HWK in Delmenhorst „Wir fühlen uns in Delmenhorst wohl“

HWK-Rektorin Professorin Kerstin Schill blickt aufs Jahr 2020 zurück. Am kommenden Freitag, 5. Februar, lädt das HWK zu einem Online-Neujahrsempfang ein.
31.01.2021, 16:20
Lesedauer: 5 Min
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„Wir fühlen uns in Delmenhorst wohl“
Von Gerwin Möller

Frau Professorin Schill, Corona hat auch ihre Arbeit am Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) betroffen, die Delmenhorster Öffentlichkeit hat das beispielsweise gespürt, weil die monatlichen Vortragsveranstaltungen ausfallen mussten.

Kerstin Schill: Ja, dieses Veranstaltungsformat hat uns sehr gefehlt, ich hoffe, dass wir der Stadt auch gefehlt haben. Wir fühlen uns rundum wohl in Delmenhorst und schätzen es sehr, neben der Unterstützung durch die Stadt auch den Verein der Freunde und Förderer des HWK hinter uns zu wissen. Zuallererst mussten wir uns aber Sorgen um unsere Fellows machen. Am Anfang der Corona-Pandemie hätte ja auch eine Schließung stehen können. Schließlich laden wir internationale Wissenschaftler nicht nur zum Forschen in unsere Einrichtung ein, sondern sie leben auch hier im HWK. Dafür mussten wir hohe Sicherheitsvorkehrungen treffen. Zur Kontaktbeschränkung haben die meisten unserer Mitarbeiter ihre Tätigkeit ins Homeoffice verlegt.

Zu Jahresbeginn ist der Neujahrsempfang im HWK eine feste Größe im gesellschaftlichen Leben in der Region geworden. Fällt diese Veranstaltung dieses Jahr aus?

Nein, zum Glück nicht. Wir laden unsere Gäste dieses Jahr auf eine digitale Reise durch das vergangene Jahr ein und geben online einen Ausblick auf das kommende. Es wurde ein lichtkünstlerisches und musikalisches Programm organisiert. Am Freitag, 5. Februar, präsentieren wir sogar eine Weltpremiere: Unsere Gäste dürfen sich auf Kompositionen von Vlad Baciu, einem Fellow aus dem Bereich Musik, freuen.

Mit einer Online-Veranstaltung haben Sie auch keine Kapazitätsgrenzen und erreichen ein größeres Publikum?

Ja, das ist für uns eine neue und spannende Erfahrung. Nehmen Sie gerne Freitag an unserem öffentlichen digitalen Neujahrsempfang teil, ab 19 Uhr unter www.h-w-k.de/live.

Wie haben Sie das vergangene Jahr erlebt?

Wir sind sehr froh, dass uns im abgelaufenen Jahr unsere Fellows erhalten geblieben sind. Wir hatten 37 internationale Wissenschaftler im Haus. Und die haben sich in hervorragender Weise auch untereinander unterstützt. Wir haben gefragt, ob sie angesichts des ersten Lockdown lieber wieder in ihre Heimatländer zurückreisen würden, aber sie haben geantwortet: „Nein, wir fühlen uns hier sicher und wollen hier weiter arbeiten.“ Wir alle haben die Zeit intensiv erlebt, es kam trotz widriger Umstände zu einem guten wissenschaftlichen Austausch. Durch unsere neue digitale Online-Form der „Fellow-Lecture“, bei der die Fellows ihre Forschungsarbeiten nun online diskutieren, haben sich auch ehemalige Fellows zugeschaltet, dadurch wurde der Austausch noch internationaler. Wir haben das Jahr 2020 zudem für eine ganze Reihe von Arbeiten genutzt, das reicht von notwendigen Renovierungen beispielsweise bei den Fenstern, bis hin zur Verbesserung der IT-Ausstattung. Wir haben in der Krise auch in Bezug auf die Digitalisierung unserer Arbeit einen großen Sprung nach vorne gemacht. Ebenso haben wir das Jahr genutzt, um neue zusätzliche Evaluationswerkzeuge zu entwickeln, mit denen wir die Qualität der Auswahlverfahren für junge Fellows, die Postdocs, verbessern können. So haben wir beispielsweise Fragebögen entwickelt, um die Qualität der Kooperationen unserer Fellows mit den Universitätspartnern besser einschätzen zu können.

