Kunstpause Reloaded Die Sprache der Gastarbeiter

„Jawohl mein Herr“ – diese Worte sollten Türken im Deutschland der 1970er-Jahre mit als erstes kennen. Ein Kunstprojekt von Esra Oezen zeigt im Haus Coburg Delmenhorst, wie Gastarbeiter damals Deutsch lernten.
13.12.2020, 13:00
Lesedauer: 3 Min
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Die Sprache der Gastarbeiter
Von Björn Struß

Der Lockdown für die Kunst und Kultur ist eine große Tragödie, die sich aus vielen kleinen Geschichten zusammensetzt. Das geschlossene Haus Coburg ist eine davon, es lohnt aber auch ein genauerer Blick in die Galerie. In der Ausstellung „Meeting in Language“ erblickt nämlich eine Arbeit der jungen Künstlerin Esra Oezen erstmalig das Licht der Öffentlichkeit: „DOYC... für eine bessere Verständigung“. Vier Monate hätten die Besucher eigentlich Zeit gehabt, zu begutachten, wie der Staat anno 1972 türkischen Gastarbeitern die deutsche Sprache näherbringen wollte. Doch nur für drei Wochen war die Galerie geöffnet, bevor der Kampf gegen das Virus zur Schließung führte.

„Die Arbeit ist zum ersten Mal ausgestellt. Da sind die Rückmeldungen besonders spannend“, sagt Oezen im Gespräch mit dem DELMENHORSTER KURIER. Diese Resonanz gab es nun in deutlich reduzierter Form. Dabei macht Oezen Kunst, die stark durch die Reaktion des Publikums lebt. Video-Installationen und Kunst-Performance gestaltet sie minimalistisch und konfrontiert oft minutenlang mit monotonen Wiederholungen. Auf der Internetseite esraoezen.de präsentiert Oezen diese Arbeiten. Es ist Kunst, die sich nicht als Dekoration an die Wand hängen lässt.

„Jawohl mein Herr“

"DOYC... für eine bessere Verständigung" im Haus Coburg bildet da eine Ausnahme. Zwar hängt auch hier kein Bild an der Wand, aber in schwarzen Lettern ist dort etwa "fersteyn zi" zu lesen. Davor liegt eine Mappe mit einem rötlichen Farbton, die auch durch das Gefühl beim Anfassen an eine Behördenakte erinnert. Beim Durchblättern begegnen dem Betrachter Sätze wie "vilst du mih hayratn?" oder "yavol mayn her". Es bedarf etwas Mühe, aber die Übersetzung zu "Willst du mich heiraten?" und „Jawohl mein Herr“ gelingt doch recht schnell.

Wer Türkisch als Muttersprache gelernt hat, soll es mit dieser Schreibweise besonders leicht haben, die deutsche Aussprache zu lernen. In der Remise ist auch die Quelle für das Kunstprojekt zu sehen: Ein inzwischen vergilbtes Heft aus dem Jahr 1972, ausgestellt als Lehrbuch für türkische Gastarbeiter.

„Durch ein Stipendium habe ich über drei Monate in Istanbul gelebt. Dort habe ich das Heft durch Zufall in einem Second-Hand-Laden entdeckt“, verrät Oezen. Sie habe viele Wörter und Redewendungen entdeckt, die inzwischen gar nicht mehr gebraucht werden. „Das war für mich sehr inspirierend und spannend“, schwärmt Oezen. Im Jahr 2011 habe sie den Inhalt für ihr Kunstprojekt ausgewählt, umgesetzt habe sie es dann aber erst 2017. Die Worte des Lehrbuchs stempelte sie Buchstabe für Buchstabe. Das Ergebnis erinnert so auch an Erpresserbriefe, bei denen Kriminelle die Buchstaben aus Zeitungen ausschneiden und dann neu zusammenfügen.

Wie ein Kommentar zur Nachkriegszeit

Das Kunstwerk wirkt wie ein Kommentar zu der Einwanderungsgeschichte der Nachkriegszeit. Diese hat auch die Familie von Oezen geprägt. Ihre Großeltern kamen mit den Eltern, als diese noch Kinder waren. Oezen selbst ist in Deutschland geboren und wuchs in Wolfsburg auf. Trotzdem verarbeitet sie in „DOYZ ... für eine bessere Verständigung“ ausdrücklich nicht die Integration der eigenen Familie: „Damit habe ich mich nicht beschäftigt. Mich interessiert vielmehr, wann und wie die Sprache gelernt wurde, wenn es keine Sprachkurse gab.“ Die Umsetzung als Mappe zum Durchblättern solle einen einfachen Zugang zu diesem Thema ermöglichen.

Den Schritt in Richtung Gesellschaftskritik oder gar hin zu einer politischen Botschaft vermeidet Oezen also ganz bewusst. Dennoch zeigt ihre Arbeit auch symbolhaft, welche Fehler Deutschland in der Nachkriegszeit in der Migrationspolitik gemacht hat. Wer den neuen Mitbürgern „Jawohl mein Herr“ in den Mund legt, der etabliert auch ein hierarchisches Verhältnis, der signalisiert den Gastarbeitern, dass sie sich unterordnen sollen. Die Sprache ist hier einmal mehr ein Ausdruck des Zeitgeistes – in diesem Fall einer misslungenen Einwanderungspolitik.

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Über die Serie

Seit dem 2. November sind Kunst- und Kultureinrichtungen im Namen des Infektionsschutzes geschlossen. So auch die Städtische Galerie Delmenhorst. Die aktuelle Ausstellung „Meeting in Language“ stand den Besuchern nur für drei Wochen offen, dann kam der Lockdown. Zwischen April und August brachte die „Kunstpause“ von Andreas D. Becker bereits Werke aus dem Haus Coburg in die Zeitung. Nun ist es Zeit für eine Neuauflage: „Kunstpause Reloaded“.

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