Kunstpause Reloaded Mindset der Pandemie

Liebe Grüße aus Rumänien: Dan Perjovschi hält in Postkarten fest, welche Gedanken ihn während der Krise beschäftigen. Im Haus Coburg Delmenhorst ist so ein Mindset der Pandemie entstanden.
20.12.2020, 15:36
Lesedauer: 3 Min
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Mindset der Pandemie
Von Björn Struß

Vielleicht werden Wissenschaftler einmal die Frage stellen, wie Corona das Bewusstsein der Europäer verändert hat. Abstand halten, Maske tragen, statt Händedruck maximal ein Ellenbogen-Stupser – und dann die vielen Sorgen um die Gesundheit und die Zukunft. Die Spuren dieser gesamtgesellschaftlichen Verwüstung zeigt auch ein Kunstprojekt im Haus Coburg. Der rumänische Künstler Dan Perjovschi verewigt auf Postkarten, welche Wörter ihm gerade durch den Kopf schießen und was er mit diesen assoziiert. Es sind Impulse, per schwarzem Stift schnell und minimalistisch umgesetzt. In unregelmäßigen Abständen erreichen diese kleinen Kunstwerke das Haus Coburg in Delmenhorst und erschaffen gemeinsam etwas Großes. Angst, Zukunft, Coronavirus, poor, leader, 2 or 1,5 meters solidarity – die Wörter, die Perjovschi einmal quer über den Kontinent geschickt hat, wirken wie ein Mindset der Pandemie.

Und auch das ist typisch 2020: Mit dem DELMENHORSTER KURIER spricht Perjovschi natürlich per Videoanruf. In einem gewöhnlichen Jahr sei er fast nie länger als eine Woche in derselben Stadt. Nun lebe er pandemiebedingt mit seiner Frau fast das ganze Jahr in seiner Heimatstadt: Sibiu. Gewissermaßen ist dieser Ort das Kassel in Rumänien, liegt die Stadt geografisch doch fast exakt in der Mitte des Landes. „Im Dezember haben wir hier eigentlich immer Schnee und minus zehn bis minus zwanzig Grad“, berichtet Perjovschi. Aber das Jahr 2020 ist auch in dieser Hinsicht nicht normal. In der bergigen Region ist es ungewöhnlich warm und grün.

Wie alle Künstler in diesen Tagen bedauert es auch Perjovschi, dass die Galerien und Museen in weiten Teilen Europas derzeit geschlossen sind. Aber es gibt ein kleines Trostpflaster. „Weil ich meine Kunst per Post verschicke, erreicht sie auch so einige Menschen, die bei der Post arbeiten“, sagt er. Für ihn sei das eine erste Form von Öffentlichkeit, in die er mit seiner Arbeit vordringt. Diese Methode hat aber auch durchaus ihre Tücken. „In den USA gibt es offenbar Geräte, die nur eine maschinelle Anschrift lesen können. Da habe ich all meine Postkarten zurück bekommen“, berichtet Perjovschi und lacht.

Das Leben in diesem Jahr erinnert den Künstler zum Teil an die Zeit vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, als Rumänien noch eine sozialistische Diktatur war. Anders als Künstler im Westen konnte Perjovschi damals nicht frei reisen. „Unsere Art zu verreisen war es, einander Briefe per Post zu schicken“, erinnert er sich. Die Postkarte mit dem sehr limitierten Platz hat der Rumäne zu einem Stilmittel seines Wirkens gemacht. „Eine Karte reicht aus, um ein Statement abzugeben. Aber die Möglichkeiten sind natürlich begrenzt“, erläutert er.

Seine Statements sind im Haus Coburg zum Teil an der weißen Wand arrangiert. Dabei hatte Galerieleiterin Annett Reckert komplett freie Hand. „Sie kann viel besser einschätzen, welche Botschaften die Besucher in Delmenhorst interessieren“, erklärt Perjovschi. Manchmal habe Reckert ihn aber auch nach seiner Meinung gefragt. Die Kunstinstallation ergänzt eine Mappe, in der die Postkarten wie in einem Fotoalbum aneinandergereiht sind. Dort findet sich auch eine Spielerei mit dem Wort Delmenhorst. Die Buchstaben „MEN“ sind hervorgehoben und geben der Stadt so einen extra maskulinen Anstrich.

Die Postkarten zeigen einen nachdenklichen, zum Teil auch pessimistischen Blick auf die Welt. Das Wort „Angst“ hat Reckert in ihrer Auswahl gleich drei Mal an der Wand positioniert. Aber ist dieses Gefühl nicht tatsächlich sehr prägend für das Jahr 2020? Wohl auch das geballte Wissen aus 69 Podcast-Folgen „Coronavirus-Update“ mit Christian Drosten und Co. vermag es nicht, dieses allzu menschliche Gefühl vollends aus der Magengrube zu vertreiben. Und wenn Perjovschi an Zukunft denkt, formt er das „U“ zu einer tiefen Grube, in die ein kleines Strichmännchen fällt – auch nicht wirklich aufmunternd.

„Ich habe eher an einen Sprung in diese Grube gedacht“, erklärt Perjovschi. In die Zukunft zu fallen – diese Metapher habe für ihn eher etwas Positives, etwas Befreiendes. Sollte der Betrachter auf einen traurigen Künstler schließen, sei das ein Trugschluss. „Ich bin wirklich kein pessimistischer Mensch“, sagt Perjovschi und lacht.

Die Kunst darf das Haus Coburg behalten. „Das ist eine großzügige Spende. Einen Kauf hätten wir uns niemals leisten können“, sagt Reckert. Wenn die Wissenschaft also einmal an einem „Mindset der Pandemie“ forscht, sollte sie ihren Blick vielleicht nach Delmenhorst richten.

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Über die Serie

Seit dem 2. November sind Kunst- und Kultureinrichtungen im Namen des Infektionsschutzes geschlossen. So auch die Städtische Galerie Delmenhorst. Die aktuelle Ausstellung „Meeting in Language“ stand den Besuchern nur für drei Wochen offen, dann kam der Lockdown. Zwischen April und August brachte die „Kunstpause“ von Andreas D. Becker bereits Werke aus dem Haus Coburg in die Zeitung. Nun ist es Zeit für eine Neuauflage: „Kunstpause Reloaded“.

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