Weißer Ring in Delmenhorst Hilfe für die Opfer von Verbrechen

Der Weiße Ring kümmert sich in ganz Deutschland um die Opfer von Straftaten, leistet seelischen Beistand und unterstützt bei Bedarf auch finanziell. In Delmenhorst gibt es den Verein seit 25 Jahren.
09.08.2018, 18:57
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Hilfe für die Opfer von Verbrechen
Von Esther Nöggerath

Der erste Schritt, er ist fast immer der schwierigste. Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, weil man mit dem Geschehenen einfach nicht alleine zurechtkommt. Wenn der eigene Mann zu Hause wieder gewalttätig geworden ist, man überfallen wurde oder Schlimmeres, hinterlässt das oft lange Spuren. Aber wenn man diesen ersten Schritt geschafft hat und den Mut aufbringt, dann sind die Ehrenamtlichen vom Weißen Ring da, an die man sich wenden kann. Der Verein hilft Opfern von Kriminalität und Gewalt, das Spektrum reicht dabei vom Kleinen Trickdiebstahl über Einbrüche und Betrug bis hin zu schwerer Vergewaltigung oder Körperverletzung. Allen, denen eine Straftat widerfahren ist, oder auch Angehörigen von Opfern bietet der Weiße Ring Hilfe an. In Delmenhorst besteht der Verein in diesem Jahr bereits seit 25 Jahren.

Sechs Mitarbeiter kümmern sich in der Außenstelle um die Hilfesuchenden, dabei wird immer auch darauf geachtet, wer wen betreut. "Bei einem sexuell misshandelten Kind schicken wir zum Beispiel eher eine Frau hin", erklärt Gaby Lübben, die seit 2012 die Außenstelle in Delmenhorst leitet. Wichtig sind dabei vor allem Empathie und Einfühlungsvermögen, die beiden wichtigsten Grundbausteine der Arbeit mit Opfern.

"Wir hören zu und sind da", sagt Lübben. Das sei schon ein ganz wichtiges Moment. Einfach, weil die Betroffenen merken, dass sie nicht alleine sind und da jemand ist, der so etwas nicht zum ersten mal hört und sich damit auskennt und weiß, was man vielleicht machen kann. Hilfe zur Selbsthilfe, das ist die Devise. "Wir helfen zum Beispiel auch bei einem Umzug, etwa ins Frauenhaus, oder bei einem Identitätswechsel", erzählt Lübben. Aber der Weiße Ring klopft auch die Möglichkeiten des Opferentschädigungsgesetzes ab und hilft dabei, einen Therapeuten zu finden, wenn das Trauma alleine nicht zu bewerkstelligen ist. Die Ehrenamtlichen gehen auch mit zur Polizei, wenn Vernehmungen anstehen, oder auch zur Gerichtsverhandlung, wo die Opfer oft als Zeugen aussagen müssen. Denn vor Gericht steht vor allem der Täter im Vordergrund, nicht aber das Opfer. Das will der Weiße Ring ändern.

Und der Weiße Ring unterstützt auch finanziell, wenn die Opfer selbst bedürftig sind. Da gibt es dann etwa Beratungsschecks für eine Therapie oder einen Erstbesuch bei einem Anwalt. "Es wird niemand allein gelassen", sagt Gaby Lübben. "Wir sind immer als Ansprechpartner da."

Trotzdem ist es nicht einfach für Opfer, sich Hilfe zu suchen. Wenn sie sich dafür entschieden haben, gibt es verschiedene Wege. "Es gibt da viele Zwischenstopps, man kann zum Beispiel beim Opfertelefon anrufen, wo einfach nur zugehört wird und man auch nicht seinen Namen nennen muss, wenn man nicht will", erzählt Lübben. Um die Opfer zu erreichen und ihnen zu signalisieren, dass es den Weißen Ring gibt, ist vor allem die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen in der Stadt sehr wichtig. "Wir sind super gut vernetzt", sagt Lübben. Zum Beispiel mit der Polizei oder dem Frauenhaus. Wenn bei denen ein Geschädigter auftaucht, wird oft auch gleich auf den Weißen Ring hingewiesen. "Die Leute wissen dann, dass es uns gibt, und haben das schon mal im Hinterkopf."

Dennoch haben viele oft auch einfach noch nicht den Mut gefunden, zum Weißen Ring zu kommen. "Viele hängen noch in ihrer Opferrolle fest", sagt Lübben. Das sei gerade bei sexuellem Missbrauch so, nachdem sich die Opfer auch oft selbst die Schuld geben. Aber wenn sie sich irgendwann doch überwinden, dann ist der Weiße Ring da.

Dass der Verein eine vertrauenswürdige Anlaufstelle ist, hat sich inzwischen offenbar auch in den Köpfen der Leute verankert. Zwischen 30 und 40 Menschen kommen im Jahr zum Weißen Ring in Delmenhorst und suchen Hilfe. 2005 waren es gerade mal rund 15. Der Verein hat sich also gut etabliert.

Derzeit herrscht bei dem Verein aber Ausnahmezustand, sagt Lübben. "Wir haben gerade eine ganz extreme Situation durch die zahlreichen Angehörigen der Krankenpflegermorde." Denn auch um die kümmert sich der Weiße Ring. Und das sind gleich mehrere Hunderte. Allein können das die Delmenhorster Helfer gar nicht mehr bewerkstelligen. Schon gar nicht, wenn der Prozess um Niels Högel im Oktober losgeht. "Ich habe deswegen schon mit der Außenstelle in Oldenburg gesprochen", erzählt Lübben. Von der bekommen sie und ihr Team Unterstützung vor Ort. Wenn der Prozess losgeht, will auch der Weiße Ring da sein, damit sich Angehörige im Bedarfsfall einfach an sie wenden können.

Damit die Ehrenamtlichen für alle Fälle gut vorbereitet sind, durchlaufen alle zunächst ein Grund- sowie Aufbauseminar. Außerdem gibt es verschiedene Fortbildungen, die einzelne Themen noch mal gesondert aufgreifen. Eine weitere Anwärterin hat Gaby Lübben bereits, mit ihr wären es dann sieben Helfer. "Das ist ein ganz tolles Team, da bin ich sehr dankbar für", sagt Lübben. Die Außenstellenleiterin würde sich aber wünschen, dass sich vielleicht auch noch ein oder zwei zusätzliche Ehrenamtliche finden würden, die sich vor allem um die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins kümmern. Denn präsent zu sein, den Leuten aufzuzeigen, dass es den Weißen Ring gibt, ist ein wichtiger Baustein der Vereinsarbeit.

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