Kunstpause Reloaded Wortgewaltige Entdeckungssuche

„The Complete Dictionary“ – das sind 26 Bücher und 90 Kilogramm Papier. Auf eine sehr materielle Weise zeigt Tine Melzer im Haus Coburg Delmenhorst, wie viele Wörter sich aus sechs Buchstaben bilden lassen.
29.11.2020, 10:00
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Wortgewaltige Entdeckungssuche
Von Björn Struß

Kunstwerke sind abhängig von der Bedeutung, die Menschen ihnen beimessen. Und trotz dieser symbiotischen Beziehung ist da allzu oft eine unsichtbare Barriere. Diese Distanz beim Betrachten oder auch der strenge Blick eines Galerie-Mitarbeiters im Zusammenspiel mit dem Schild „Bitte nicht berühren“. Grundlegend anders verhält es sich mit dem Kunstprojekt „The Complete Dictionary“ von Tine Melzer, welches im Haus Coburg durch den Lockdown gerade vergebens darauf wartet, von Menschen inspiziert zu werden. Dabei ist alles perfekt vorbereitet: Ein Stuhl, ein großer Tisch, 26 dicke Bücher und eine Lupe liegen bereit. Sprache, die im Zusammenspiel von Lippen und Zunge entsteht und mit Tinte auf Papier Jahrhunderte überdauern kann, wird von Melzer in eine sehr materielle Form verwandelt. Alle Worte mit sechs Buchstaben, die aussprechbar sind, ergeben gedruckt auf Bücherseiten die Masse eines kräftigen Mannes: 90 Kilogramm.

In einer Zeit, in der die allwissende Enzyklopädie nicht mehr aus Buchbänden besteht, sondern als Google-Feld auf unserem Handy erscheint, hat der Griff zum „Complete Dictionary“ etwas herrlich Altmodisches. „Die meisten Menschen suchen als erstes nach ihrem eigenen Namen. Vorausgesetzt, er besteht aus maximal sechs Buchstaben“, sagt Annett Reckert, Leiterin der Städtischen Galerie. Abhängig davon, wie sehr das Alphabet sich in die grauen Zellen eingebrannt hat, kann dies durchaus einen Moment dauern. Und siehe da, auch „Bjoern“ hat es in dieses zeitgenössische Kunstwerk geschafft. Wie es wohl bei den Schweden dazu gekommen ist, dass sich nicht der Name „Bjoerm“ durchgesetzt hat?

„Der eigene Name ist in der Regel das erste Wort, das wir lesen und schreiben können“, erklärt Tine Melzer im Telefonat mit dem DELMENHORSTER KURIER. Deshalb habe der eigene Name für die Sprachentwicklung immer eine besondere Bedeutung: „Für Kinder ist das einer der schönsten Momente.“ Melzer lebt in Zürich, hat zum „Soft Opening“ im Oktober aber das Haus Coburg besucht. Damals waren derartige Veranstaltungen mit Hygienekonzept noch möglich. „Ich habe Frau Reckert zum ersten Mal in Bremen getroffen. Als dann die Anfrage von der Galerie kam, musste ich erst mal googeln, wo Delmenhorst liegt“, erinnert sie sich.

Melzer beschäftigt sich aus mehreren Perspektiven mit dem Thema Sprache. In ihrem Studium hat sie sich nicht nur mit der gestaltenden Kunst beschäftigt, auch die Philosophie machte sie früh zu einer akademischen Berufung. Sie promovierte mit der Dissertation „Ludwig Wittgenstein & Gertrude Stein – Meeting in Language“. Die letzten drei Worte hat sie nun an das Haus Coburg als Titel für die aktuelle Ausstellung ausgeliehen. „Natürlich verändert sich die Bedeutung der Worte, wenn sie allein stehen“, sagt sie. Trotzdem freut sie sich über die neue Verwendung.

Das außergewöhnliche Wörterbuch befindet sich inzwischen im Alter eines Teenagers. 2003 erblickte Melzers Kunstwerk das Licht der Welt, nun hat es 17 Jahre auf dem Buckel, oder besser: auf dem Buchrücken. „Das war damals noch eine andere Zeit. Das Daten-Speichermedium Nummer eins war die CD mit einer Kapazität von 350 Megabytes. Bei den Reaktionen drehte sich sehr viel um die Datenmenge, weil ein Buchstabe einem Byte entspricht. Heute redet da niemand mehr drüber“, erklärt Melzer. Das Kunstprojekt werde heute deshalb viel besser verstanden.

Die Entscheidung, sechs Buchstaben als Grenze auszuwählen, hatte gewissermaßen einen logistischen Hintergrund. „Mit sieben Buchstaben erhöht sich die Zahl der Bücher um den Faktor 22. Damit könnte man ein ganzes Zimmer füllen“, sagt Melzer. Andersherum passt das Projekt angewandt auf fünf Buchstaben in ein Buch. „Ich arbeite gerade daran, das umzusetzen, sodass man sich das Kunstprojekt auch nach Hause bestellen kann“, verrät Melzer. Dabei gehe es auch um die Aufgabe, einen Verlag zu finden, der auf sehr dünnen Seiten drucken kann.

Philosophie, Kunst und Literatur – in diesem Dreieck bewegt sich auch das Buch „Taxidermy for Language - Animals“, welches Tine Melzer jüngst in einer zweiten, überarbeiteten Auflage veröffentlicht hat. Das englischsprachige Werk hat die ISBN-Nummer 3906213102 und ist im Verlag Rollo Press erschienen.

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Über die Serie

Seit dem 2. November sind Kunst- und Kultureinrichtungen im Namen des Infektionsschutzes geschlossen. So auch die Städtische Galerie Delmenhorst. Die aktuelle Ausstellung „Meeting in Language“ stand den Besuchern nur für drei Wochen offen, dann kam der Lockdown. Zwischen April und August brachte die „Kunstpause“ von Andreas D. Becker bereits Werke aus dem Haus Coburg in die Zeitung. Nun ist es Zeit für eine Neuauflage: „Kunstpause Reloaded“.

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