Vielfältiges Galerie-Programm in Delmenhorst

Große Namen im kleinen Haus Coburg

Delmenhorst. Das Team im Haus Coburg ist wieder komplett. Seit Anfang Januar ist die Stelle der nach Ganderkesee abgewanderten Wiebke Steinmetz besetzt. Zudem ist in der Städtischen Galerie Großes geplant.
17.01.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Andreas D. Becker

Delmenhorst. Das Team im Haus Coburg ist wieder komplett. Seit Anfang Januar ist die Stelle der nach Ganderkesee abgewanderten Wiebke Steinmetz besetzt. Zudem ist in der Städtischen Galerie Großes geplant, unter anderem eine Ausstellung mit dem international bekannten belgischen Künstler Panamarenko.

Panamarenko zu zeigen, war schon lange ein Traum von Annett Reckert. Und jetzt erfüllt ihn sich die Leiterin des Hauses Coburg einfach. Zumindest wenn alles mit der Finanzierung klappt, was in der Städtischen Galerie ja immer ein Problem ist, weil sich Politik und Verwaltung mit der Arbeit des Kunsthauses zwar gern schmücken, es aber, ohne mit der Wimper zu zucken, am Hungertuch nagen lassen. Deswegen steht alles immer unter dem Vorbehalt der Finanzierbarkeit.

Trotzdem sollen Arbeiten des Belgiers Henri van Herwegen auch in Delmenhorst gezeigt werden, die Technikkunst eines Mannes, der seine grazilen Konstruktionen schon auf der Welt präsentiert hat, im Centre Pompidou war er zu sehen, in New York, in Japan, immer und überall in den größten und besten Häusern. Auch schon mal in Delmenhorst, als Teil der Ausstellung „Käfer, Crash & Capri-Batterie“. Nun soll er das gesamte Haus bespielen. Eröffnet werden soll die Schau am 27. Juni.

Geld sucht die Galerie zusammen mit dem Freundeskreis Haus Coburg auch noch für eine Veranstaltung im Oktober. „Wir möchten gern mit dem Freundeskreis in die Markthalle gehen“, erklärte Annett Reckert gestern bei einer Pressekonferenz. „Wir wollen sowieso ab und an mal mit dem Haus in die Stadt gehen und spannende Architektur nutzen“, sagte sie. 2011 wurde der Wasserturm deswegen vom Künstler Thomas Putze bespielt, nun soll die Food-Art-Künstlerin Sonja Alhäuser eine Mischung aus Fest und Performance in der Markthalle gestalten. Es soll um die Themen Markt, Essen und Kunst gehen. „Wer uns unterstützen möchte, kann das gern tun“, sagte die Galerie-Leiterin. Das ist also noch Zukunftsmusik. Etwas konkreter sieht es da bei anderen Projekten aus.

Am 12. April übernimmt Delmenhorst zum Beispiel eine Ausstellung, die heute in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen eröffnet wird: „Raw Materials. Vom Baumarkt ins Museum“. Die Schau zeigt einen bunten Strauß von Künstlern, auch Stars wie Günther Uecker oder Tony Cragg. „Seitdem es Baumärkte gibt, gehen Künstler gern dort hin. Sie lüsteln dort geradezu“, erklärte Annett Reckert. In der Ausstellung sind Arbeiten von rund 30 Künstlern vereint, in denen das rohe Baumarktmaterial – daher der Titel – zu sehen ist.

Bis Ende kommender Woche hängen übrigens noch die Stierkampfzyklen von Goya und Picasso, ab Anfang Februar präsentiert das Haus Coburg dann Heike Kati Barath. „Damit sind wir das erste Haus in der Region, das die neue Professorin für Malerei der Hochschule für Künste Bremen in einer Einzelausstellung zeigt“, sagte Annett Reckert nicht ganz ohne Stolz. Die Malerin wird dabei das Haus Coburg im Sinne eines Eigenheims begreifen, es soll eine Art Wohnzimmer geben, eine Küche, was eben alles so dazugehört. Auch ein Gästezimmer wird es geben.

