Das Gewerbegebiet Brinkum-Nord ist für Stuhr eine Erfolgsgeschichte und lässt die Gemeindekasse klingeln Handel und Fortschritt - aber auch Streit

Es ist eines der ältesten, wenn nicht das älteste Gewerbegebiet in Stuhr: Brinkum-Nord. Und es ist mit seinen rund 70 Hektar Fläche das größte in der Gemeinde. Etwa vier Millionen Euro an Gewerbesteuer sind von dort in diesem Jahr in die Gemeindekasse geflossen. Aber es ist auch Geld nach Brinkum-Nord geflossen: Zum Beispiel Forschungsgelder vom Bund für die Firma Antares. Dabei gestaltete sich der Anfang des Gewerbegebietes alles andere als einfach, und auch später gab es Streit.
02.01.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Handel und Fortschritt - aber auch Streit
Von Markus Tönnishoff

Es ist eines der ältesten, wenn nicht das älteste Gewerbegebiet in Stuhr: Brinkum-Nord. Und es ist mit seinen rund 70 Hektar Fläche das größte in der Gemeinde. Etwa vier Millionen Euro an Gewerbesteuer sind von dort in diesem Jahr in die Gemeindekasse geflossen. Aber es ist auch Geld nach Brinkum-Nord geflossen: Zum Beispiel Forschungsgelder vom Bund für die Firma Antares. Dabei gestaltete sich der Anfang des Gewerbegebietes alles andere als einfach, und auch später gab es Streit.

Stuhr-Brinkum. "Das Gewerbegebiet Brinkum-Nord zählt zu den wichtigsten Gewerbestandorten in der Gemeinde Stuhr", sagt Stuhrs Wirtschaftsförderer Lothar Wimmelmeier. Die Entwicklung in den vergangenen zwei Jahrzehnten sei nicht zuletzt der Infrastruktur zu verdanken gewesen: Die Autobahn 1, die Bundesstraßen 6 und 51 sowie die Nähe zum Flughafen und zu den bremischen Häfen. "Rund 2800 Menschen arbeiten in dem Gewerbegebiet, in dem sich rund 200 Unternehmen angesiedelt haben. Fast ein Drittel aller Ausbildungsplätze in Stuhr werden von Unternehmen in Brinkum-Nord gestellt, nämlich rund 180", erklärt der Wirtschaftsförderer.

Was sich heute als Erfolgsgeschichte darstellt, begann jedoch sehr holperig. Im Jahr 1964, als die heutigen Stuhrer Ortsteile noch eigenständige Gemeinden waren, beschloss der Brinkumer Ortsrat, im nördlichen Teil der Gemeinde ein Gewerbegebiet einzurichten, berichtet Ursula Konieczny aus dem Ressort Stadtplanung im Rathaus. Im Jahr 1969 habe der Aufstellungsbeschluss öffentlich ausgelegen - im Jahr 1971 wurde er aber von der Bezirksregierung in Hannover kassiert. "Warum das passiert ist, lässt sich heute nicht mehr sagen, wahrscheinlich gab es Verfahrensmängel", vermutet Konieczny. Es musste nachgebessert werden. Bei den Planungen wurde das Gebiet nunmehr in einen westlichen und östlichen Teil geteilt. Nach der Gebietsreform im Jahr 1974 musste der neue Rat einen erneuten Beschluss in Sachen Bebauungsplan herbeiführen, was er auch tat. Vier Jahre später, 1978, gab dann auch die Bezirksregierung ihr Okay.

Industriebrachen mussten weichen

In den folgenden Jahren siedelten sich viele Firmen, aber auch Einzelhändler an. Viele sahen nicht nur die Infrastruktur als Vorteil, sondern auch die direkte Nachbarschaft zu Bremen mit seinen zahllosen potenziellen Kunden. Mitte der 90er-Jahre ließ Investor Rolf Müllmann aus Bremen im westlichen Teil des Gewerbegebiets den Ochtumpark als Fachmarktzentrum bauen. Bevor die Bauarbeiter anrücken konnten, mussten zunächst alte Industriebrachen angerissen und Böden gesäubert werden. 2001 eröffnete die Firma Nike das erste Outlet, dann ging es Schlag auf Schlag im Ochtumpark. In den folgenden Jahren kamen Adidas, Tommy Hilfinger, Puma, Mexx und Esprit dazu. Bereits ein Jahr früher hatte sich der Möbelgigant Ikea in Brinkum-Nord ein neues Zuhause gesucht. Bis dahin war die Filiale in Varrel an der Schulstraße angesiedelt, doch da wurde es dem Möbelhändler zu eng. Der Neubau in Brinkum-Nord ist rund doppelt so groß wie das alte Varreler Domizil.

