Entscheidung ist gefallen

Hertie in Delmenhorst wird abgerissen

Knapp sieben Millionen Euro lässt es sich Delmenhorst kosten, das leere Hertie-Kaufhaus abzureißen. Auch das ehemalige St.-Josef-Stift geht in den Besitz der Stadt über. Auch hier ist ein Abriss vorgesehen.
25.11.2020, 19:30
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Hertie in Delmenhorst wird abgerissen
Von Björn Struß

Ein Jahrzehnt des Leerstands und der vergeblichen Bemühungen, das verwaiste Kaufhaus neu zu beleben, endet mit dem Abriss der Hertie-Immobilie an der Langen Straße. Diese Entscheidung hat am Dienstagabend der Delmenhorster Stadtrat in einer Sondersitzung mit einer breiten Mehrheit getroffen. Für den Kauf und Abriss des Gebäudes kalkuliert die Stadt mit Kosten von insgesamt 6,9 Millionen Euro. Mit einer weiteren Haushaltsüberschreitung von 2,7 Millionen Euro stimmte der Rat ebenfalls dem Kauf des ehemaligen Krankenhauses St.-Josef-Stift zu. Auch hier ist als Perspektive ein Abriss vorgesehen. Das gekaufte Grundstück im Herzen der Stadt hat eine Fläche von rund 10.000 Quadratmetern und soll an einen Investor verkauft werden.

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Das ehemalige Hertie-Kaufhaus hat laut einem Gutachten einen Verkehrswert von 1,9 Millionen Euro. Die Stadt zahlt an die Erste Projektentwicklungsgesellschaft Delmenhorst, vertreten durch den Investor Werner Uhde, aber weitaus mehr. Im Kaufpreis enthalten sind auch die Kosten der Entkernung, für die Uhde in Hoffnung auf neue Mieter 1,2 Millionen Euro zahlte. Für weitere unternehmerische Aufwendungen kommen 881.000 Euro hinzu.

Auch entstandene Nebenkosten durch Architekten oder Planungen für eine neue Fassade in Höhe von 250.000 Euro werden dem Kaufpreis aufgeschlagen. Für den Kauf der Immobilie zahlt Delmenhorst in Summe 4,3 Millionen Euro. Durch den Abriss entstehen in den Haushalten der Jahre 2021 und 2022 Belastungen in Höhe von insgesamt 2,6 Millionen Euro. Die Stadtverwaltung rechnet allerdings auch mit Fördermitteln, die sich auf 2,07 Millionen Euro belaufen sollen.

„Historische Entscheidung“

Vor der Abstimmung wandte sich Oberbürgermeister Axel Jahnz (SPD) an die Ratsmitglieder: „Hertie beschäftigt Sie zum Teil länger, als ich im Amt bin. Die ganzen letzten Jahre liefen nicht so, wie sich das der Investor vorgestellt hatte. Und auch nicht so, wie Sie sich das im Rat vorgestellt hatten.“ Er sei frei von jeglichen Wahlkampfüberlegungen, weil er im kommenden Jahr nicht für eine zweite Amtszeit kandidiere. „Das erleichtert vieles. Ich kann über alles völlig neutral berichten“, führte Jahnz aus. In einem Dreieck aus Hertie, Wollepark und dem Grundstück des ehemaligen St.-Josef-Stifts könne Delmenhorst nun historische Entscheidungen für die Stadtentwicklung treffen.

Auch Alexander Mittag, Fraktionsvorsitzender der SPD, betonte die Tragweite der Sondersitzung: „Es ist ein Scheideweg, an dem wir heute stehen. Wo wollen wir hin mit unserer Innenstadt?“ Die SPD sei sich aber auch darüber bewusst, dass der Kauf der zwei Immobilien ein finanzieller Kraftakt ist. Die Christdemokraten äußerten Zweifel, dass der Abriss für 2,6 Millionen Euro zu stemmen sei. Für Fraktionschef Kristof Ogonovski überwiegen dennoch die positiven Aspekte: „Wie viele Städte haben schon die Chance, so innenstadtnah zu entscheiden?“

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Ebenfalls zu Wort gemeldet hätte sich wohl auch Murat Kalmis, Fraktionsvorsitzender der Gruppe FDP/ UAD. Durch eine Corona-Infektion konnte er allerdings nicht an der Sondersitzung teilnehmen. In einem Eilantrag hatte er gefordert, den Abriss und die Aufstellung eines neuen Bebauungsplans schnellstmöglich umzusetzen. Laut eines Ratsherrn war der Eilantrag aber zu spät eingereicht worden, sodass darüber nicht im Rat beraten wurde. Kalmis hatte per Pressemitteilung auch die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass eine Verwertung der Grundflächen nach der Neuplanung genügend Geld in die Kasse der Stadt spült, um die Kosten auszugleichen.

