Das Porträt aus Delmenhorst Große Dinge beginnen klein

Gleichberechtigung funktioniert nicht, wenn sich nur eine Hälfte vom Ganzen beteiligt. Deshalb will Virginia Sroka-Rudolph unbedingt Männer in ihre Bewegung Feminist Friday einbeziehen.
05.06.2019, 15:52
Lesedauer: 4 Min
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Große Dinge beginnen klein
Von Annika Lütje

Was ist eigentlich Feminismus? „Die Wahl zu haben, welche Art Frau oder Mann wir sein wollen. Und politische, ökonomische und soziale Gleichberechtigung“, sagt Virginia Sroka-Rudolph. So weit, so mehrheitlich zustimmbar. Für sie gehört allerdings ein entscheidender Faktor dazu: „Die Männer müssen unbedingt in die Feminismus-Debatte integriert werden. Gleichstellung funktioniert nur, wenn auch zwei Teile vom Ganzen vorhanden sind. Mit nur einer Hälfte geht das nicht.“

Virginia Sroka-Rudolph hat die Feminist Friday-Bewegung in Delmenhorst ins Leben gerufen. An jedem ersten Freitag des Monats trifft sich der feministische Stammtisch um 19 Uhr bei „Jugend im Mittelpunkt“ an der Bremer Straße 131 – das nächste Mal an diesem Freitag, 7. Juni. 26 Teilnehmer kamen direkt zum ersten Stammtisch – und das waren nicht nur Frauen. „Fünf Männer waren dabei“, sagt Sroka-Rudolph. Und genau darum geht es ihr: sich miteinander und den gegenseitigen Blicken auf die Welt zu beschäftigen, Stereotypen zu hinterfragen, neue Machtbalancen zu schaffen und gemeinsam Vorurteile über den Feminismus abzubauen. „Denn letztlich geht es um Taten und nicht darum, sich als Feminist zu betiteln“, so die Initiatorin der Delmenhorster Bewegung.

Die gebürtige Delmenhorsterin ist 30 Jahre alt und gehört einer Generation an, die mit dem Internet groß geworden ist, die dort Bewegungen und Entwicklungen aufspürt, netzwerkt und weiß, wie man im weltweiten Netz zielführend kommuniziert. Ihr persönlicher Politisierungsprozess begann allerdings im echten Leben.

Im Rahmen ihres Bachelor-Studiums der Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Politik studierte sie für ein Semester in Istanbul und absolvierte ein Praktikum beim Afghanischen Frauenverein in Osnabrück. „Das war mein erster Kontakt mit Frauenthemen – allerdings noch auf die spezifische Zielgruppe fokussiert“, sagt sie.

Es folgten ein Praktikum bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin und schließlich der für sie wohl prägendste Schritt: ein Jahr in Nicaragua. Dort arbeitete sie für das Frauenprojekt Miriam des entwicklungspolitischen Freiwilligendiensts Weltwärts. „Dort habe ich viel über häusliche Gewalt an Frauen und die Aufklärungskampagnen gelernt. Das war eine prägende Zeit für mich“, erzählt Sroka-Rudolph.

Zurück in Deutschland machte sie in Duisburg ihren Master in Internationalen Beziehungen und Entwicklungspolitik. In dem Zuge arbeitete sie für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Tansania und für Medica Mondiale in der Politikberatung in Köln. Anschließend zog es sie aus familiären Gründen wieder nach Delmenhorst. „Das war zunächst übergangsweise gedacht. Aber dann habe ich hier meinen Mann kennengelernt und bin geblieben“, sagt sie. Bei Jugend im Mittelpunkt arbeitet sie als sozialpädagogische Familienhelferin.

Kurz vor dem diesjährigen Weltfrauentag am 8. März las Sroka-Rudolph einen Artikel zu dem Thema. „Da habe ich mich gefragt, wie eigentlich die Situation in Delmenhorst ist und habe mich umgesehen“, erzählt sie. „Ich hatte Lust, mich mit anderen darüber auszutauschen. Und es gibt ja auch immer mal Veranstaltungen, aber ich wollte etwas schaffen, wo sich regelmäßig Kräfte bündeln. Und so kam ich auf die Idee mit dem Stammtisch – das war also eher ein Schnellschuss“, berichtet sie. Eines war ihr dabei besonders wichtig: „Ich wollte den Feminist Friday in Delmenhorst gründen und nicht in eine Großstadt flüchten.“

Inzwischen ist Sroka-Rudolph nicht mehr allein verantwortlich für den Stammtisch. Ein siebköpfiges Organisationsteam hat sich zusammengefunden, das sich nun um die regelmäßigen Treffen, aber auch um Veranstaltungen und Kampagnen kümmert. Zunächst soll der Feminist Friday ein Verein werden. Nebenbei sind eine Wer-braucht-Feminismus-Kampagne und eine Anti-Sexismus-Kampagne sowie eine Filmreihe in der Stadt in Planung.

Sroka-Rudolph möchte etwas mit der Gruppe bewegen, nicht nur reden. „Deshalb hatte ich auch keine Kneipe oder Bar als Treffpunkt für den Stammtisch ausgesucht. Ich wollte nicht, dass man sich einmal im Monat auf ein nettes Getränk und leere Parolen trifft, und dann den restlichen Monat nichts weiter passiert“, erklärt sie, „ich wollte einen echten Austausch über Fakten und Aktionen.“

Es sind komplexe Fragen, mit denen man sich beschäftigen muss, wenn man eine gleichberechtigte Gesellschaft anstrebt. Schließlich beginnt die Stereotypisierung der Geschlechter bereits im Kindesalter. „Insbesondere die Wirtschaft ist da mit ihrem gender marketing sehr clever. Man muss sich ja nur mal ansehen, was auf Mädchen-Shirts steht und was auf Jungensachen. Mädchen sind laut ihrer Kleidung 'Niedlich' oder eine 'Prinzessin', Jungen sind 'Helden'. In den Kitas und in den Schulen geht es dann weiter. Deshalb muss man dort schon ansetzen, denn Kitas und Schulen sind auch Multiplikatoren“, sagt Sroka-Rudolph. „Frauen und Männer werden durch ihre Sozialisation zu dem gemacht, was sie dann letztlich sind. Der Druck der Gesellschaft ist enorm“, ergänzt sie. Auch sie selbst könne sich da nicht ausnehmen. Auch sie treffe Entscheidungen trotz Selbstreflexion noch immer unter diesem Druck. „25 Jahre nicht hinterfragte Sozialisation lassen sich da nicht auslöschen, sondern müssen erst aufgearbeitet werden“, sagt sie.

Sroka-Rudolph folgt dem intersektionalen Ansatz. Demnach gibt es nicht nur eine Form der Diskriminierung. „Nicht jede Frau wird gleich diskriminiert. Eine schwarze Frau, eine Frau mit Kopftuch oder eine Frau mit Behinderung haben andere Lebenswirklichkeiten als eine weiße, gesunde Frau aus dem Bildungsbürgertum. All das spielt eine Rolle“, erklärt sie. Wie gesagt: Es sind komplexe Fragen, mit denen sich der Feminist Friday beschäftigt. Und das wird er wohl noch einige Zeit tun: „Ich denke, es wird noch lange dauern, bis wir in Deutschland gleichberechtigt sind. Aber auch große Dinge beginnen klein“, sagt Sroka-Rudolph hoffnungsvoll.

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