Dr. Ales Stanek operiert in westafrikanischem Staat Kinder

Im Einsatz gegen das "Gesicht der Armut"

Delmenhorst. Dr. Ales Stanek, Chefarzt am Klinikum, geht für zwei Wochen nach Niamey im Staat Niger, um Noma-Kindern mit Operationen zu helfen. Die schreckliche Krankheit, die ganze Gesichter zerfrisst, ist hierzulande unbekannt.
19.08.2014, 18:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Marco Julius
Im Einsatz gegen das "Gesicht der Armut"

Kämpfen beide auf ihre Weise gegen die Noma-Erkrankung: Chefarzt Dr. Ales Stanek (links) wird im westafrikanischen Niger als Anästhesist an Operationen von erkrankten Kindern mitwirken, Philip Schmitz organisiert im Delmenhorster Stadion ein Fußball-Benefizturnier für F-Jugendteams, mit dem Spenden für die Noma-Prävention gesammelt werden sollen.

Ingo Moellers

Dr. Ales Stanek, Chefarzt am Klinikum, geht für zwei Wochen nach Niamey im Staat Niger, um Noma-Kindern mit Operationen zu helfen. Die schreckliche Krankheit, die ganze Gesichter zerfrisst, ist hierzulande unbekannt. Das will Philip Schmitz ändern. Er stellt ein Fußballturnier auf die Beine, das Geld für die Prävention einspielen soll.

Wer an Afrika und Krankheiten denkt, der denkt zurzeit an Ebola, die durch Viren verursachte hoch ansteckende und verheerende Erkrankung, die in den meisten Fällen tödlich verläuft. Und gerade jetzt will Dr. Ales Stanek, Chefarzt am Klinikum Delmenhorst, zu einem medizinischen Auslandeinsatz in den westafrikanischen Staat Niger reisen. Es geht allerdings nicht um Ebola, sondern um die in Deutschland kaum bekannte Noma-Krankheit. Stanek ist ehrlich. „Ich wäre nicht in einen Staat gereist, in dem Ebola ausgebrochen ist.

In Niger ist bislang aber noch kein Fall bekannt“, sagt er. Doch Niger grenzt im Süden an Nigeria, wo die heimtückische Ebola-Erkrankung bereits beherrschendes Thema ist. „Ich werde wachsam sein“, sagt Stanek, „gerade wenn Patienten Fieber haben, was ein Zeichen für Ebola sein könnte“. Doch Ebola bleibe ein Randthema. Stanek will in Niamey, der Hauptstadt des Niger, Kindern helfen, deren Gesichter aufgrund der Noma-Krankheit vollkommen entstellt sind. Als Anästhesist wird Stanek ab dem 8. September zwei Wochen lang an der Seite von erfahrenen Operateuren gegen die hierzulande nahezu unbekannte Krankheit kämpfen. 20 Kindern im Alter von vier bis zehn Jahren, deren Gesichter zerfressen sind, soll geholfen werden.

An Noma – auch „das Gesicht der Armut“ genannt – erkranken vor allem Kinder. „Ausgelöst wird die bakterielle Erkrankung durch Unterernährung und mangelnde Hygiene. Mundschleimhaut, Weich- und Knochenteile des Gesichtes werden dann förmlich zerfressen. Die Krankheit trifft die Ärmsten der Armen“, sagt Stanek. Ohne Behandlung führe Noma in 80 Prozent der Fälle zum Tod – und die Überlebenden sind entsetzlich verstümmelt, werden stigmatisiert, oft verstoßen oder versteckt gehalten. „Durch die extreme Armut in Teilen Afrikas verbreitet sich die Erkrankung vor allem dort rasant“, sagt Stanek. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich etwa 90 000 Kinder an Noma, 140 000 Erkrankungen kommen im Jahr neu hinzu. „Noma kommt rund um den Äquator vor, dort wo es heiß und die Armut groß ist, in Afrika, in Asien, aber auch in Lateinamerika“, sagt Stanek.

Für Stanek selbst ist Noma auch Neuland. Er wird im Niger erstmals Kinder mit der Noma-Erkrankung sehen – und behandeln. „Den letzten deutschen Noma-Fall gab es im Konzentrationslager Bergen-Belsen“, sagt der Chefarzt, die Krankheit sei hier nicht präsent. Er habe einen Heidenrespekt vor der Aufgabe und gehe nicht hochnäsig nach Westafrika, sondern mit einer „gesunden Anspannung“. Stanek geht für die Gesellschaft Interplast und die Hilfsaktion Noma nach Niamey. Vier mal im Jahr sind europäische Ärzteteams dort, um zu operieren. Für die Noma-Hilfe ist seit 1996 eigens ein Krankenhaus eingerichtet worden, dass durchaus europäischen Standards entspricht. „Wir kommen nicht als Zampanos in die Dritte Welt. Unser Anspruch ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten“, sagt er. So werde er auch afrikanische Kollegen schulen. Sechs bis acht Stunden dauere eine Operation im Schnitt, die Anforderungen an die Ärzte seien hoch, auch für ihn als Anästhesisten. „Die erkrankten Kinder können zum Teil ihren Mund nicht mehr öffnen“, sagt Stanek.

Für seinen Einsatz in Westafrika verzichtet Stanek auf zwei Wochen Urlaub. „Ich habe einen privilegierten Status. Und ich bin qualifiziert. Deshalb möchte ich helfen“, sagt der 56-Jährige. „Es mag pathetisch klingen, aber wenn ich einem Kind helfen kann – und das Kind lächelt mich vielleicht an, dann ist das Grund genug, um nach Niamey zu reisen.“ Zudem werde er selbst viel lernen können, ist Stanek überzeugt. Später, wenn er mal nicht mehr Chefarzt in der Klinik sei, wolle er als Arzt in der Welt für Interplast seine Fähigkeiten einbringen.

Auf die Noma-Krankheit aufmerksam zu machen, das hat sich auch der Delmenhorster Philip Schmitz vorgenommen. Er organisiert ein Benefiz-Fußballturnier im Stadion in Düsternort, um über Noma zu informieren und Spenden für die Noma-Prävention zu sammeln. „Das Geld geht an den Verein ,Gegen Noma’. So können auch Delmenhorster Firmen und Bürger dabei helfen, Noma zu bekämpfen“, sagt Schmitz. Denn für die Prävention seien nur wenige Euro nötig. „Wird die Krankheit früh erkannt, kann Kindern mit Antibiotika geholfen werden“, sagt Schmitz. Das Turnier mit acht F-Jugendmannschaften läuft am Sonntag, 28. September, von 11 bis 15 Uhr im Stadion. Stanek ist dann bereits zurück aus Afrika und als Schirmherr dabei. Zudem kommt ein Vertreter des Vereins „Gegen Noma“, um mit einem Vortrag über die Krankheit zu informieren. Dass Schmitz und Stanek zueinander fanden, ist übrigens Zufall. Schmitz hatte im Klinikum um Unterstützung für sein Projekt gefragt, ohne zu wissen, dass der Chefarzt sich um Noma-Kinder kümmern wird.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+