Interview zur Lebensmittelkennzeichnung Politikwissenschaftler: „Ich denke schon, dass das funktioniert“

Wer schon mal versucht hat, sich die Rückseite einer Lebensmittelverpackung durchzulesen, könnte danach genauso schlau wie vorher gewesen sein. Hilfreich könnte ein System zur Lebensmittelkennzeichnung sein.
07.09.2020, 09:24
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Politikwissenschaftler: „Ich denke schon, dass das funktioniert“
Von Annika Lütje

Herr Dorlach, Sie sind eigentlich Politikwissenschaftler. Wie sind Sie zu dem Thema „Lebensmittelkennzeichnungssysteme“ gekommen?

Tim Dorlach: Ich war für Feldforschungen in Chile. Das war im Jahr 2016, als die Warnkennzeichnungen dort eingeführt wurden. Es war also eher Zufall, dass ich begann, die politische Ökonomie des dortigen Lebensmittelkennzeichnungsgesetzes zu untersuchen. Inzwischen widme ich mich auch der Nährwertkennzeichnung Nutri Score in Europa.

Warum brauchen wir überhaupt ein Lebensmittelkennzeichnungssystem? Es weiß doch eigentlich jeder, dass Chips und Fertigmenüs ungesund sind, oder?

Das stimmt, aber es gibt auch viele andere Produkte, die eher unerwartet ungesund sind wie zum Beispiel Frühstückscerealien oder Säfte. Eine Kennzeichnung hilft dabei, zwischen gesunden und ungesunden Produkten der gleichen Kategorie zu wählen. Und sie könnte zum Beispiel auch ein Verkaufsverbot von ungesunden Lebensmitteln in Schulen ermöglichen. Schließlich sollte man es vielleicht nicht einem Zwölfjährigen überlassen, sich zwischen einer Milchschnitte und einer gesunden Alternative zu entscheiden.

Wer ist hinsichtlich einer Mangelernährung beziehungsweise einer ungesunden Ernährung besonders gefährdet?

Da ich kein Ernährungswissenschaftler bin, ist das nicht mein Fachgebiet. Aber es lässt sich erkennen, dass ärmere Menschen häufig an Übergewicht und daraus resultierenden chronischen Krankheiten leiden. Auch bei Kindern ist Übergewicht ein großes Problem. Daher ist Fernsehwerbung für ungesunde Lebensmittel in Chile inzwischen verboten. Dort darf zwischen 6 und 22 Uhr im Fernsehen und Kino keine Werbung für Produkte mit Warnkennzeichnung gezeigt werden. In Europa ist das im Moment noch schwer vorstellbar. Insbesondere Deutschland tut sich sehr schwer damit, so ein System einzuführen und zu überlegen, wie es genutzt werden kann.

Das Thema Ernährung unterliegt häufig wechselnden Trends. Wie kann man da ein langfristig verlässliches Kennzeichnungssystem einführen?

Ich denke schon, dass das funktioniert. Ernährungswissenschaftler arbeiten ja schon seit über 20 Jahren an den Grundlagen eines solchen Systems. Und es besteht kein Zweifel daran, dass zu viel Zucker, Salz und Kalorien ungesund sind. Ein Kennzeichnungssystem muss sich natürlich von den aktuellen Trends abheben.

Was noch ist besonders ungesund, und was ist besonders gesund? Lässt sich das in einem Kennzeichnungssystem darstellen?

Da gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen Systemen – in Lateinamerika, wo nur ungesunde Inhaltsstoffe gekennzeichnet werden, und Europa, wo die Kennzeichnung Nutri Score ungesunde und gesunde Inhaltsstoffe miteinander verrechnet. Es hängt auch davon ab, was man mit der Kennzeichnung erreichen möchte. Wenn man das Übergewicht bei Kindern verringern will, ist das lateinamerikanische System sinnvoller. Wenn es um einen Gesamtüberblick geht, ist das europäische Modell geeigneter. Ein Warnsystem ist eindeutiger, weil man gleich weiß, wovon man lieber die Finger lässt. Das europäische Modell ist dafür zu unklar. Es zeigt nicht deutlich, warum ein Produkt eine bestimmte Note bekommen hat, sodass man doch wieder auf die Rückseite der Verpackung schauen muss. Die Lebensmittelindustrie zieht Nutri Score eindeutig vor, weil man damit auch positive Botschaften vermitteln kann, während ein reines Warnsystem nur negativ konnotiert ist.

Warum können sich die Menschen nicht selbstständig um eine gesunde Ernährung kümmern? Warum braucht es eine Regulierung der Lebensmittelindustrie?

Die Informationen auf der Rückseite der Verpackungen sind oft so komplex, dass sie für den Konsumenten nur schwer einzuordnen sind. Eindeutiger wäre da eine Zusammenfassung auf der Vorderseite. Das würde dem Konsumenten bei seiner Wahl helfen und könnte der Lebensmittelindustrie als Anreiz dienen, gesündere Produkte zu entwickeln.

Warum ist eine solche Regulierung so schwer umsetzbar beziehungsweise warum wurde sie bislang nicht umgesetzt?

Die Frage ist einfach. Die Lebensmittelindustrie kämpft weltweit gegen so eine Kennzeichnung, und die wirtschaftsnahen Parteien unterstützen sie dabei.

Gibt es gute Beispiele für funktionierende Lebensmittelkennzeichnungssysteme? Warum konnten diese tatsächlich umgesetzt werden?

Lateinamerika und insbesondere Chile ist so ein Beispiel. Natürlich sind auch viele lateinamerikanische Länder wirtschaftsfreundlich. Aber dort ist die Lebensmittelindustrie, die ihre Hauptsitze vorrangig in Europa und Nordamerika hat, nicht so einflussreich wie in anderen Ländern. Dort ist man sich auch mehr darüber bewusst, dass Übergewicht ein politisches Problem ist. Zudem sind dort viele Ärzte politisch aktiv. Guido Girardi etwa, der das Gesetz in den Senat eingebracht hat, war Kinderarzt und kannte den Handlungsbedarf. Als Senatspräsident hatte er den nötigen Einfluss. Und auch die damalige Präsidentin Michelle Bachelet ist Kinderärztin. In Europa und Deutschland wird das Thema von den Landwirtschaftsministern verantwortet. Da ist größere Wirtschaftsnähe wenig überraschend. In Chile wurde die Lebensmittelkennzeichnung als gesundheitspolitisches Thema behandelt.

Kann man dort bereits messbare Erfolge verzeichnen?

In Bezug auf Übergewicht und daraus resultierende chronische Krankheiten ist es für wirklich messbare Erfolge noch zu früh. Aber es ist bereits erkennbar, dass weniger ungesunde Produkte gekauft werden und die Industrie mehr gesunde Alternativen entwickelt.

Das Interview führte Annika Lütje.

Info

Zur Person

Der Politikwissenschaftler Dr. Tim Dorlach ist 33 Jahre alt und war von April bis Juli dieses Jahres Fellow am Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) in Delmenhorst. Seitdem arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen.

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