Kritik am Deal zwischen der Stadt und dem Investor Uhde äußerte Thomas Kuhnke (Freie Wähler): „Wir sind für die Übernahme, aber nicht zu jedem Preis.“ Anstoß nahm er insbesondere an den 881.000 Euro, die die Stadt für die vergeblichen Planungen zur Wiederbelebung zahlt. „Das ist ein Tritt in den Magen der Bürger. Wir haben die Verpflichtung, verantwortungsvoll mit dem Steuergeld umzugehen“, kritisierte er. Jahnz erwiderte daraufhin, dass Kuhnke schlicht keine Ahnung habe, weil er nicht bei den Verhandlungen dabei gewesen sei. Dies rief wiederum Ratsfrau Kathrin Seidel (Bürgerforum) auf den Plan: „Hier im Rat muss jeder seine Meinung frei äußern können. Warum muss in Delmenhorst eigentlich zuerst alles in den Graben gefahren werden, bevor man reagiert? Und nun setzen sich alle die Krone auf. Das finde ich peinlich.“

Einigung mit Darlehenskasse

Bei der Abstimmung zu Hertie gab es deshalb drei Gegenstimmen. Beim Kauf des Grundstücks des ehemaligen St.-Josef-Stifts stimmte der Rat hingegen einstimmig mit „Ja“. Der Kaufpreis von 2,7 Millionen Euro relativiert sich in der Buchhaltung der Stadt durch eine Einigung mit der Darlehenskasse Münster (DKM). Als Sicherheit für ein Darlehen der DKM an das Josef-Hospital hatte die Stadt 6,7 Millionen im Haushalt des Jahres 2017 zurückgestellt. Dieser Posten kann nun aufgelöst werden. Knapp vier Millionen Euro fließen an die DKM, sie verzichtet auf 2,7 Millionen. Dadurch verbessert sich der Jahresabschluss der Stadt des Jahres 2019 um 2,7 Millionen Euro. Für einen möglichen Abriss des ehemaligen Krankenhauses könnte Delmenhorst zudem Fördermittel einstreichen. Voraussetzung hierfür ist aber ein Integriertes Entwicklungskonzept für das gesamte Areal.

Kommentar von Björn Struß: „Entscheidung, die verpflichtet“

Im letzten Jahr seiner fünfjährigen Amtszeit ist Oberbürgermeister Axel Jahnz im Begriff, als Abriss-Meister in die Stadtgeschichte einzugehen. Ob Wollepark, Hertie oder das ehemalige St.-Josef-Stift: Bagger mit Greifarmen entwickeln sich langsam aber sicher zum wichtigsten Instrument der Stadtentwicklung. Jahnz schafft so viele Möglichkeiten für zukunftsweisende Bauprojekte.

Zur Wahrheit gehört aber, dass der geplante Abriss der beiden Immobilien im Herzen der Stadt nur der erste Schritt ist. Es werden mutige Investoren gebaucht, und – viel wichtiger – mutige Ideen, damit Delmenhorst sich neu erfinden kann. Der im Herbst 2021 neu zu wählende Stadtrat wird gemeinsam mit der künftigen Oberbürgermeisterin vor der Aufgabe stehen, diesen einmaligen Gestaltungsspielraum bestmöglich zu nutzen. Der Kauf der Grundstücke ist deshalb eine Entscheidung, die verpflichtet.

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Im Jahr eins nach Corona kann die Entwicklung der Innenstadt auch zu einer Bürde werden. Denn die aktuelle Krise ist eine Zäsur für die Immobilienbranche. Die durch Corona beschleunigte Verlagerung des Konsums auf Online-Plattformen macht es wenig attraktiv, in den stationären Einzelhandel zu investieren. Und die Etablierung des Homeoffice motiviert Firmen nicht gerade, viel Geld für neue Büros auszugeben.

Bliebe also noch der Wohnungsmarkt. Hier schauen Unternehmer auf die Mieteinnahmen, die sie in einer Stadt erzielen können. Sollte die Arbeitslosigkeit in Delmenhorst durch die Rezession ansteigen, wäre auch diese Aussicht nicht sonderlich erfolgversprechend. Zudem darf das Leben an der Delme nicht auf die gute Verkehrsanbindung nach Bremen reduziert werden. Kurzum: Die Entwicklung der Innenstadt bleibt eine Herkulesaufgabe. Trotzdem besteht die Chance, dass auf den Abriss-Meister eine Aufbau-Meisterin folgt.

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