Tausende Fische vergiftet „Die Welse ist tot“

Der Großbrand auf dem Plexi-Möller-Gelände an der Oldenburger Straße hat für die Umwelt fatale Folgen. Durch das Löschwasser sind giftige Stoffe in die Welse gelangt. Nun ermittelt auch die Polizei Delmenhorst.
02.10.2020, 12:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
„Die Welse ist tot“
Von Björn Struß

Der Großbrand auf dem alten Plexi-Möller-Gelände an der Oldenburger Straße hat für die Umwelt fatale Folgen und sorgt nun auch in der Delmenhorster Politik für reichlich Diskussionsstoff. Das Löschwasser, welches von der Brandstelle in großer Menge in die Welse floss, war für das Ökosystem des Gewässers offenbar ein hochgiftiger Cocktail. „Die Welse ist tot“, sagt Detlef Roß, Vorsitzender des Fischereivereins Delmenhorst. Nachdem Spaziergänger von einem Benzin- und Ölgeruch berichteten, ließ Roß die Welse von einem Fischereibiologen untersuchen. Über eine Strecke von mehreren Kilometern konnte dieser keinen einzigen lebenden Fisch mehr ausfindig machen. „Aale, Hechte, Meerforellen – Tausende Fische sind offenbar vergiftet worden“, konstatiert Roß.

Auf dem Gelände der früheren Kunststofffabrik lagerten neben alten Autos, Airbags und Öl auch Lacke und Farben. Diese Stoffe fachten nicht nur den Großbrand an (wir berichteten), durch das eingesetzte Löschwasser gerieten sie auch in die Umwelt. „Schon am Freitag habe ich der Feuerwehr gesagt, dass diese daran keine Schuld trägt. Ihre Aufgabe ist es, zu löschen und Leben zu retten“, sagt Roß. Woran genau die Fische gestorben sind, ist bislang noch unklar. „Benzin oder Öl allein tötet sie nicht, weil es an der Wasseroberfläche schwimmt“, erklärt der Chef des Fischereivereins. Er rät dringend davon ab, tote Tiere eigenhändig aus dem Wasser zu holen. Noch sei nicht geklärt, ob die toxischen Stoffe auch für Menschen gefährlich sind.

Wasser mit milchig-blauem Farbton

Nach dem Brand hatten laut Roß sowohl Polizei als auch die Untere Wasserbehörde Proben aus der Welse entnommen. Am Dienstagvormittag holten auch Mitarbeiter des städtischen Fachdienstes Umwelt Wasserproben ein. Auch vier Tage nach dem Brand hatten Teile des Wassers einen milchig-blauen Farbton.

Für den Fischereiverein Delmenhorst, den Pächter der Welse, ist der toxische Schock des Ökosystems ein herber Schlag. Seit über 20 Jahren treibt der Verein die Renaturierung des Gewässers voran, gab etwa mit Kiesbänken den Meerforellen einen Platz zum Ablaichen. „Viele größere Fische können wir nun nicht ohne Weiteres wieder ansiedeln, weil ihnen die kleineren Tiere als Fressen fehlen“, erläutert Roß. Er geht davon aus, dass es fünf bis sechs Jahre dauern wird, bis sich das Ökosystem von dem Schock erholt.

Die Schäden für die Umwelt beschäftigen inzwischen auch die Ermittler der Polizei. Die Delmenhorster Inspektion hat Ermittlungen gegen Unbekannt eingeleitet. Der Tatverdacht: Gewässerverunreinigung. „Wir tun alles im Rahmen der Ermittlungen, um den Verursacher ausfindig zu machen“, sagt Sprecherin Lorena Lemke auf Nachfrage. Es ginge um eine Straftat mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.

Die ungeklärten Eigentumsverhältnisse treibt auch die Politik um. Am Freitag hatte Ratsfrau Bettina Oestermann von der Delmenhorster Liste (DL) gemeinsam mit der FDP eine Anfrage an die Stadtverwaltung erneuert, die sie bereits ein Jahr zuvor eingebracht hatte. Schon damals wollte sie wissen, welche Mängel auf dem Gelände bestehen und ob diese beseitigt seien. „Das Areal (...) war spätestens seit 2009 in den Fokus der Stadtverwaltung geraten“, schreibt Oestermann. Ohne Baugenehmigung oder Einhaltung des Brandschutzes hätten sich dort Gewerbetreibende niedergelassen. Oestermann listet diverse Vorfälle auf dem Industriegelände auf: Ein von Prostituierten genutzter Bungalow brennt nieder, Ermittler finden 30 000 Schuss gestohlene Munition, es brennt und die Feuerwehr hat Schwierigkeiten, auf das verwinkelte Gelände vorzudringen. An der Oldenburger Landstraße, einer „westlichen Visitenkarte am Stadteingang“, verrotteten zudem zahlreiche Autowracks.

Auch die Grünen üben Kritik an der Stadtverwaltung. „Das alles scheint sich seit Jahren unter den Augen der hiesigen Behörden abgespielt zu haben, obwohl es immer wieder entsprechende Hinweise von Anwohnern gab“, schreibt Ratsherr Uwe Dähne in einer Pressemitteilung. Die massive Einbringung von Schadstoffen in Boden und Grundwasser verursache bei Menschen und der Tier- und Pflanzenwelt schwere Schäden. „Als Klimamusterstadt kann Delmenhorst und seine Bürger*innen das keinesfalls hinnehmen.“ Die Fraktion der Grünen fordert deshalb eine gründliche Untersuchung der „Angelegenheit“ auf dem Plexi-Möller-Gelände.

Erste Erkenntnisse könnte eine Sondersitzung des Umweltausschusses bringen. Auf diese drängt Detlef Roß, der nicht nur im Fischereiverein aktiv ist, sondern auch für die SPD im Stadtrat sitzt. Zudem hat er den Vorsitz in diesem Fachausschuss inne. „Bei der Sitzung soll es nicht um Anträge gehen, sondern um eine offene Aussprache“, betont Roß.

Laut Roß war es schon am Sonnabend bei einer Krisensitzung zu einem Streit zwischen der Entsorgungsfirma Nehlsen und der Stadtwerkegruppe Delmenhorst (SWD) gekommen. Es ging um fünf Kubikmeter Löschwasser, abgepumpt durch Nehlsen. „Das wollten die Stadtwerke nicht in ihrem Abwasser haben, sie befürchteten Probleme bei den Klärwerken“, sagt Roß. Weil aber schon reichlich Löschwasser im städtischen Abwasser gelandet sei und die erwarteten Problemen ausblieben, durfte Nehlsen das Wasser letztlich doch in Delmenhorst ablassen.

Kritik der Anwohner

Auch abseits der Ratspolitik erhitzen die Folgen des Großbrands die Gemüter. Anwohner der Oldenburger Landstraße und des Elmeloher Wegs mit Grundstücken nahe des Plexi-Möller-Geländes haben sich in einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen. „Alle unsere vielen Meldungen blieben von den Behörden bisher unbeantwortet“, heißt es in einem offenen Brief. Und weiter: „Wir meinen, dass die gewerbliche Nutzung dieses Geländes nicht weiter erlaubt sein darf.“

Die Stadtverwaltung hüllt sich derweil noch in Schweigen. Eine Anfrage des DELMENHORSTER KURIER vom Freitagvormittag blieb bisher unbeantwortet. Auch auf erneute Nachfrage gab es bis zum Redaktionsschluss am Dienstag keine Stellungnahme.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+