Gemeinsame Kampagne Delmenhorster Gemeinden setzen Zeichen gegen Antisemitismus

„Jüdisch und christlich – näher als du denkst“ heißt die Kampagne, in der unterschiedliche Fragen zur Beziehung zwischen den Glaubensgemeinschaften thematisiert werden. Das Herzstück bilden 13 Plakate.
28.01.2021, 19:27
Lesedauer: 3 Min
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Delmenhorster Gemeinden setzen Zeichen gegen Antisemitismus
Von Gerwin Möller

Was feiern Juden eigentlich im Dezember? Wie hängen das Osterfest und Pessach zusammen? Warum beginnt das Jahr 5782 im September? Diese und ähnliche Fragen zur Beziehung von Juden und Christen werden auf den 13 Monatsplakaten aufgegriffen, die von diesem Januar bis einschließlich Januar 2022 das Herzstück der Kampagne „Jüdisch und christlich – näher als du denkst“ sind.

Guido Wachtel, Pfarrer der katholischen St.-Marien-Gemeinde, Thomas Meyer, Pastor der evangelischen Stadtkirche, und Pedro Benjamin Becerra, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Delmenhorst, stellten die Aktion am Donnerstagnachmittag im „Roten Dom“ vor.

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Seit 1700 Jahren leben Juden in Deutschland. Im Festjahr 2021 soll es deswegen bundesweit Veranstaltungen und Projekte geben, die jüdisches Leben in Deutschland feiern. „Jetzt können wir wenig tun, aber möglicherweise sind in der zweiten Jahreshälfte auch Veranstaltungen wieder möglich“, sagte Pastor Thomas Meyer.

Gegenwärtig gebe es digitale Beteiligungsformen an der Plakataktion. So ist auf jedem Motiv ein QR-Code enthalten, der zu weitergehenden Informationen und Diskussionsmöglichkeiten führe. Auch das Angebot von Web-Seminaren werde gemacht.

Online-Gottesdienste

Pedro Benjamin Becerra zählt in Delmenhorst 179 Menschen zu seiner Gemeinde. „Es werden gerade mehr“, scherzt er und sagt, „es handelt sich um ganz kleine, neue Gemeindemitglieder“, er wolle aber nicht spekulieren, was die Corona-Krise damit zu tun habe. Die Jüdische Gemeinde komme zurzeit 14-tägig freitags zu ihren Online-Gottesdiensten zusammen. Gemeinsam mit den Glaubensbrüdern in Oldenburg werde man von der Rabbinerin Alina Treiger betreut. „Wir sind wegen der Pandemie sehr vorsichtig, wir haben auch viele alte Mitglieder in unseren Reihen“, sagt Becerra.

Die ökumenisch verantwortete Kampagne „Beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst“ ist ein Beitrag zu diesem Festjahr. „In Delmenhorst arbeiten wir ohnehin sehr gut zusammen“, sagte Pedro-Benjamin Beccera und verwies auf den gelebten interreligiösen Dialog.

Mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz wird die Aktion auch als ein deutliches ökumenisches Zeichen unterstützt. „Speziell für unsere Breiten haben Landesbischof Adomeit und Weihbischof Theising zur Kampagne aufgerufen“, erläuterte Pfarrer Guido Wachtel. Dass die Aktion bereits vor einer landesweiten Kampagneneröffnung in Delmenhorst startet, zeige die gute und selbstverständliche Kooperation an der Delme.

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Das Christentum ist aus dem biblischen Judentum entstanden: Jesus war Jude, genau wie seine Jünger. Diese Wurzeln zeigen sich nicht zuletzt in den christlichen Festen. Die Kampagne zeigt deswegen in einer Serie aus 13 Plakaten die enge Verbindung jüdischer und christlicher Festkultur. „Jeden Monat zeigen wir eines der Motive und regen zum Nachdenken an“, erklärte Thomas Meyer. Er hält die Plakate für sehr anspruchsvoll gestaltet, ihm gefalle es, wie durch die Anordnung der Schrift die inhaltlichen Fragen betont werden.

Die Plakate werden zwischen Januar 2021 und Januar 2022 in den Schaukästen von Kirchengemeinden und an den schwarzen Brettern von Schulen veröffentlicht. „Alle unsere Gemeinden machen mit“, sagten Meyer und Wachtel. So soll gezeigt werden: Gerade bei den kirchlichen Festen wird die Verwurzelung des Christentums im Judentum deutlich. Jesus und seine Jünger waren Juden. Zudem regt die Kampagne an, die Beziehungen zwischen beiden Religionen im Alltag wahrzunehmen und lenkt den Blick auf die aktuell gelebte jüdische Praxis.

Hetze und Verschwörungsmythen nehmen weiter zu

Gleichzeitig ist es das Ziel, einen Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus zu leisten, betonte Thomas Meyer. Denn Hetze und Verschwörungsmythen und Übergriffe gegen jüdische Menschen nähmen weiter zu, auch in Niedersachsen.

Mit dem Stichwort „beziehungsweise“ soll der Blick auf die aktuell gelebte jüdische Praxis in ihrer vielfältigen Ausprägung gelenkt werden. Die Betonung der Nähe ist nur unter Wahrung der Würde der Differenz möglich. „Auch das bleibt natürlich, es gibt Unterschiede zwischen den Religionen“, sagte Pfarrer Wachtel. So will die Kampagne auch anregen, die Bezugnahmen auf das Judentum in christlichen Kontexten kritisch zu hinterfragen, Vereinnahmungstendenzen zu erkennen und zu vermeiden.

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