Die Lutherkirche in Stickgras ist vor 54 Jahren nach einem Entwurf von Architekt Kurt Schwarze gebaut worden Gotteshaus mit reformiertem Anstrich

Delmenhorst. Nicht nur seine Werke, sondern auch der Name von Martin Luther findet sich in der evangelischen Kirche an zahlreichen verschiedenen Stellen wieder. Auch die Lutherkirche in Stickgras trägt den Namen des Reformators.
23.02.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Gotteshaus mit reformiertem Anstrich
Von Esther Nöggerath

Delmenhorst. Nicht nur seine Werke, sondern auch der Name von Martin Luther findet sich in der evangelischen Kirche an zahlreichen verschiedenen Stellen wieder. Auch die Lutherkirche in Stickgras trägt den Namen des Reformators. Warum die Entscheidung beim Bau in den 1960er-Jahren auf Luther fiel, kann Chronist Dietmar Bödeker nicht mehr genau sagen. „Ich war damals noch ein kleiner Bube. Soweit ich weiß, standen mehrere Namen zur Auswahl und Luther war einfach am passendsten“, sagt er. Pastor Ralf Frerichs ergänzt: „Ich denke, das ist auch eine Art Bekenntnis, wenn man den Namen Luther wählt und als Kirche auch repräsentiert.“

Auf den Reformator selbst weist in der Lutherkirche nur ein kleines Porträt an der Wand im Aufenthaltsraum hin, im Kirchraum selbst gibt es keinerlei Abbildungen. „Die Kirche hat einen reformierten Anstrich und ist relativ nüchtern gestaltet. Irgendwelche Bilder an den Wänden würden da auch gar nicht passen“, erläutert Frerichs. Es ist also eher der weiterentwickelte, reformatorische Gedanke, der sich auch in dem Gebäude widerspiegelt. Insgesamt kommt die Lutherkirche sehr schlicht daher, die gemauerten Wände sind unverputzt, über dem Altar hängt ein schnörkelloses Holzkreuz. Trotzdem wirkt die Kirche nicht schmucklos: Denn die hochgezogenen buntschimmernden Fensterfronten und die kantigen, sich entgegenlaufenden Formen machen das Gebäude selbst zum Kunstwerk.

„Dass die Kirche so eine besondere Architektur hat, ist dem Mut des damaligen Gemeinderates zu verdanken“, berichtet Bödeker. Dieser entschied sich 1963 für den Entwurf des Hamburger Architekten Kurt Schwarze, nach dessen Vorlage die Lutherkirche gebaut und schließlich 1965 eröffnet wurde. Die ursprünglichen Pläne von Schwarze weichen allerdings ein bisschen von dem ab, was tatsächlich realisiert wurde: Eigentlich sollte zum Kirchengebäude ein 30 Meter hoher Glockenturm sowie ein großes Gemeindehaus gebaut werden. „Dafür reichten aber die finanziellen Mittel nicht mehr“, erzählt Bödeker.

Bereits fünf Jahre vor Eröffnung der neuen Kirche wurde in der Kirchengemeinde Hasbergen eine zweite Pfarrstelle eingerichtet. „Die Lutherkirche ist im Grunde genommen ein Nachkriegskind“, sagt Bödeker. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges seien viele Flüchtlinge und Vertriebene nach Delmenhorst und umzu gekommen, auch in der damals noch politisch selbstständigen Gemeinde Hasbergen entstanden neue Siedlungen und neue Häuser. „Es kamen mehr Menschen und dementsprechend wurde auch die Kirche immer voller“, erläutert der Chronist. Weil anfangs aber kein Geld für einen Neubau da war, wurde provisorisch alle 14 Tage in der Schule in Stickgras Gottesdienst abgehalten.

Als dann endlich die neue Kirche gebaut wurde, verkalkulierte man sich mit den Kosten, sodass neben dem Glockenturm und dem Gemeindehaus auch Dinge wie die Kirchenorgel erst Jahre später nachgerüstet werden konnten. Beinahe hätte der Eröffnungsgottesdienst am 16. Mai 1965 sogar auch ohne Kirchenbänke auskommen müssen: Kurz vorher wurde der Lastwagen, der eben jene Bänke transportierte, gestohlen. „Das hatte schon eine gewisse Dramatik“, erinnert sich Bödeker. „Der Täter hat gar nicht gewusst, was er da eigentlich geklaut hat und ist schnell entdeckt worden.“ Die Kirchenbänke wurden umgehend nach Stickgras geschafft. „Die wurden dann noch bis in die Nacht hinein aufgebaut, damit sie bei der Einweihung standen.“ Weil es weder Glocken noch Orgel gab, musste der Hasberger Posaunenchor beides ersetzen.

Fünf Jahre später bekam die Kirche dann auch eine eigene Orgel. Auf ein Gemeindehaus und die Glocke musste die Gemeinde deutlich länger warten: Ein Gemeindehaus, wenngleich auch nicht so groß wie einst von Architekt Schwarze geplant, wurde im Jahr 2000 errichtet. 2005 wurde schließlich eine Glocke für die Lutherkirche gegossen und in Stickgras abgegeben. Weil noch kein dazugehöriger Turm vorhanden war, stand diese allerdings erst einmal einige Jahre so in der Kirche herum, ehe 2011 schließlich auch der passende Glockenstuhl eingeweiht werden konnte. Der ist mit rund sieben Metern ebenfalls deutlich kleiner als im ersten Entwurf. „Da hat auch ein finanzieller Faktor mit reingespielt“, erklärt Frerichs. Außerdem gab es Diskussionen mit Anwohnern über die mit der Höhe verbundene Lautstärke der Glocke, wodurch die Entscheidung letztlich auf die verkürzte Variante fiel.

Martin Luther findet man in der Stickgraser Lutherkirche, wie in den meisten evangelisch-lutherischen Kirchen üblich, vor allem in den verwendeten Bibeltexten wieder. „Die lutherische Tradition lebt weiter, aber man spürt sie eher indirekt“, sagt Frerichs. Beispielsweise in der Art, wie gepredigt wird. Und der Reformationstag am 31. Oktober wird in der Lutherkirche selbstredend auch wieder wie in jedem Jahr gefeiert.

Zur Person

500 Jahre Reformation 1517 veröffentlichte Martin Luther 95 Thesen gegen den Ablasshandel, der Auslöser der Reformation. Deutschlandweit wird an das Reformationsjubiläum mit Veranstaltungen erinnert.
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