Sie konnten die Pandemie auch als Chance nutzen?

Der Corona-Ausbruch hat einen Einschnitt in die öffentliche Wahrnehmung der Wissenschaften gebracht. Die Pandemie hat uns allen deutlich gezeigt, dass die Förderung von Forschung kein Luxus ist und dass es richtig ist, das zu tun, was wir am HWK machen. Das Ziel des HWK ist es, einen Freiraum für exzellente internationale Forschung zu schaffen. Dieser Raum ermöglicht den Wissenschaftlern, frei von Lehrverpflichtungen und administrativen Aufgaben zu forschen. Ihre Forschung findet häufig in engster Kooperation mit den wissenschaftlichen Partnern unserer Region statt und wird durch das interdisziplinäre Klima im HWK bereichert. Die Fragen, die hierbei untersucht werden können, müssen aber nicht zweck- oder anwendungsorientiert sein, der Gewinn an Erkenntnis steht im Mittelpunkt. Wichtige wissenschaftliche Ergebnisse entstehen nicht nur geplant, sondern auch zufällig. So ist auch das Wissen über den ersten Impfstoff quasi ein Nebenprodukt einer anderen grundlegenden Forschungsfrage gewesen.

Am HWK profitieren die Fellows von Freiheiten, sie sind hier beispielsweise nicht gezwungen, neben der Forschung auch Lehrveranstaltungen anzubieten.

Ja, am HWK genießt die Wissenschaft einen seltenen Freiraum. Uns ist es wichtig, im öffentlichen Bewusstsein den Gedanken zu verankern, dass Forschung kein Luxus ist. Am HWK ist interdisziplinäres Arbeiten wichtig. Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen benutzen wohl die gleichen Worte, es stehen aber oft unterschiedliche Vorstellungen dahinter. Wenn ein Naturwissenschaftler mit einem Historiker spricht, muss auch angstfrei gefragt werden dürfen. Es kann sich daraus eine neue Fragekultur entwickeln, das wäre wünschenswert.

Was sind Ihre Ziele für die Arbeit in 2021?

Am HWK ist durch die wissenschaftlichen Bereiche „Brain, Earth, Energy und Society“, aus denen die Fellows kommen können, ein sehr breiter und interdisziplinärer Forschungsaustausch möglich. Wir wollen die Möglichkeiten, die Probleme und Grenzen dieses Austauschs diskutieren und das Thema „Interdisziplinarität“ zu einem der Querschnittsthemen machen. Fragen hierzu sind, wie man zu einer möglichst offenen Diskussionskultur kommen kann, wenn Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Bereichen kommen, mit ganz unterschiedlichem Wissen und Herangehensweisen bei der Forschung. Eine Frage dazu ist auch, wie man zu einer Verständigung über Konzepte kommt, die manchmal ganz unterschiedlich verstanden werden, obwohl sie denselben Namen tragen. Wodurch entdecke ich diese Diskrepanz überhaupt? Wir wollen auch das Thema „Wissenschaftliche Qualitätssicherung“ diskutieren. Wie wird der Begriff der „Wahrheit“ in unterschiedlichen Disziplinen genutzt? Was bedeutet die Wiederholbarkeit von Resultaten in und für unterschiedliche Disziplinen? Außerdem wollen wir unseren Bereich „Energy“ neu überdenken und ihn eventuell noch breiter aufstellen. Wir denken gerade darüber nach, den Bereich in „Resources“ umzubenennen, dabei würden auch andere Dimensionen wie die Verfügbarkeit von Informationen und künstlicher Intelligenz einbezogen werden können.

Sie sehen sich am Standort Delmenhorst gut aufgestellt?

Unbedingt, es liegt ein großes Potenzial in diesem Standort. Es war richtig, das HWK hier und nicht in einer der beiden Universitätsstädte aufzubauen. Wir fühlen uns in Delmenhorst nicht nur wohl, wir erfahren auch eine große Unterstützung von der Stadt und aus der Stadt.

Das Interview führte Gerwin Möller

Info

Zur Person

Kerstin Schill (62)

ist seit Oktober 2018 Rektorin des Hanse-Wissenschaftskollegs in Delmenhorst. Darüber hinaus leitet sie seit 2003 das Institut für Kognitive Neuroinformatik der Universität Bremen und ist seit Juli 2019 außerdem Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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