Sie macht alles mit links

Rechts gelähmt: Ingrid Fink-Conrad malt eben mit der anderen Hand

Ein Schlaganfall hat die rechte Körperseite der Hobbykünstlerin Ingird Fink-Conrad gelähmt. Damit sie weiterhin malen kann, hat sie sich selbst beigebracht, mit der linken Hand zu malen.
01.08.2021, 10:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Alexandra Wolff
Rechts gelähmt: Ingrid Fink-Conrad malt eben mit der anderen Hand

Ingrid Fink-Conrad ist Rechtshänderin, doch seit einem Schlaganfall malt sie mit links. Unter ihren Werken ist auch das Porträt ihres verstorbenen Mannes (links im Bild).

Ingo Möllers

Die Schrift der Signatur unten rechts im Bild mag etwas krakelig sein. Doch das mit Bleistift gemalte Porträt zeigt ganz eindeutig das Gesicht der verstorbenen Prinzessin von Wales, Lady Diana. Die Delmenhorsterin Ingrid Fink-Conrad hat es gemalt. Mit links. Was für eine Linkshänderin ganz normal ist, ist für Fink-Conrad eine herausragende Leistung. Denn die Hobbykünstlerin ist eigentlich Rechtshänderin. Aber ein Schlaganfall am 19. September 2015 lähmte ihre rechte Körperhälfte.

Eine Herzoperation hatte wohl ihren Schlaganfall ausgelöst, der ihr Leben stark veränderte. Denn Ingrid Fink-Conrad war vorher ein agiler und sportlicher Mensch. Sie holt ein Fotoalbum heraus und zeigt Fotos, auf denen sie ein junges Mädchen war. Auf den meisten erkennt man sie daran, dass sie einfach auf dem Kopf steht. „Zu der Zeit habe ich ein paar jungen Männern auf der Düsseldorfer Kö erzählt, dass ich gerne Kopfstand mache. Die jungen Männer haben aber gesagt, dass sie nicht glauben, dass ich auf dem Kopf stehen kann“, plaudert sie. Die Gleichaltrigen provozierten sie wohl so lange, bis Ingrid Krings, wie sie damals hieß, nur noch eine Möglichkeit sah, die jungen Männer zu überzeugen: „Also machte ich einfach einen Kopfstand. Und da fiel mir auf, dass das genau das war, was die jungen Männer wollten“, erzählt sie und beendet die Anekdote grinsend: „Ich habe an diesem Tag nämlich einen Rock getragen.“

Als sie ihren Schlaganfall erlitt, hatte sie noch in einer Reihenhaussiedlung in Adelheide gewohnt. Ihr damaliger Mann Rainer hatte ihr dort Griffe an der Dusche angebracht und einen Handlauf an der Treppe. Ein knappes Jahr zuvor hatten die beiden geheiratet. Stolz zeigt sie ein Video auf dem Handy, das er aufgenommen hat. Es zeigt, wie sie rückwärts die Treppe herunter läuft. So habe sie das gelähmte Bein besser nachziehen können, erzählt sie und fügt hinzu: „Vorwärts konnte ich nur hüppeln.“ Dann spielt sie noch ein Video ab. Es zeigt die beiden beim Tanzen. Er verstand sich offenbar darauf, eine Frau zu führen. Dass Fink-Conrad teilweise gelähmt war, fällt nämlich nur auf, weil er ihren rechten Arm über seiner Hüfte festhalten musste. Dass die beiden noch ganz verliebt ineinander sind, sieht man an ihren Blicken.

Ostern 2017 ist Rainer gestorben, drei Jahre nach der Hochzeit, zwei Jahre nach dem Schlaganfall. „Das hat mich zurückgeworfen“, meint die heute 72-Jährige. „Jetzt kann ich nur noch kurze Zeit am Stock gehen.“ Da sie seitdem auf einen Rollstuhl angewiesen ist, musste sie vor zwei Jahren umziehen. Jetzt hat sie eine Erdgeschosswohnung in Dwoberg-Ströhen.

Die Hobbykünstlerin hat ihre Wohnung farbenfroh eingerichtet: Das Wohnzimmer ist türkisfarben gestrichen, der Flur lila – ihre beiden Lieblingsfarben. Und natürlich hängen überall ihre Werke.

Angefangen hat ihre Kunst vor 20 Jahren. Damals belegte sie zwei Kurse, bei denen sie lernte, Porträts, Körper und Stillleben zu malen. Jetzt malt sie sie mit links. Sie legt ein feuchtes Tuch unter ihr Skizzenbuch, damit es beim Malen nicht wegrutscht, denn mit der rechten Hand kann sie es ja nicht festhalten. Ihr erstes Bild stellt einen großen Panda dar. Dass sie es mit links gemalt hat, wird wohl niemand vermuten. Es folgten 30 Bilder, schätzt Fink-Conrad. Während ihrer Kur in Bad Wildungen hat sie einen besonderen Vogel beobachtet. Als notgezwungene Linkshänderin beschloss sie eines Tages, ihn zu malen: „Bei diesem Bild denken viele, dass ich es verkehrt herum aufgehängt habe“, sagt Fink-Konrad schmunzelnd. Aber auch in diesem Fall ist nicht die linke Hand schuld daran, sondern mangelnde ornithologische Kenntnisse der Betrachter, weiß sie: „Auf dem Bild ist ein Kleiber zu sehen. Und diese Vögel können tatsächlich kopfüber einen Baumstamm herunterlaufen und picken sogar kopfüber ihre Nahrung auf.“

Zu ihren Kunstwerken gehören aber nicht nur Tierbilder, Porträts von Berühmtheiten, Freundinnen, ihrer Kursleiterin und natürlich ihrem Mann und verschiedene Körperstudien aus dem Kurs, sondern auch Puppen. „Die Haare sind meine eigenen Kinderhaare“, sagt sie über die Puppe Maxi.

Im Arbeitszimmer hängt eine Marionette, die Charlie heißt. Und tatsächlich stellt die Marionette mit dem schwarzen Hut, dem schwarzen Anzug und dem kleinen Bärtchen unverkennbar Charlie Chaplin dar. „Das Gesicht habe ich selbst geformt“, verkündet sie stolz. „Eigentlich wollte die Kursleiterin, dass wir das Gesicht mit einer Gesichtsmaske herstellen, aber dazu hatte ich keine Lust.“ Weitere Marionetten sucht man in ihrer Wohnung allerdings vergebens. „Das ist nicht meine Leidenschaft“, erklärt sie, warum sie es bei diesem einen gelungenen Versuch beließ.

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