Der Leiter des Nordwestdeutschen Museums für Industriekultur geht heute zum letzten Mal in sein Büro

Good-bye Kaldewei

Delmenhorst. Das Büro von Gerhard Kaldewei wirkt kahl, so überraschend papierleer. Es fällt so besonders auf, weil es das Büro eines Geschichtswissenschaftlers ist. Und diese Büros sind meistens nicht einfach nur voll, sie sind überdurchschnittlich häufig überbordend voll, weil Historiker immer viel mehr Bücher und Akten um sich herum liegen haben, als sie in ihren Schränken, Regalen und Schreibtischen deponieren können. Historikerbüros sind Serails für Bibliophile. Die Leere und Nüchternheit von Kaldeweis Arbeitsplatz ist das sichtbare Zeichen dafür, dass eine Ära endet. Heute hat der Leiter des Nordwestdeutschen Museums für Industriekultur praktisch seinen letzten Tag.
15.07.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Andreas D. Becker

Delmenhorst. Das Büro von Gerhard Kaldewei wirkt kahl, so überraschend papierleer. Es fällt so besonders auf, weil es das Büro eines Geschichtswissenschaftlers ist. Und diese Büros sind meistens nicht einfach nur voll, sie sind überdurchschnittlich häufig überbordend voll, weil Historiker immer viel mehr Bücher und Akten um sich herum liegen haben, als sie in ihren Schränken, Regalen und Schreibtischen deponieren können. Historikerbüros sind Serails für Bibliophile. Die Leere und Nüchternheit von Kaldeweis Arbeitsplatz ist das sichtbare Zeichen dafür, dass eine Ära endet. Heute hat der Leiter des Nordwestdeutschen Museums für Industriekultur praktisch seinen letzten Tag.

Heute feiert Kaldewei auch seinen 60. Geburtstag. Ein guter Anlass, Tschüs zu sagen. Freunde werden kommen, Wegbegleiter, Kollegen, Mitstreiter. Es werden lobende Worte gesagt werden, wie es sich gehört über einen, der ein großer Kulturarbeiter der Stadt war, einer, der internationales Renommee erworben hat mit seinen Museen. Ganz offiziell ist Kaldewei aber noch bis Anfang August im Dienst, dann erst beginnt die Ruhephase der Altersteilzeit. Da er noch Resturlaub hat, ist er aber nur noch heute im Hause. "Ich freue mich, in die Ruhephase zu gehen", sagt er. Es klingt nicht wie eine auswendig gelernte Floskel, keine Autosuggestionsphrase. Die Museen der Stadt waren ein wichtiges, ein großes Kapitel in seinem Leben, klar. Aber irgendwann ist es gut. Und es ist ja nicht so, dass er sich jetzt langweilen müsste. Ein weiterer Vorteil des Historikers: Er kann seine Arbeit, die auch immer Leidenschaft und Hobby ist, einfach mit nach Hause nehmen. "Da ist es auch schon deutlich

unordentlicher geworden", gibt Kaldewei zu. Wegen all der Bücher und Unterlagen, die er aus seinem Büro mitgenommen hat.

Kaldewei will Bücher veröffentlichen, Aufsätze schreiben. Einige der Projekte sind bereits so weit vorangeschritten, dass nur noch der Feinschliff fehlt, Ende dieses Jahres oder 2012 könnten sie erscheinen, sagt der promovierte Historiker, der zudem auch als Honorarprofessor an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg lehrt. Als erstes will Kaldewei seine Geschichte der Stadt Delmenhorst herausbringen. Der Titel soll "...und das ist immer Delmenhorst. Geschichte einer nordwestdeutschen Stadt 1259/2009" sein, in Anlehnung an das Lied von "Element of Crime". Seit drei Jahren arbeitet er an dem Werk. Ein wichtiges Buch, wie er findet, weil Delmenhorst dann doch eine zu bedeutende Industriestadt im Nordwesten war, um auf eine eigene Monografie verzichten zu können. Zwar hat der ehemalige Stadtarchivar Edgar Grundig einst eine mehrbändige Chronik veröffentlicht, die aber letztlich nicht mehr als "eine Datensammlung war". Kaldewei will also das erste Standardwerk zu

Delmenhorst vorlegen.