Neue Kuratorin am Haus

In diesem Gästezimmer werden die Studenten der Künstlerin ihre Arbeiten zeigen, jede Woche darf sich ein anderer Eleve darstellen. Um diesen Teil der Ausstellung wird sich die neue Kuratorin der Galerie kümmern: Heidrun Mezger, die die Nachfolge von Wiebke Steinmetz angetreten hat. „Sie hat die Latte recht hoch gelegt, ich muss meiner Vorgängerin allen Respekt zollen“, sagte die 36-Jährige bei ihrer Vorstellung.

Sie habe auch schon viele Ideen, was sie im Haus Coburg gern tun möchte, sagte sie, aber jetzt gilt es erstmal, dass sie sich eingroovt. Das ist wichtig, weil es einen fest eingezäunten Aufgabenbereich nicht gibt. In einem so kleinen Haus muss jeder sowieso alles erledigen, was gerade anfällt, quasi vom Kuratieren über die Kunstkommunikation bis zum Kaffeekochen. „Ich habe jemanden gesucht, der die Arbeit hier auch als Spielwiese versteht“, erklärte Annett Reckert. Sie wollte jemanden, der neugierig ist, der mit offenen Augen durch die Welt geht, der Lust hat, rumzuspinnen und auszuprobieren, aber auch jemand, der so unerschrocken ist, dass er vor nichts zurückschreckt, auch nicht vor dem Auf-die-Nase-Fallen, was halt schon mal passieren kann, wenn man in einem No-Budget-Haus arbeitet. „Ich brauchte jemanden, für den persönlich Kunst ein Lebensmittel ist.“ Den hat Annett Reckert unter den 110 Bewerbungen ganz offenbar gefunden.

Hilfreich für Heidrun Mezger könnte gewesen sein, dass Annett Reckert sie schon kannte. Die beiden haben eine gemeinsame Führung durch die Ausstellung „Poesia“ gemacht, in der es zeitgenössische Kunst und Artefakte aus aller Welt zu sehen gab. Annett Reckert hatte im Übersee-Museum gefragt, ob die jemanden hätten, der diese Führung mit ihr gestaltet. „Ich hatte vorher vom Haus schon gehört, es ist ja überregional bekannt“, erzählte Heidrun Mezger. Aber gesehen hatte sie es vorher noch nicht. Nach der Führung kam sie regelmäßig, weil ihr das Programm gefiel, die Künstler, die Kunstvermittlung.

Dabei wollte die Ethnologin eigentlich mal etwas ganz anderes machen als Kunst. „Nach dem Abitur bin ich aus Waiblingen nach Trier gegangen, um dort Psychologie zu studieren“, erzählte sie. Schnell war ihr klar, dass das Fach nichts für sie ist. „Ich kam dann auf die Idee, eine Ausbildung zur Restauratorin zu machen.“ Doch da kam ihr eine chronische Sehnenscheidenentzündung in den Weg. Es musste also noch mal etwas Neues her. Um den Kopf frei zu kriegen, trampte sie erst einmal ein Jahr durch Süd-Ost- und Süd-Asien. Danach startete sie in Köln ihr Studium der Ethnologie und Kunstgeschichte, arbeitete damals im Museum Ludwig, dem Haus für zeitgenössische Kunst in Köln, und volontierte schließlich im Übersee-Museum. In Bremen gestaltete sie bereits eine Ausstellung mit Studenten der Hochschule für Künste, zudem war sie für die künstlerischen Arbeiten und Positionen in der Afrika-Dauerausstellung verantwortlich.

Da sie im Studium einen ihrer Schwerpunkte auf Afrika gelegt hatte, bereiste sie den Kontinent für Forschungsarbeiten immer wieder und kam dort in Dörfer, in denen sie teilweise zwei Dolmetscher auf einmal benötigte, weil die Menschen dort Dialekte sprachen, die es teilweise eben nur in diesen Dörfern gab, erzählte sie auch. Es zeigt, dass ihr auch schwierige Situationen nicht fremd sind. Was vielleicht gar nicht verkehrt ist, wenn man sieht, wie Delmenhorst manches mal funktioniert.

Heidrun Mezger komplettiert das Team im Haus Coburg und bringt eine andere Sicht der Dinge mit: Die 36-Jährige ist nicht nur Kunstwissenschaftlerin, sondern auch Ethnologin. FOTO: MÖLLERS

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