Doch Mitte des Jahres 2005 dräute Ungemach. Investor Müllmann hatte wieder die Bagger anrollen lassen, um auf einem angrenzenden Areal weitere Verkaufsflächen entstehen zu lassen. Das wurde jenseits der Landesgrenze beim damaligen Bremer Bausenator Jens Eckhoff (CDU) jedoch nicht so gerne gesehen. Begründung: Damit werde Kaufkraft aus Bremen und insbesondere der Bremer Innenstadt abgezogen. Mit einem Eilantrag beim Verwaltungsgericht in Hannover sorgte der Bremer Bausenator dafür, dass die Bauarbeiten zum Stehen kamen. Im Stuhrer Rathaus reagierte man verstimmt - insbesondere, dass der Bausenator angekündigt hatte, eine Arbeitsgruppe bilden zu wollen, um über die Probleme zu sprechen. "Wir lassen uns nicht ewig mit falschen Zusagen hinhalten", schäumte der damalige Bürgermeister Cord Bockhop. Im Februar 2006 deutete sich ein Entspannung an. Bremen akzeptierte die Erweiterung des Ochtumparks, Stuhr hingegen sollte bei zukünftigen Planungen die Bremer ins Boot holen.

Heute sind derartige Kabbeleien Geschichte. Paul de Jong, Chef der Ikea-Filiale ist voll des Lobes über den Standort. "Die Autobahn ist ein fantastischer Zubringer, und der Geschäftsmix stimmt auch", so de Jong. Ein bisschen Sorgen mache ihm die Infrastruktur jedoch. Die Carl-Zeiss-Straße sei oft völlig überlastet. "Schön wäre es, wenn hier eine Straßenbahn fahren würde. Man sollte das Gebiet besser an den öffentlichen Personennahverkehr anbinden."

Der Geschäftsmix sowie die Infrastruktur haben auch einen anderen Giganten angezogen: Im September 2008 eröffnete Teppich-Kibek sein nach eigenen Angaben zweitgrößtes Teppichhaus der Welt mit rund 14500 Quadratmetern Verkaufsfläche. Am alten Standort, in Bremen-Arsten, nahe der Grenze zu Weyhe, sei es dem Unternehmen zu eng geworden, sagte Filialleiter Enno Stückroth. Hinzu seien Logistikprobleme gekommen. Beides habe dazu geführt, dass Kibek ein Auge auf Brinkum-Nord geworfen hatte. "Wir sind jetzt da, wo unsere Kunden sind", freute sich Stückroth.

Doch nicht nur der Einzelhandel hat sich im Gewerbegebiet "breit gemacht", nein, auch der Fortschritt wurzelt dort. Die Firma Antares beispielsweise entwickelt Sonden, die weltweit bei Bohrungen und in der Tiefseeforschung eingesetzt werden. Auch beim Bundesministerium für Bildung und Forschung ist man auf Antares aufmerksam geworden, sodass Forschungsgelder von Berlin nach Brinkum-Nord fließen.

Innovation ist zudem bei der Firma ETG zu finden. Das Unternehmen kümmert sich darum, PCs, Faxgeräte und Monitore so abzuschirmen, dass potenzielle Spione keine Chance haben, an die Daten ranzukommen. Alle elektrischen Geräte produzieren nämlich eine elektromagnetische Abstrahlung, die auch die Daten überträgt, die gerade verarbeitet werden. Mit speziell eingerichteten Laptops zum Beispiel, lässt sich so sehen, was gerade auf einem PC in der Nähe vor sich geht. Damit genau das nicht passiert, werden die Geräte von ETG "abhörsicher" gemacht. Auch die Bundeswehr hat sich vom Können der Brinkumer überzeugen lassen und steht somit auf der Kundenliste.

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