Online-Seminare statt Vor-Ort-Veranstaltungen

Alltagsgegenstände zur Kunst animieren

Weil wegen der Corona-Pandemie bis Ende August alle Veranstaltungen in der Städtischen Galerie Haus Coburg abgesagt werden mussten, setzt das Museum nun auf Online-Formate.
03.06.2020, 16:45
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Hensel
Alltagsgegenstände zur Kunst animieren

Frederik Foert betreibt Bewegungsstudien mit Gegenständen des Alltags und setzt sie in Bezug zur Sammlung des Hauses.

TAMMO ERNST

Frederik Foert ist Künstler. Er lebt in Berlin, Wien und Peking. Doch reisen darf er gegenwärtig nur begrenzt, die Landesgrenzen sind dicht. Annett Reckert, die Leiterin der Städtischen Galerie im Haus Coburg an der Fischstraße hat Foert nach Delmenhorst eingeladen, von Berlin aus durfte er reisen, er kam. Und so sitzt er nun bester Laune im Saal des Hauses. Vor ihm aufgebaut, auf langer Tafel, eine kleine Auswahl seiner Sammlung an Trash, also Alltagsgegenständen, deren künstlerischer Wert sich einem nicht unmittelbar erschließt. „Ich habe einfach alles in meinen Koffer gepackt und bin losgefahren“, sagt Foert und hantiert mit einem Schluckspecht: „Das war in den 70er-Jahren der letzte Schrei. Wahrscheinlich schon damals 'Made in China', habe ich ihn vor einiger Zeit auf einem Markt in Hongkong entdeckt“. Und auch ein abgeschnittenes Ohr, mit dem an einer Halloween-Party für Unterhaltung gesorgt werden könnte, steckt in der „Wunderkiste des Trash“, wie Foert sagt. Dass sich einst der Impressionist Vincent van Gogh im Absinth-Rausch sein linkes Ohr abschnitt, erhebt das Plastik-Ohr in den Kunst-Olymp.

Foert will diese Gegenstände zu Kunst machen. In Kennerkreisen gilt er als der Daniel Düsentrieb der Gegenwartskunst, und so hantiert er mit Scheibenwischermotoren und Cognacschwenkern, die sich fliegend zuprosten und zu Bewegungsstudien werden. Eine äußerst lebensbejahende Haltung, könnte man meinen und Foert nickt entschlossen.

Annett Reckert musste sich während der vergangenen Wochen überlegen, wie sie die Corona-Pandemie für ihr Haus nutzen kann. Wochenlang musste das Haus geschlossen bleiben und durfte keine Besucher empfangen. „Uns blieb also nur noch das Internet, doch ein Gemälde wird nur erlebbar, wenn man dem Original nah ist. Eine Fotografie kann den Besuch im Museum nicht ersetzen“, sagt Reckert, die mit ihrem Team überlegte, wie man Kunst in Corona-Zeiten vermitteln kann. „Die Idee lag in der digitalen Kunst“, sagt Reckert. Und diese Idee goss sie in einen Antrag an die VGH-Stiftung, die eigens ein Förderprogramm für die digitale Kunstvermittlung aufgelegt hatte. Aus der Förderung ergeben sich nun zwei unabhängige und doch zusammenhängende Projekte.

Das erste Projekt ist Frederik Foert, beziehungsweise seine Kunst. Foert wird sich die Sammlung des Hauses anschauen und mit seinen mitbegrachten Devotionalien einen Bezug herstellen, der dann in Form animierter Kurzsequenzen, sogenannter GIFs, sichtbar werden soll. Der mit zwei Kulleraugen verzierte und damit zum Killerwal verwandelte Boxhandschuh kann sich zwischen den Werken Mudders und Kapielskis austoben. Das Ergebnis wird dann zunächst rein digital zu betrachten sein. „Aber wir denken jetzt schon nach, wie wir die digitale Kunst mit der klassischen Form des Katalogs oder des Plakats zusammenführen können“, sagt Reckert. Die GIFs können endlos abgespielt, also geloopt werden und sollen somit als Teaser, also als Anreize für den zweiten Teil des Corona-Sommer-Projekts der Städtischen Galerie funktionieren und Inspiration und Vorbild für die teilnehmenden Kinder sein.

Denn im zweiten Teil des an Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren adressierten Projekts wird der Luxemburger Künstler Luan Lamberty ein Online-Seminar anbieten, dass sich der Produktion von Trickfilmen widmet. Lamberty, der auch an der Bremer Hochschule für Künste lehrt und während dieses Semesters seine Kurse online anbieten muss, wird im Juli zwei jeweils vierwöchige Online-Kurse zur Erstellung von GIFs anbieten und in den Monaten August und September zwei jeweils achtwöchige Online-Trickfilm-Seminare leiten. Die Kinder sollen dabei einen spielerischen Umgang mit der Kunst kennenlernen. Dass gleichzeitig noch der Künstler Thorsten Brinkmann einen Online-Jonglier-Kurs anbieten wird, vervollständigt den künstlerischen Reigen und stellt die Verbindung zwischen Geist und Körper her, macht also die Kunst zu etwas, dass mit allen Sinnen erfahrbar werden kann und soll.

Bevor es mit den Kursen losgeht, arbeitet die Städtische Galerie Haus Coburg bereits daran, ihre Kommunikationsmittel attraktiver zu machen und neue Kanäle zu entwickeln, um das Publikum zu erreichen. Die E-Mail-Verteiler der Galerie, die sich speziell an das jüngere Publikum wenden, werden von einer Grafikagentur neu gestaltet und sollen so in origineller Form Lust auf die angebotenen Sommerprojekte machen. „Dass wir bis zum 31. August keinerlei Veranstaltungen vor Ort anbieten dürfen, schmerzt uns sehr“, sagt Reckert. So wird zwar der Färbergarten, in dem Pflanzen zur späteren Gewinnung von Farbe wachsen, von den Mitarbeitern des Hauses Coburg gepflegt, aber die Kinder, die ihn sonst bewirtschaften, dürfen ihn gegenwärtig nicht besuchen: „Dafür gibt es jetzt 'Post aus dem Färbergarten' und statt der Kinder-Führungen, die sonst sonnabends stattfinden, Newsletter, mit denen die Kinder zur Beschäftigung mit Kunst animiert werden“, sagt Recker. Insofern nutzt das Haus die Wochen, in denen die Galerie geschlossen sein musste, um Ideen zu entwickeln, die über die Zeiten der Corona-Pandemie hinausstrahlen werden. Von dem Online-Projekt erhofft sich Reckert auch eine Ergänzung ihrer bisherigen museumspädagogischen Angebote.

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