Horst-Janssen-Ausstellung im Haus Berger Genie und Grafik

Seit 1989 sammelt der Delmenhorster Galerist Gerrit van Staden Bilder von Horst Janssen. Einen Teil seiner Sammlung stellt er ab Freitag im Haus Berger aus. Und kündigt an: "Das ist keine einfache Kost."
08.02.2017, 00:00
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Genie und Grafik
Von Andreas D. Becker

Seit 1989 sammelt der Delmenhorster Galerist Gerrit van Staden Bilder von Horst Janssen. Einen Teil seiner Sammlung stellt er ab Freitag im Haus Berger aus. Und kündigt an: "Das ist keine einfache Kost."

Wenn Horst Janssen anhob zu sprechen, dann wurde es still. Man hörte ihm zu, dem Genie, dem großen Redner und Exzentriker und Quartalssäufer, wenn er, Zigarette in der einen, das Glas mit Sekt oder Rotwein in der anderen Hand, seine Sicht der Dinge ausbreitete.

Gerrit van Staden hat diese Momente noch selbst erlebt, erzählt er. Er hat Janssen bei Feiern in Oldenburg persönlich getroffen. „Aber was er von sich gab, das hatte Hand und Fuß.“ Seit 1989 sammelt der Delmenhorster Galerist Bilder des Grafikers, der in Oldenburg aufwuchs und in Hamburg lebte. Ab Freitag stellt er eine Auswahl von 80 Werken unter dem Titel „Horst Janssen. Zeichner im Unzeitgemäßen. Radierungen – Lithografien - Originale“ im Haus Berger aus.

„Das ist keine einfache Kost“, sagt van Staden. „Aber es lohnt sich, sich in das Werk hereinzuarbeiten.“ Das wird gleich in der Portrait-Galerie im Erdgeschoss deutlich. Immer und immer wieder hat Janssen sich selbst gezeichnet, frontal, im Profil, im Dreiviertelprofil. Immer ist er auch selbst schonungslos mit sich, malt sich, wie er sich fühlt: zerrissen, immer von der Furcht vor dem Tod getrieben. „Er hatte immer die Angst, dass er nicht mehr so schaffen wie er Dinge sehen könnte“, erzählt van Staden. Und es war ein besonderer Blick, den Janssen auf die Welt hatte. Aber auch nur so konnte ein besonderes Werk entstehen. „Janssen hat in seinen Zeichnungen nie einfach nur etwas wiedergegeben, sondern er erzählt immer auch eine Geschichte, und sei es eine über seinen Gemütszustand.“

Janssen wuchs in Oldenburg auf. Er war ein uneheliches Kind, das bei seinen Großeltern lebte. Nachdem sein Großvater und 1943 auch seine Mutter an Tuberkulose starben, nahm ihn seine Tante Anna in Hamburg auf. Sie förderte ihn, wo sie konnte, finanzierte seine sieben Semester auf der Landeskunstschule in Hamburg. Dafür war er seinem „Tantchen“ ewig dankbar. Genau wie seinem Lehrer Professor Alfred Mahlau, der Janssen das Sehen lehrte. „Bei Mahlau musste ich einen Blumenkohl zeichnen. Anfangs unlustig, fand ich dann langsam Vergnügen an dem Gekröse, was sich da auf dem Papier herausbildete. Es wurde ein guter Blumenkohl, und die Zeichnung kriegte großes Lob vom Meister“, schrieb Janssen in dem Aufsatz „Über das Zeichnen nach der Natur“. „Er war ja nicht nur ein großer Zeichner und Grafiker, sondern auch ein Wort-Virtuose“, sagt van Staden. Deswegen werden in der Ausstellung auch einige Bücher von Janssen ausliegen, um diesen Teil seiner Arbeit zu dokumentieren.

In der Ausstellung hat van Staden versucht, ein möglichst breites Spektrum von Janssens Werk abzubilden. Da sind die Landschaftsimpressionen aus der von Janssen so geliebten Haseldorfer Marsch, durch die er lange Spaziergänge unternahm und deren Knorrigkeit er so gekonnt aufs Papier ätzte. „Im Obergeschoss haben wir einen Raum, in dem wir den Zyklus ‚Der große Totentanz‘ zeigen.“ Allerdings können aus Platzgründen in dem Raum mit den schwarzen Wänden nur neun der insgesamt zwölf Blätter gezeigt werden. „Dann zeigen wir mehrere Radierungen aus der Bobethanien-Serie“, sagt van Staden. Es ist Janssens Verbeugung vor Heidrun Bobeth, mit der er Anfang der 90er-Jahre liiert war und die ihn aus einem tiefen Tal führte.

Im Mai 1990 stürzte Janssen von seinem Balkon, fiel dreieinhalb Meter in die Tiefe, brach sich mehrere Knochen und – sehr viel schlimmer für ihn – erblindete vorübergehend. Säure, die er auf dem Balkon lagerte und die er für seine Grfaiken benötigte, fiel mit herunter. „Bobeth hat ihn aus dem Tief gerissen und ihn wieder zum Sehen gebracht“, erzählt van Staden. „Noch bin ich halb blind“, schrieb Janssen unter ein Porträt Thomas Manns, das er am 29. August 1990 schuf und das im Erdgeschoss der Galerie im Norden der Stadt zu sehen ist. So wie es sich sowieso zu entdecken lohnt, Janssens kleine Notizen in dem teils grandiosen grafischen Werk, das in den nächsten sechs Wochen im Haus Berger gezeigt wird, zu entdecken.

Die Ausstellung wird am Freitag, 10. Februar, um 19 Uhr eröffnet. Zur Einführung spricht Gerrit van Staden. Geöffnet ist das Haus Berger an der Stedinger Landstraße 5 mittwochs und sonnabends von 16 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 13 Uhr sowie nach Vereinbarung unter der Nummer 0 42 21 / 8 50 05 00. Die Schau ist bis zum 24. März zu sehen.

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