Einzelcoaching für Migranten

Individuelle Hilfe für den Start

Das Jobcenter Delmenhorst und die Deutsche Angestellten Akademie bieten seit zwei Jahren ein Einzelcoaching für Migranten an, mit dem individuell auf die Teilnehmer eingegangen werden kann.
16.07.2018, 08:02
Lesedauer: 3 Min
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Individuelle Hilfe für den Start
Von Esther Nöggerath
Individuelle Hilfe für den Start

Angela von Treskow von der Deutschen Angestellten Akademie mit Kamal Rana, einem der Teilnehmer.

ingo möllers

Wenn Geflüchtete oder andere Migranten zu Philipp Nixdorf ins Delmenhorster Jobcenter kommen, dann haben sie meistens noch ganz andere Anliegen, die im Weg stehen, bevor sie in die Arbeitswelt einsteigen könnten. Da geht es dann nicht nur um fehlende Qualifikationen auf Papier, sondern auch um ganz alltägliche Probleme, um Sprachbarrieren, aber auch um die Frage nach einer Kinderbetreuung. "Die Leute brauchen oft erst mal Hilfe dabei, die Infrastruktur und Delmenhorst kennenzulernen", erklärt Nixdorf, der aber gar nicht die Kapazitäten hat, sich um jedes dieser Probleme dezidiert zu kümmern. "Viele wollen auch einfach gerne ein gewisses Vertrauensverhältnis aufbauen", sagt er. Aber das könne er gar nicht gewährleisten, ohne in einen Rollenkonflikt zu kommen. "Diese sozialpädagogische Schiene kann ich gar nicht leisten." Deswegen wurde vor zwei Jahren das Einzelcoaching für Migranten vom Jobcenter ins Leben gerufen, allerdings ausgelagert an die Deutsche Angestellten Akademie (DAA).

Dort können die Migranten dann in einem geschützten Raum individuell betreut und auf ihre Bedürfnisse eingegangen werden. Darum kümmert sich Nina Nussbaum in Einzelgesprächen. Zweimal pro Woche für meistens 90 Minuten kommen die Teilnehmer zu ihr, um nicht nur über die berufliche Zukunft und ihre Jobvorstellungen zu sprechen, sondern auch gemeinsam mit ihnen die Post durchzugehen, die sie nicht verstanden haben oder andere alltägliche Anliegen abzuarbeiten. "Sie verstehen zum Beispiel nicht, dass sie eine Befreiung von der GEZ abschicken müssen, sondern heften sie stattdessen für sich ab", erzählt Nussbaum. Dann trudeln Mahnungen ins Haus, weil Fristen verpasst werden, bis hin zu Androhungen von Zwangsvollstreckungen. Auch andere Alltagsprobleme geht Nussbaum zusammen mit den Teilnehmern an. So sei bei einer Familie etwa der Herd kaputt gegangen, aber obwohl sie mehrfach Bescheid sagten, wurde er nicht repariert. Also rief Nussbaum selbst noch mal bei der Wohnungsgesellschaft an. "Wenn die Leute von solchen Alltagsproblemen gestresst sind, haben sie den Kopf nicht für andere Sachen frei", erklärt sie.

Und darum geht es schließlich. Die Migranten sollen sich möglichst darauf konzentrieren können, Deutsch zu lernen, um dann anschließend irgendwann in die Arbeitswelt integriert werden zu können. "Dabei ist auch wichtig, die Fähigkeiten der Menschen herauszufinden, die nicht auf dem Papier stehen", sagt Sabine Doliwa vom Jobcenter. Denn gut 90 Prozent der Migranten, mit denen Nixdorf beim Jobcenter zu tun hat, haben kein Zertifikat, Zeugnis oder anderen Nachweis für ihre bisherigen Kenntnisse und Joberfahrungen. Ein bis zu sechs Monate gehen sie dann in das Einzelcoaching. "Danach zeigen sich schon substanzielle Veränderungen", sagt Nixdorf. Danach wäre es deutlich einfacher, mit den Menschen zu arbeiten. Eben, weil Nussbaum dann schon herausgefunden hat, wo die Stärken der Personen liegen. Danach kann dann Nixdorf gucken, welche Jobs dadurch in Frage kommen könnten.

"Das Einzelcoaching ist ganz individuell zugeschnitten, dadurch kann auch ein ganz anderes Vertrauen aufgebaut werden", erläutert Nixdorf einen der Vorteile für das Programm. Und eben nur durch dieses Vertrauen kann Nussbaum dann auch herausfinden, wenn der Schuh möglicherweise noch ganz anderswo drückt. "Wenn Traumata noch eine Rolle spielen, nutzt jeder Integrationskurs nichts, weil sie sich gar nicht darauf konzentrieren können", sagt Angela von Treskow, DAA-Kundencenterleiterin in Delmenhorst und Nussbaum ergänzt: "Auch die Sorge um Familie, die noch zurückgeblieben ist, ist bei vielen sehr groß." Auch darüber spricht Nussbaum mit den Menschen und zieht im Zweifelsfall sogar einen Arzt zur Hilfe hinzu.

Insgesamt 110 Migranten sind in den vergangenen zwei Jahren bereits durch das Einzelcoaching betreut worden, derzeit nehmen noch 20 Leute daran teil. 58 davon sind derzeit in weiterführenden Sprachkursen untergebracht, 14 konnten auf dem Arbeitsmarkt integriert werden, ein Teilnehmer studiert inzwischen Humanmedizin und zwei weitere machen eine Ausbildung. Weitere neun Teilnehmer sind derzeit noch in Elternzeit und lediglich 20 sind momentan arbeitslos.

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