Delmenhorster Schriften Mit Strohpuppe den Löwen überlistet

Die sechs Gemälde zur Oldenburger Löwenkampfsage steht im Mittelpunkt von Band 19 der Reihe Delmenhorster Schriften, der jetzt vom Heimatverein Delmenhorst herausgegeben wurde.
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Mit Strohpuppe den Löwen überlistet
Von Gerwin Möller

Es war der letzte Delmenhorster Graf, Graf Christian IX., der sich zur Ausgestaltung seines Schlosses in Delmenhorst, auf der heutigen Burginsel, im Jahr 1639 sechs großformatige Ölbilder zur Oldenburger Löwenkampfsage anfertigen ließ. Herta Hoffmann, pensionierte Oberstudienrätin des Max-Planck-Gymnasiums, promovierte 2019 an der Universität Oldenburg mit einer Arbeit über Gräfin Sibylla Elisabeth von Oldenburg und Delmenhorst (1576-1630). Sie stellt die zwei Meter hohen und 2,5 Meter breiten Gemälde, die das Esszimmer der Wasserburg schmückten, in Heft 19 der vom Heimatverein Delmenhorst herausgegebenen Delmenhorster Schriftenreihe vor. Die Sage erzählt von der Entstehung des gelb-roten Balkenschildes der Grafen von Oldenburg. Ein Bilderzyklus zur Löwenkampfsage von Johann Horwart im Haag aus dem 17. Jahrhundert gilt schon seit dem 18. Jahrhundert als verschollen. Die Brüder Grimm nahmen die Sage vom listig geführten Kampf des Grafen Friedrich gegen den grausamen Löwen 1818 in ihre Sammlung deutscher Sagen auf. Die Geschichte diente Ende des 19. Jahrhunderts auch dem aus Delmenhorst stammenden Malerpoeten Arthur Fitger als Vorlage für ein monumentales Wandgemälde zur oldenburgischen Wappensage vom Löwenkampf im Großen Saal des Oldenburger Schlosses.

Als Christian IX. den Oldenburger Hofmaler Wilhelm de Saint-Simon mit den sechs Gemälden fürs Delmenhorster Schloss beauftragte, wollte er, wie es für seine Zeit üblich war, ein künstlerisches Denkmal mit politischer Aussage setzen lassen. Er ließ seine Delmenhorster Linie des Grafenhauses in der Bilderfolge erscheinen. Herta Hoffmann beschreibt die Gemälde als in zwei Zeitebenen verbunden, „er malte Historienbilder, in die er Figuren seiner Gegenwart aufnahm“ und formulierte in dieser Version den Delmenhorster Löwenkampfzyklus.

Graf Christian IX. starb 1647, die sechs Gemälde gelangten als Erbstücke an seine Schwester, Aemilia, Gräfin von Schwarzburg-Rudolfstadt. In der Residenz kamen sie in ihre Gemächer, 1894 wurden sie durch den Leiter des damaligen Herzoglichen Haus- und Zentralarchivs, Georg Sello, wiederentdeckt. Als Leihgabe des Thüringischen Landesmuseums kehrten die fürs Delmenhorster Schloss gemalten Bilder 1969 an die Delme zurück und wurden im Stadtmuseum auf dem Nordwollegelände ausgestellt.

Herta Hoffmann stellt ihrer Abhandlung eine Version der Sage voraus. Danach war der in Rastede lebende Graf Huno als Herr des Ammerlandes und Rüstringens vom Erzbischof Adalbert von Bremen beim Kaiser angeschwärzt worden. Heinrich IV. verurteilte ihn „zum Gottesurteil durch Kampf“. Kämpfen sollte er mit einem grausamen Löwen. Für Huno trat sein Sohn Friedrich zum Kampf an. Der ließ eine Strohpuppe zimmern und gleich einem Krieger bewaffnen. Die Puppe wurde mit frischem Fett und Ochsenblut beschmiert. Vom Blutgeruch angelockt stürzte das Raubtier sich sogleich auf die Puppe und begann sie zu zerreißen. Derart abgelenkt sah er den Grafen Friedrich nicht, als dieser sich ihm mit dem Schwert in der Hand näherte und ihn mit einem Hieb niederstreckte. Unverletzt traten Sohn und Vater vor den Kaiser, der den jungen Sieger mit einem Ring und Rittergurt auszeichnete. Dann tunkte er seine Hand in des Löwen Blut und strich damit zweimal über den goldenen Schild des Grafen, auf diese Weise entstand der gelb-rote Balkenschild der Grafen von Oldenburg. Die sechs Gemälde halten diese Geschichte fest.

Friedrich Hübner, Vorsitzender des Heimatvereins erinnert an die Delmenhorster Schriftenreihe, die jetzt vom Heimatverein nach 21 Jahren Pause im Isensee-Verlag als Band 19 wieder aufgenommen wird. Hübner erinnert sich, wie er 1994 als damaliger Delmenhorster Kulturdezernent auf Einladung des Thüringischen Landesmuseums das Schloss Rudolstadt zur Einweihung des frisch renovierten „Delmenhorster Gemachs“ besuchte. „Damals wusste ich nur ein wenig von den alten Verbindungen.“ Hübner sprach sich seinerzeit dafür aus, den „Löwenkampfzyklus“ wenigstens für einige Wochen leihweise an die Delme zu holen.

Zwei Aufsätze steuert der Historiker Dieter Rüdebusch der Delmenhorster Schrift bei: Er schildert, wie der Oldenburger Verleger Heinz Holzberg Kontakte nach Thüringen pflegte und zusammen mit dem DDR-Historiker Heinz Deubler Mitte der 1970er-Jahre plante, die in Rudolstadt hängenden Delmenhorster Bilder im Westen wieder bekannt zu machen. 1978 erschien im Holzberg-Verlag das Buch „Die Sage vom Löwenkampf des Grafen Friedrich und die besonderen Beziehungen zwischen den Häusern Oldenburg-Delmenhorst und Schwarzburg-Rudolstadt“. In einem weiteren Beitrag geht Rüdebusch auf das Leben der Gräfin Aemilia Antonie von Schwarzburg-Rudolstadt (1614-1670) ein.

Seinem Vater, dem Verleger Heinz Holzberg, widmet Niklas Holzberg einen Abschnitt. Holzberg sorgte 1978 für die Bekanntmachung der Löwenkampfsage, die Dieter Rüdebusch und Christine Holzberg veröffentlicht hatten. Eine weitere Episode an einen Vater stammt von Florian Isensee, der an den Oldenburger Verleger Dieter Isensee und dessen besonderer Verbundenheit zur Region erinnert.

Ein Beitrag von Christine Jackson-Holzberg befasst sich mit dem Werk des Hofmalers Wilhelm de Saint Simon, der den Löwenkampfzyklus für Christian IX. dargestellt hatte. Lutz Unbehaun stellt das Schloss Heidecksburg in Rudolstadt vor.

Die Delmenhorster Schriften des Heimatvereins werden auch über den Buchhandel vertrieben, Band 19 ist dort für 12,50 Euro zu beziehen.

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