Viele Frauen schämen sich auch für ihr eigenes Versagen. Aber selbst, wenn alles gut läuft: Kompliziert ist es immer.“ Teilweise erzählten ihr die Frauen auch erschütternde Geschichten – etwa von traumatisierten Kindern, die von heute auf morgen von der leiblichen Mutter zum Vater abgeschoben wurden und die Stiefmutter umgehend zur Vollzeitmama gemacht haben. „Das Ganze ist oft auch ein sehr trauriges Thema“, findet die 52-Jährige.

Gerade deswegen versteht Susanne Petermann auch nicht, warum es nur so wenig Hilfsangebote für Stiefmütter und -väter gibt. „Es gibt keine Selbsthilfegruppen oder Beratungsstellen wie für Alleinerziehende“, berichtet die Journalistin, die seit fünf Jahren bei ihrem neuen Mann in Ganderkesee lebt. Obwohl ihre drei Stiefkinder bereits alle erwachsen und ausgezogen sind, war das Verhältnis zu ihnen nicht immer einfach. „Zu der ältesten Tochter haben wir seit einem Streit gar keinen Kontakt mehr“, erzählt Susanne Petermann. Das habe die ganze Familie und auch die Beziehung zu ihrem Mann enorm belastet. „Und man selbst ist hilflos“, gesteht sie.

Als die Journalistin vergebens nach Ratgebern oder Hilfe von außen suchte, entschloss sie sich schließlich dazu, etwas Eigenes zu starten. Über eine Anzeige in der Zeitung suchte sie nach Gleichgesinnten und bekam innerhalb von zwei Wochen über 30 Rückmeldungen. Irgendwann waren es so viele Geschichten, die sie zu hören bekam, dass sie auf die Idee kam, ein Buch darüber zu schreiben. „Du hast mir gar nichts zu sagen! Stiefmütter sein ist nichts für Feiglinge“ heißt es und erscheint am 20. April.

Weil das Thema aber so umfassend ist und es immer noch mehr zu erzählen gibt, startete Susanne Petermann schließlich im Dezember den Blog. Und der findet nicht nur Anklang bei Frauen, sondern auch bei zahlreichen betroffenen Männern. „Bei einigen hat sich durch meinen Blog überhaupt auch erst ein Verständnis für die eigene Frau gebildet“, sagt Susanne Petermann. Vereinzelt hätten sich auch Stiefväter bei ihr gemeldet, das seien aber leider nur sehr wenige gewesen. „Ich fürchte, dass die Stiefväter oft noch leiser sind als die Stiefmütter.“

Der größte Vorteil des Internet-Blogs: Die Besucher können anonym kommentieren. „Die meisten Frauen sind sehr drauf bedacht, ihre Anonymität zu wahren“, erklärt Petermann, auch wenn sie eigentlich hofft, dass man irgendwann davon weg kommen wird. „Wenn wir wollen, dass sich etwas für uns ändert, dann müssen wir uns auch zeigen und laut werden.“

Susanne Petermann würde sich wünschen, dass es eines Tages überall in Deutschland Beratungsstellen und Angebote für Stiefmütter gibt, wo dann auch geschulte Fachleute ihre Hilfe anbieten. Um dort irgendwann hinzukommen, will sie den ersten Schritt in die richtige Richtung tun. Sie hofft, dass ihr Buch großen Anklang finden wird und das Thema so bei den Menschen präsenter wird.

Außerdem sucht sie den Kontakt zur Politik, trifft sich in nächster Zeit mit der Bundestagsabgeordneten Susanne Mittag oder dem Landtagsabgeordneten Ansgar Focke. Auch ein Seminar bei der Volkshochschule mit dem Titel „Fit für den Stiefmutteralltag – Wege durch den Patchworkdschungel“ gibt Petermann am Dienstag, 2. Juni, in Ganderkesee und dann im Herbst noch einmal in Wildeshausen. Und der Stiefmutter-Stoff, der eben nicht nur für Schauermärchen taugt, ist so umfangreich, dass die Ganderkeseerin schon an ihrem zweiten Buch schreibt.

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