Heilig-Geist-Organistin Irina Marchenko

Vorliebe für die leisen Töne

Seit 23 Jahren ist Irina Marchenko inzwischen Organistin der Heilig-Geist-Gemeinde. Die Orgel aus der Werkstatt von Claus Sebastian ist ihr längst ans Herz gewachsen.
25.04.2021, 06:50
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Von Günter Matysiak
Vorliebe für die leisen Töne

In Delmenhorst hat die aus Aserbaidschan stammende Organistin Irina Marchenko eine neue Heimat gefunden.

INGO MöLLERS

Was für ein weiter Weg vom am kaspischen Meer gelegenen Aserbaidschan und seiner Hauptstadt Baku nach Delmenhorst in die norddeutsche Provinz. Was für ein weiter Weg auch vom quirligen Opern- und Operettenleben am Bakuer Theater mit Verdis Leidenschaften und Kalmans Erotik zum Gemeindechoral in gottesdienstlicher Stille in der Heilig-Geist-Kirche an der Deichhorster Straße. An der Orgel dieser Kirche hat Irina Marchenko nach eigenem Bekunden eine Heimat gefunden und ist nun schon 23 Jahre Organistin der Heilig-Geist-Gemeinde.

Im Alter von sechs Jahren erhielt sie in Baku ihre ersten Klavierstunden, studierte dann dort am Konservatorium und arbeitete nach ihrem Examen an der Bakuer Oper als Korrepetitorin, begleitete die Sänger bei Soloproben am Klavier und leitete die Chorproben.

Inzwischen ist ihr Baku fremd geworden, wie sie erzählt. Zuhause ist sie jetzt in Delmenhorst, wo sie vor vielen Jahren anlässlich eines Konzertes mit ihrem Ehemann, einem Sänger, der damalige Heilig-Geist-Pastor ansprach, ob sie nicht Lust hätte, die Orgelstelle der Gemeinde zu übernehmen. Diese Lust hatte sie und nahm Orgelunterricht. Zuerst bei Michael Brockmann, Organist der Apostelkirchen-Gemeinde, dann beim damaligen Stadtkirchenkantor Gerd Hofstadt. Er bereitete sie auch auf die Prüfung für nebenamtliche Organisten vor, die sogenannte C-Prüfung, eine umfassende Ausbildung, zu der auch Chorleitung gehört. Mittlerweile leitet Irina Marchenko drei Chöre. Neben dem Kirchenchor der Heilig-Geist-Gemeinde sind das der Gemischte Chor Falkenburg und der Männergesangverein Dötlingen. Auch in diesem Bereich hat sie hier also eine Heimat gefunden.

22 Register, 1050 Pfeifen

Was ist das für eine Orgel, die ihr in zwei Jahrzehnten „ans Herz gewachsen“ ist, von der sie so liebevoll spricht, wenn sie ihre Vorzüge schildert und mit spielerischer Leichtigkeit gleich auch zum Klingen bringt? Es ist eine zweimanualige, 1989 nach handwerklichen Prinzipien gebaute Orgel der Orgelbauwerkstatt Claus Sebastian aus Geesthacht, von dem in näherer Umgebung auch die Orgel der Kapelle am Deich in Lemwerder stammt. Sie besitzt 22 Register, verteilt auf Hauptwerk, Rückpositiv und Pedalwerk mit 1050 Pfeifen in drei Gehäusen auf der Orgelempore links im Kirchenraum. Drei Koppeln, mit denen die drei Registerwerke jeweils kombiniert werden können, erweitern Spiel- und Klangmöglichkeiten. Ein Schwellwerk, in dem ein beweglicher Jalousiemechanismus für ein An- und Abschwellen der Lautstärke (Crescendo, Decrescendo) sorgen würde, hat die Orgel nicht, was die Musik etwa der französischen Spätromantik nur unzureichend darzustellen erlaubt.

Orgel

Die Orgel in der Heilig-Geist-Kirche wurde 1989 von der Werkstatt Claus Sebastian aus Geesthacht gebaut.

Foto: INGO MöLLERS

Die Traktur der Orgel, also die Technik ihres Spiel- und Registrierapparats, ist rein mechanisch, was durch den direkten Fingerkontakt zur Tonentstehung für ein sehr genaues Spielgefühl sorgt. Das wäre bei einer elektromechanischen oder elektropneumatischen Traktur nicht der Fall. Als eine sensible Organistin lehnt Irina Marchenko, die ja nicht nur Töne produzieren, sondern lebendig atmende Musik machen will, solche Orgeltechnik mit spürbarem Widerwillen ab. Eine Ausnahme bildet die Windversorgung der Orgelpfeifen, die heute allgemein durch ein elektrisches Gebläse und nicht mehr durch Kalkanten (Bälgetreter) geschieht.

Als gelernte Pianistin gehört Anschlagssensiblität ja ohnehin zu ihrem Metier, auch wenn sich Orgel und Klavier in dieser Hinsicht grundlegend unterscheiden. So braucht der Klavierhammer einen Fingerschwung als Anschlagsbewegung, während bei der Orgeltaste ein Druckpunkt zum Öffnen des Spielventils überwunden werden muss.

Eigene Spezialitäten entwickelt

Irina Marchenko liebt ihre Orgel. Besonders liebt sie deren stille, leisen Register, die „Rohrflöte“ etwa oder die „Flöte gedackt“. Und sie liebt den leisen, sanften Klang, den sie mit pastellenen Farben in Giulio Caccinis berühmtem „Ave Maria“ tönen lässt. Aber sie weiß, die Orgel muss auch prachtvoll strahlen dürfen, und sie demonstriert das mit vielfarbigen „Mixtur“-Klängen an einer brillanten Pachelbel-Toccata. Jetzt, in Corona-Zeiten, wo die Kirche nicht voll ist, sind ihr die leisen Töne aber lieber, und da hat Irina Marchenko eigene Spezialitäten parat. Sie liebt nämlich Bearbeitungen und spielt etwa gerne Schumanns „Träumerei“ auf ihrer Orgel, sehr zur Freude ihrer Zuhörer.

Bearbeitungen? Die Klassik zur Zeit Haydns, Mozarts, Beethovens ist nicht die hohe Zeit der Orgelmusik, aber Irina Marchenko gelingt es, aus dem langsamen Satz der „Pathetique“, einer Klaviersonate Beethovens, ein originelles Stück Orgelmusik zu machen. Und als von gerade aktueller Popularmusik die Rede ist, fällt auch der Name Ludovico Einaudi. Da klingt sicher schon bald von der Orgel der Heilig-Geist-Kirche nicht nur eine romantische Orgelmusik Felix Mendelssohn-Bartholdys , sondern auch einer der minimalistischen Ohrwürmer dieses italienischen romantic-pop-Komponisten. Und macht deutlich, was die Orgel, die ja gerade zum Instrument des Jahres 2021 gewählt wurde, so alles kann. Orgel und Orgelmusik sind ja auch seit 2017 von der Unesco als „Immaterielles Kulturerbe“ anerkannt.

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