Versuchter Totschlag in Delmenhorst Gericht sieht klare Mutwilligkeit

Das Landgericht Oldenburg hat den Angeklagten, der in Delmenhorst seine Ex-Frau mit einem Messer verletzt haben soll, zu sieben Jahren Haft verurteilt - trotz leidenschaftlichen Plädoyers der Verteidigung.
28.01.2020, 15:20
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Gericht sieht klare Mutwilligkeit
Von Annika Lütje

Das Plädoyer der Verteidigung war leidenschaftlich – ein wenig zornig, könnte man meinen. „Wenn man einen Angeklagten zu einer jahrelangen Haftstrafe verurteilt, muss man sich doch ganz sicher sein!“, rief der Anwalt des 58-Jährigen, der seiner Ex-Frau am 5. August vergangenen Jahres in Delmenhorst ein Messer in den Hals gestochen haben soll. Wegen versuchten Totschlags musste er sich vor dem Landgericht Oldenburg verantworten (wir berichteten). Doch die Strafkammer hatte keinen Zweifel an seiner Schuld und verurteilte den Angeklagten zu sieben Jahren Haft wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung – und übertraf damit sogar noch die Forderung der Staatsanwaltschaft, die lediglich sechs Jahre und acht Monate gefordert hatte.

Zwei Videosequenzen der Polizei mit Nachstellungen der Szenerie am zurückrollenden Auto und des Handgemenges um das Messer mit dem Angeklagten wurden am letzten Verhandlungstag noch in Augenschein genommen. Zudem wurde das beachtliche Vorstrafenregister des 58-Jährigen verlesen: räuberischer Diebstahl, mehrfacher Diebstahl geringer Wertsachen, vorsätzliches Fahren ohne Fahrerlaubnis, mehrfacher gemeinschaftlicher Diebstahl, gemeinschaftlicher Computerbetrug und gemeinschaftlicher Diebstahl in einem besonders schweren Fall, versuchter Diebstahl sowie Urkundenfälschung in zwei Fällen und unerlaubtes Führen einer Schusswaffe.

Bereits im ehemaligen Jugoslawien sei Kriminalität eine Verdienstmöglichkeit gewesen, hatte der Angeklagte der Gutachterin erzählt, wie die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie berichtete. Dort wurde der Mann 1961 geboren und kann laut Gutachterin in Bezug auf seine Kindheit auf ein harmonisches Familienleben zurückblicken. Nach Vollendung der Volksschule absolvierte er eine Ausbildung im Autoelektrikbereich. In seinen Ausbildungsbetrieb kehrte er auch nach seinem Pflichtwehrdienst zurück.

Mit 16 Jahren lernte er seine heutige Ex-Frau kennen, mit der er noch in Jugoslawien die ersten beiden Töchter bekam. 1993 floh die Familie vor dem Krieg nach Deutschland. Um die Chancen auf eine Asylbewilligung zu erhöhen, ließ sich das Ehepaar zuvor scheiden – trotzdem blieben die beiden bis 2008 ein Paar. In Deutschland, wo die dritte Tochter und der Sohn zur Welt kamen, wohnte die Familie zunächst an unterschiedlichen Orten, bis sie schließlich in Delmenhorst vereint wurde. Bis auf einen relativ kurzen Aufenthalt in Bad Bentheim blieb die Familie auch in der Stadt wohnen, wo der Angeklagte Hausmeistertätigkeiten verrichtete.

Die kriminelle Laufbahn des 58-Jährigen setzte sich in Deutschland fort. Mehrere Inhaftierungen waren die Folge, bis er 2006 abgeschoben wurde. Nach einer Rückkehr nach Deutschland und einer weiteren Haft kam es schließlich wieder zu einer Abschiebung im Jahr 2008, woraufhin der Angeklagte beschlossen habe, nun endgültig in Serbien zu bleiben und sich von seiner Frau und Familie zu trennen. Dort lebte er zunächst gemeinsam mit seinem Bruder. Seit 2010 soll er eine Freundin haben, mit der er auch zusammengelebt hat. Seit 2015 gibt es eine gerichtliche Auseinandersetzung mit seiner Ex-Frau um eine Eigentumswohnung in Serbien.

Die Gutachterin sah keinen Grund, dem Angeklagten eine psychische Krankheit oder eine Beeinträchtigung anderer Art zu diagnostizieren. Sie habe lediglich Anteile von Selbstüberschätzung und dissoziale Denkmuster bemerkt. „Der Angeklagte hat in seinem Leben moralische Werte und Normen kennengelernt, wenngleich er nicht immer danach gelebt hat“, sagte sie.

So sah dann auch der Staatsanwalt keinen Grund für eine Strafmilderung. Insgesamt habe es sich nicht um einen minder schweren Fall gehandelt. Denn jeder Laie wisse, dass aufgrund der anatomischen Verhältnisse am Hals bei einem Angriff mit einem Messer eine potenzielle Lebensgefahr besteht. Dass die Ex-Frau des Angeklagten nicht gestorben ist, sei nur dem Zufall geschuldet, dass der Mann den etwas schwieriger verletzbaren Kehlkopfbereich getroffen hat. Dennoch habe die Ex-Frau bis heute – womöglich für immer – unter den körperlichen und psychischen Folgen der Tat zu leiden.

Dass er das Opfer in voller Absicht verletzt hat, stand für den Staatsanwalt außer Frage. „Es gibt durchaus zweifelhafte Punkte im Hergang, aber alles andere an den Aussagen des Opfers und der Zeugen ist so schlüssig, dass für mich der Fall klar ist“, sagte er. Die Aussagen des Angeklagten hingegen überzeugten ihn überhaupt nicht. Die Anwältin der Nebenklägerin, also des Opfers, schloss sich der Staatsanwaltschaft an. Einen „heimtückischen Angriff“ nannte sie die Tat. Es sei dem Angeklagten ausschließlich darum gegangen, seine Ex-Frau zu töten. „Die Tat war das Ende einer langen Geschichte von Gewalt gegenüber der Ex-Frau und der gemeinsamen Töchter“, schloss sie ihr Plädoyer ab.

Die Verteidigung sah das ganz anders. „Es gibt Dinge, die unwahrscheinlich erscheinen, aber trotzdem passieren“, sagte der Anwalt sichtlich erregt in Anspielung auf den vom Angeklagten beschriebenen Sturz ins Auto und die angeblich versehentliche Verletzung der Ex-Frau. „Vor einer Verurteilung muss doch klar sein, was passiert ist!“, fügte er hinzu und untermauerte sein Plädoyer mit zahlreichen Punkten, die ihm an den Aussagen des Opfers und der Zeugen fragwürdig erschienen. Zur weiteren Klärung der zweifelhaften Punkte stellte der Verteidiger einen Hilfsantrag zum Beweis der Tatsache, dass die Verletzung der Ex-Frau durch einen Sturz des Angeklagten entstanden sein könnte.

Auch für den Fall, dass die Kammer davon ausgeht, dass die Verletzungen nicht wie vom Angeklagten geschildert entstanden sind, plädierte der Verteidiger für einen Freispruch. Denn „der Angeklagte ist in eine Situation geraten, die er so nicht gewollt hat und die eskaliert ist“, sagte er. „Warum soll er sich sonst noch am Tatort der Polizei gestellt und auch noch das Messer direkt mitgebracht haben?“, fragte er abschließend. Doch das Gericht gab dem Antrag nicht statt.

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