Gewerbegebiet statt Osterwiese

Karussells weiter im Stillstand

Schausteller Andreas Kutschenbauer ist zur Untätigkeit verdammt. Eigentlich stände er mit seinen Fahrgeschäften jetzt in Bremen und Nürnberg. Coronabedingt verkauft er stattdessen Backfisch vor seiner Haustür.
08.04.2021, 15:01
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Karussells weiter im Stillstand
Von Gerwin Möller
Karussells weiter im Stillstand

Sabine und Andreas Kutschenbauer laden zu ihrem Mini-Jahrmarktangebot an der Mackenstedter Straße ein.

INGO MÖLLERS

Eigentlich beginnt für Andreas Kutschenbauer die Saison zu Ostern. „Den Weg zum Volksfest nach Nürnberg konnten wir uns sparen“, auch im Süden der Republik fallen die Jahrmärkte reihenweise aus. „Mein Sohn hätte die große Rutsche gerne auf der Osterwiese in Bremen aufgebaut“, sagt Kutschenbauer. Drei Familien hängen am an der Mackenstedter Straße angesiedelten Schaustellerbetrieb.

Für die erzwungene Untätigkeit sollen staatliche Hilfen einen Ausgleich bieten, „die Novemberhilfen flossen im Februar, die Dezemberhilfen kamen im März“. Die N-Bank hat dem Unternehmen einen Kredit vermittelt, „zwei Jahre lang zins- und tilgungsfrei“, sagt Kutschenbauer. Aber irgendwann müsse er zurückzahlen, ein Jahr sei schon verstrichen, in dem kaum Einnahmen zu erzielen waren. Ein Stück Verzweiflung schwebt mit. Um überhaupt etwas zu tun zu haben, stehen Sabine und Andreas Kutschenbauer auf ihrem Betriebsgelände. Dort haben sie einen Imbissstand und einen Verkaufswagen für Süßigkeiten platziert.

"Als vor Ostern die Sonne schien, gab es bei Temperaturen um 20 Grad Celsius gleich gegenüber auch ein Verkaufsangebot von Nachbar und Delmenhorsts Sprecher des Schaustellervereins, Albert Coldewey. Der bot vor seinem Grundstück sein berühmtes "Eis wie Sahne" an. Dann kamen allerdings ziemlich verregnete Feiertage - ohne Speiseeis, aber mit Hagelschauern von oben. Kutschenbauers freuen sich, dass nach Ostern wenigstens aus dem Gewerbegebiet heraus Kunden vorbeikommen. Montag und Dienstag sind Ruhetage. Von Mittwoch bis Sonntag ist die Jahrmarkt-Ecke jeweils von 12 bis 18 Uhr geöffnet. "Vorbestellungen nehmen wir telefonisch unter 0177/7773185 entgegen", sagt Kutschenbauer.

Die Spezialität des Hauses ist zurzeit Backfisch. Dazu wird selbst zubereiteter Kartoffelsalat gereicht. Kutschenbauers legen auch Würste auf den Grill und bieten andere Imbissleckereien an, „so viele klassische Imbisse gibt es ja auch gar nicht mehr in Delmenhorst“, sagt der Schausteller. Die Jahrmarktecke im Bereich der Mackenstedter Straße verfügt über ein zuverlässiges Corona-Hygienekonzept. „Wir haben hier drei Ständer mit Desinfektionsmittel aufgebaut“, sagt Kutschenbauer. Der Besuch der beiden Verkaufsstände ist nur mit Mund-Nasen-Bedeckung gestattet. Eine Art Einbahnstraßenregelung lenkt die Kundschaft zum Imbissstand und später weiter zum Wagen mit Süßigkeiten. Dorthin lockt der Duft von gebrannten Mandeln, es gibt Schokofrüchte, Popcorn und Zuckerwatte. Wer dort noch einen Nachtisch eingekauft hat, verlässt den abgezäunten Bereich zum Ausgang, denn eines ist klar, Deftiges und Naschwerk werden ausschließlich „to go“ verkauft.

Werden an Kutschenbauers Jahrmarkt-Ecke Worte gewechselt, geht es immer um ein Thema: Corona. Aktuell wird der Vorschlag von CDU-Chef Armin Laschet für einen „Brücken-Lockdown“ diskutiert. „Immer das Gleiche“, sagt Sabine Kutschenbauer, es bekomme nur jeweils einen neuen Namen, „so wie auch jeder Sturm einen Namen bekommt“.

Vorigen Herbst hatten Kutschenbauers noch den Freipark als Ersatz für den Bremer Freimarkt als Ausweichveranstaltung angepeilt. Fahrzeuge und Wohnwagen wurden bei Versicherung und Kfz-Meldestelle registriert, der Weg zur Bürgerweide habe sich aber kaum gelohnt, „nach nur fünf Tagen war dort Schluss“.

„Schausteller sind aber Berufsoptimisten“, sagt Kutschenbauer. Bei der Stadt Delmenhorst hat er schon einen Ausgleich zum ausgefallenen Kramermarkt angemeldet. Wie im vergangenen Sommer möchte er zusammen mit Kollegen erneut eine „Sommerwiese“ ausrichten. Natürlich funktioniere das nur, wenn die Zahl der Neuinfektionen bis dahin sinke und sich mehr Menschen impfen lassen konnten. „Bislang hat die Regierung die selbst ausgerufene Impfkampagne ja ziemlich vermasselt“, ärgert sich Kutschenbauer.

Für das Ersatz-Volksfest auf der sogenannten Hotelwiese müsse auch der Alkoholausschank genehmigt werden. „Und der Verkauf von Speisen darf sich nicht auf ein 'to-go-Geschäft' beschränken.“ Überhaupt müsse es den Besuchern erlaubt sein, sich zum Genuss der Leckereien auf die bereit gestellten Bänke zu setzen. Solche Biergarten-Veranstaltungen seien in Süddeutschland viel üblicher, berichtet Kutschenbauer. Dort ließ er sich inspirieren und brachte die Idee nach Delmenhorst mit.

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