Auch die anderen beiden Projekte haben einen regionalen Bezug. Zum einen geht es um Kultstätten im Nordwesten mit dem Schwerpunkt NS-Kultstätten. Ein Thema, das Kaldewei schon immer interessiert hat, zu dem er auch schon geschrieben hat, weil er sich intensiv mit der Geschichte von Stedingsehre in Bookholzberg beschäftigt hat. Und dann ist da noch die geplante Biografie über den Arzt und Sexualforscher Iwan Bloch (1872 - 1922), einem gebürtigen Delmenhorster, in seiner Disziplin einer der bedeutendsten Köpfe des Kaiserreichs. "Es wird auch mal Zeit, das zu machen", sagt Kaldewei.

Seit 1994 wirkt er in Delmenhorst. Die Stadt suchte damals jemanden, der das Industrie- und das Stadtmuseum führt. Kaldewei kam also in die Stadt, um sich anzugucken, wo ihn seine nächste Station hinführen könnte. "Es war ein deprimierend regnerischer Tag", erinnert er sich. Die Nordwolle war noch nicht restauriert, sie machte einen erbärmlichen, so gar keinen einladenden Eindruck. Doch Kaldewei wollte die Aufgabe und die Industriegeschichte reizte den gebürtigen Westfalen. Er bekam den Job - und er baute mit seinem Team ein Haus von europäischem Rang auf. Das Museum gedieh, aus der Industrieruine, der ehemaligen Stadt in der Stadt hinter den riesigen Mauern aus roten Backsteinen wuchs ein neuer Stadtteil. Die Museen sind ein zentraler Teil dieses Wandels. Allein das machte einen großen Reiz der Aufgabe aus, damals wurde richtig Geld in die Kultureinrichtungen gesteckt. Mit großen Sonderschauen und opulenten Katalogen zu den Stoffen, die Delmenhorst im Industriezeitalter groß gemacht

hatten - Linoleum, Wolle oder Kork - erregte das Industriemuseum viel Aufsehen. Doch diese guten Tage liegen weit zurück.

Sicher, sie machen immer noch gute Arbeit auf der Nordwolle. Die Projekte Max (Museum at Public Access and Participation) und Moritz (Mobiler Rundgang zur Delmenhorster Industriegeschichte) sind ambitionierte Wege in eine multimediale Museumszukunft. Aber in den vergangenen Jahren ist das Arbeiten mühsam geworden, ermüdend. "Wir haben dieses Jahr um die 3000 Euro für Ausstellungen bekommen", sagt Kaldewei. Das ist eigentlich ein Witz, eine schallende Ohrfeige für die engagierte Museumscrew, viel zu wenig, um ernsthaft damit zu arbeiten. Aber die Stadt ist pleite, pleiter, am pleitesten - wenn man das Adjektiv steigern könnte. Sie spart, wo sie kann. Das bekommen auch die Kultureinrichtungen zu spüren. Was Kaldewei bedauert, denn er findet, dass Delmenhorst seinen Kulturschatz auf der Nordwolle weit unter Wert verkauft. Die Museen sind so gut, dass man mit ihnen viel offensiver werben müsste. Doch das passiert nicht.

"Eine Stadt wie Delmenhorst leistet sich eine Bibliothek, die Volkshochschule, eine Musikschule, die Museen und die Galerie", zählt Kaldewei auf. Zu viel, meint er. Deswegen versteht er auch nicht, dass die Leitung der Museen und der Galerie nach dem Ausscheiden von Haus-Coburg-Chefin Barbara Alms nicht zusammengelegt wurde. Er hätte beide Häuser bis zum heutigen Tag geführt, jetzt hätte eine "neue progressive gemeinsame Leitung für Museum und Galerie gefunden werden können". Die teuren Mehrfachstrukturen führen nur dazu, dass alle Häuser finanziell langsam ausbluten.

Zumindest spart die Stadt vorerst die Personalkosten für Kaldeweis Stelle ein, sein Stellvertreter Hans-Hermann Precht wird das Haus nun kommissarisch leiten. Erst wenn Precht in zwei Jahren ebenfalls geht, wird jemand Neues nachrücken. Dann kann wieder jemand kommen, der das kleine Büro mit Büchern und Unterlagen füllt. Wahrscheinlich überfüllt.

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