Alte Volkslieder neu vertont "Grenzgänger" fordern und begeistern

Die Bremer Folkgruppe „Die Grenzgänger“ war mit ihren Interpretationen von Volksliedern aus der Zeit des Ersten Weltkrieges zu Gast im Musikschulsaal in Wildeshausen.
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Von Günter Matysiak

Die Bremer Folkgruppe „Die Grenzgänger“ war mit ihren Interpretationen von Volksliedern aus der Zeit des Ersten Weltkrieges zu Gast im Musikschulsaal in Wildeshausen.

Das waren Lieder aus den Zeiten des Krieges, angesiedelt zwischen „Begeisterung, Trauma und Tragödie“, ein jedes auf seine Art aus heutiger Sicht auch ein Antikriegslied oder besser: Ein Aufschrei gegen den Krieg, gellend oder verhalten leise wie das titelgebende „Maikäfer flieg“ und den „Bomben auf Engelland, Engeland ist abgebrannt“ zur Spieluhr.

Die Bremer Folkgruppe „Die Grenzgänger“, bereits zum fünften Mal mit dem renommierten Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet, gastierte am Sonntagabend auf Einladung des Kulturkreises im Musikschulsaal in Wildeshausen. „Die Grenzgänger“, das sind Michael Zachcial (Gesang und Gitarre), Frederic Drobnjak (Konzertgitarre), Felix Kroll (Akkordeon) und Annette Rettich (Violoncello). Christoph Pauli vom Kulturkreis begrüßte das Publikum im etwa zu einem Drittel besetzten Saal, stimmte ein auf das Thema, den großen Krieg (1914 – 1918) vor hundert Jahren, auf „Blut und Leiber, Hunger, Angst und Sehnsucht“.

Das war eingefangen von den Grenzgängern in ihren so eindringlichen Interpretationen von Volksliedern der Zeit, die sie aus dem Fundus des Deutschen Volksliedarchivs Freiburg zusammengestellt haben. Eindringlich? Das wird ganz intensiv spürbar gleich in der instrumentalen Einleitung mit dem titelgebende Maikäferlied, das in melodischen Andeutungen aufklingt aus leisen Tönen der Gitarren mit leichthin improvisierten Gypsy-Swing, zärtlichen Musette-Akkorden und dem Violoncello, das zeigt, dass es „tiefste Gefühlsbereiche“ (Yehudi Menuhin) anrührt. Da wird nicht Folk ernsthaft gespielt, da wird auch künstlerisch hochstehend Kammermusik gemacht, jeder hat das Ohr am Spiel des anderen und jeder spielt, als ginge es um Tod und Teufel. Was es ja schließlich einen Abend lang auch tat.

Heinrich Lerschs Huldigungsgedicht an den Opfertod „Lass mich geh’n“ ist von Michael Zachcial neu vertont worden. Das ist kein Jubelgesang, Zachcials Musik tönt von dunkler Bedrohlichkeit auch im Deutschlandlied-Zitat. „… und dann für den Kaiser krepieren. Mein Michel, was willst du noch mehr“, heißt es dann, und der Tonfall ist böse sarkastisch. In der Fröhlichkeit eines Kinderreigens in „Hindenburg der Russenschreck“ wird das kindliche Soldatenspiel als Erziehung zum Krieg entlarvt. Das Durchhalteliedchen für die Kinder, das „Lied vom täglichen Brot“, hat in der Interpretation der „Grenzgänger“ Tragik und kindliche Leichtheit zugleich.

Das alte Soldaten- und Wandervogellied „Wildgänse rauschen durch die Nacht“, auch in der „Mundorgel“ zu finden , wurde zum Musterbeispiel der Eindringlichkeit. Da gab es Klangmalerei, wenn das Akkordeon von den fernen Wildgänsen „flüstert“, den Gefechtslärm dröhnen lässt und wenn Michael Zachcial ein „Was ist aus uns geworden“ singt, dann gellt seine Klage, und wieder einmal ist seine Stimme, die auch schnoddrig wie die Franz Josef Degenhardts klingen kann, von unbändiger Ausdruckskraft. Jede Lagerfeuerromantik ist dabei zu schmerzvollem Klagen verfremdet. Hans Leips Gedicht von „Lili Marleen“ erklang in seiner eigenen, ungekannt gebliebenen Vertonung, die spröder ist als die spätere von Norbert Schultze, die im 2. Weltkrieg in allen Armeen zum „Schlager“ wurde. Da hatte Zachcial diesen spöttischen Degenhardt-Tonfall. Brechts „Legende vom toten Soldaten“ wurde zum makabren Totentanz mit dem Gypsy-Solo der Gitarre, der kraftvollen Cello-Beseeltheit, dem Chansonflair des Akkordeons und dem Todesschrei des Sängers am Schluss.

Es war kein bequemer Abend, genießendes Zuhören war nicht angesagt, das Publikum war gefordert, aber trotzdem begeistert, auch im Schlussapplaus. Ein Lied von „Ton, Steine, Scherben“ mit einem schönen Akkordeon-Intro gab es als erste Zugabe. Mit dem „Dat Du min Leevsten büst“ zum Mitsingen wurde es zum Schluss ganz friedlich, sieht man vom temperamentvollen Flamenco-Solo der Gitarre einmal ab.

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