Die neue Rabbinerin Alina Treiger beginnt mit dem Erinnern an die Pogromnacht Gedenken an ermordete Juden

Delmenhorst. Und dann begann Alina Treiger zu singen. Klar und hell und traurig klang die Stimme der Rabbinerin, als am Ehrenmal die Kränze zum Gedenken an die ermordeten und verfolgten Juden der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 niedergelegt wurden. Es war ein intensiver Moment, den rund 70 Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Politiker und Würdenträger anderer Religionsgemeinschaften begleiteten. Und es war eine der ersten offiziellen Handlungen Alina Treigers als neue Rabbinerin in Delmenhorst.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Andreas D. Becker

Delmenhorst. Und dann begann Alina Treiger zu singen. Klar und hell und traurig klang die Stimme der Rabbinerin, als am Ehrenmal die Kränze zum Gedenken an die ermordeten und verfolgten Juden der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 niedergelegt wurden. Es war ein intensiver Moment, den rund 70 Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Politiker und Würdenträger anderer Religionsgemeinschaften begleiteten. Und es war eine der ersten offiziellen Handlungen Alina Treigers als neue Rabbinerin in Delmenhorst.

Vergangenen Donnerstag wurde die 31-Jährige in Berlin in ihr geistliches Amt eingeführt. Alina Treiger musste deswegen ziemlich viele Interviews geben. Die gebürtige Ukrainerin ist die erste Frau, die in der Bundesrepublik ordiniert wurde. Vor ihr wurde bisher nur eine andere Frau in Deutschland ausgebildet und berufen, Regina Jonas, sie war 1935 sogar die erste Rabbinerin der Welt. Sie wurde später in Auschwitz ermordet. Alina Treiger, die gerade ihr Studium am liberalen Abraham-Geiger-Kolleg in Berlin beendet hat und nun die Gemeinden Oldenburg und Delmenhorst betreuen soll, ist seit 75 Jahren die erste Frau, die in Deutschland ordiniert wurde - ein Medienereignis.

Deswegen war sie Ende vergangener Woche auch auf allen Fernsehsendern zu sehen. Sie gab viele Interviews, die Wochenzeitung 'Die Zeit' widmete ihr eine komplette Seite, Delmenhorsts Rabbinerin ist eine kleine Berühmtheit. 'Und wir sind sehr stolz, dass wir sie haben', sagte Pedro Benjamin Becerra, Vorsitzender der Delmenhorster Gemeinde, während eines Pressegesprächs. Eine Gemeinde, die Alina Treiger übrigens schon während ihres Studiums kennenlernte. Für Praktika war sie bereits in Oldenburg und auch in Delmenhorst, hat Gottesdienste gefeiert, Unterricht gegeben. 'Ich war sehr positiv überrascht, wie viele Menschen zu den Gottesdiensten kommen.'

Obwohl sie noch nicht ganz zufrieden mit den Abläufen vor Ort ist. Sie hat es in Delmenhorst mit einer dieser typischen Nachkriegsgemeinden zu tun: Ein Großteil der Mitglieder ist aus Russland nach Deutschland gekommen. Deswegen predigte sie, die fünf Sprachen spricht, auf Russisch. Zudem schrieb sie jedes Mal eine Zusammenfassung auf Deutsch zum Mitlesen. 'Aber die, die kein Russisch sprechen, habe ich bei der Predigt verloren', sagt sie. Deswegen will sie sich für die Zukunft neue Wege überlegen. In Oldenburg hat sie es da einfacher. Die Vorsitzende dort, Sara-Ruth Schumann, hat von Anfang an darauf geachtet, dass in der Synagoge möglichst nur deutsch geredet wird, auch als Integrationshilfe.

Die junge Generation finden

Alina Treiger will aber auch die Jugendlichen stärker ansprechen, sie mehr ins Gemeindeleben einbinden. Was nicht einfach wird, auch schon, weil ein Großteil der 198 Gemeindemitglieder zur älteren Generation gehört. 'Ich muss die junge Generation erstmal finden - aber ich weiß, dass es sie gibt', sagt sie. Und natürlich soll Kultur bei ihr, der studierten Musikerin, eine große Rolle spielen. 'Und nicht nur die Musik allein', sagt sie.

Im Anschluss an den Pressetermin absolvierte die Rabbinerin dann ihren ersten großen Auftritt. Und wieder war das Medieninteresse groß, der NDR zum Beispiel hatte Radio- und Fernsehreporter geschickt, um ihre Rede bei der Gedenkstunde im Ratssaal aufzunehmen. Sie hatte sich als zentrales Motiv einen Vers aus dem Buch Jeremia gewählt, der auch verkürzt am Gedenkstein am Jüdischen Friedhof steht: 'Ungestillt rinnt die Träne um die Erschlagenen unseres Volkes.' Und sie stellte sich die Frage, was das Gedenken heute noch bedeutet, vor allem für die jüngeren Generationen. 'Eine Umfrage des ,Zeit-Magazins? unter Schülern und Studenten hat gezeigt, dass die NS-Zeit die jungen Menschen immer noch bewegt - aber sie wollen nicht auf Befehl betroffen sein', sagte die Rabbinerin, die selbst erst als Jugendliche das Schicksal ihrer jüdischen Verwandten und ihre jüdischen Wurzeln kennenlernte.

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war auch der Anfang vom endgültigen Ende der jüdischen Gemeinde Delmenhorst. '1938 hatte sie 180 Mitglieder', erinnerte Bürgermeister Hermann Thölstedt bei der Kranzniederlegung. '102 wanderten rechtzeitig aus, 78 wurden verhaftet und später deportiert.' Drei von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Delmenhorst zurück. 'Die jüdische Gemeinde war ausgelöscht', sagte Alina Treiger. 'Für Gott war es wie der Tod eines Kindes, er weinte, bis er keine Tränen mehr hatte.' Aber es gebe auch Hoffnung, was die Neugründung einer jüdischen Gemeinde 1997 deutlich mache. 'Man kann das erste Kind nicht ersetzen. Aber jetzt erleben wir die Hoffnung auf ein neues jüdisches Leben.' Und die Rabbinerin rief alle Delmenhorster auf, mitzuhelfen, damit auf den Ruinen des Alten etwas Neues wachsen kann.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+