Erster Jungenaktionstag in Delmenhorst Jungen im Fokus

Delmenhorst. Das schwache Geschlecht: schlechter in der Schule, doppelt so häufig beim Jugendpsychologen, später häufiger depressiv und suizidgefährdet. Die Rede ist - von den Jungen. 'Es ist also höchste Zeit für eine solche Veranstaltung', sagt Kai Ströhmer, stellvertretender Leiter des Jugendhauses Villa.
05.03.2010, 18:10
Lesedauer: 2 Min
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Von Alexander Schmolke

Delmenhorst. Das schwache Geschlecht: schlechter in der Schule, doppelt so häufig beim Jugendpsychologen, später häufiger depressiv und suizidgefährdet. Die Rede ist - von den Jungen. 'Es ist also höchste Zeit für eine solche Veranstaltung', sagt Kai Ströhmer, stellvertretender Leiter des Jugendhauses Villa, und meint damit den ersten Jungenaktionstag Delmenhorsts. Er steigt in den Osterferien am Donnerstag, 25. März, von 9 bis 17 Uhr in der Villa, interessierte Zehn- bis 15-Jährige können sich ab sofort anmelden.

Regelmäßige Jungenarbeit gibt es in der Villa bereits seit acht Jahren. Einmal pro Woche treffen sich Jungs mit einem männlichen Gruppenleiter. Ströhmer und seine Kollegen stoßen dabei immer wieder auf übertriebene Coolness, Aggressionen, abwertende Sprüche über Frauen. 'All das ist Ausdruck von Unsicherheit', sagt Ströhmer, 'denn die Jungs wissen einfach nicht, was Mann-Sein bedeutet.' Schließlich mangele es ihnen an Vorbildern. Entweder sei der Vater gar nicht da (jede sechste Mutter ist alleinerziehend), oder er nimmt sich nicht genügend Zeit für seinen Sohn (im Durchschnitt eine Stunde pro Tag). 'Woher sollen diese Jungs ein zeitgemäßes Bild vom Mann-Sein haben?', fragt Ströhmer rhetorisch.

In den Gruppen entdecken die Jungen mit der Zeit eine neue Seite von sich, sprechen zum Beispiel das erste Mal in ihrem Leben über ihre Gefühle. 'Dabei dürfen sie auch mal Schwäche zeigen, ohne gleich als Waschlappen zu gelten', erzählt Ströhmer. Für viele eine ganz neue Erfahrung sind auch Lob und Komplimente - von den Gruppenleitern ebenso wie von den anderen Jungs. So entsteht eine eingeschworene Gemeinschaft, in der sie sich auch untereinander an Erlerntes erinnern: 'Das ist keine Torte - das ist Angelika!'

Die guten Erfahrungen mit den Gruppen waren für die Verantwortlichen auch Antrieb, den ersten Jungenaktionstag zu organisieren. Mit im Boot sind alle Jugendhäuser der Stadt sowie die Sozialarbeiter der Schulen. 'Der Tag ist eine gute Möglichkeit, mit neuen Jungs in Kontakt zu kommen, um auch ihnen zur Seite zu stehen', sagt Ralf Kronhardt von der Delmenhorster Jugendhilfestiftung. 84 Plätze gibt es - und Kronhardt ist guter Dinge, dass es auch so viele Teilnehmer werden: 'Cool, ohne Mädchen? Da mache ich mit', hätten die ersten Reaktionen gelautet. Anmelden ist bis Mittwoch, 17. März, möglich, entsprechende Handzettel liegen in allen Schulen. Die Teilnahme kostet zwei Euro, dafür gibt es sowohl Frühstück als auch Mittagessen.

Vorgesehen sind Workshops der ungewöhnlichen Art: 'Jungenarbeit besteht nicht nur daraus, gegen einen Boxsack zu schlagen oder Fußball zu spielen', sagt Ströhmer. Stattdessen geplant sind der Bau eines 'Mausefallenautos' und einer riesigen Kugelbahn, Breakdance, Selbstverteidigung, Videocollage. Zudem können acht Jungs einen 'Kondomführerschein' machen. Dafür müssen sie Fragen beantworten wie 'Kondome gibt es... a) in der Boutique, b) in der Apotheke, c) in der Autowerkstatt' und den praktischen Umgang mit einem Präservativ beherrschen. In diesem Workshop (ab zwölf) können auch Sex-Fragen gestellt werden - 'und zwar nicht an die Bravo, sondern an einen Mann, der vor ihnen sitzt', so Ströhmer.

Er, Kronhardt und ihre Kollegen setzen darauf, dass die Jungs an diesem Tag ohne Mädchen typisches Imponiergehabe vergessen - stattdessen Toleranz, Kreativität, Teamwork kennenlernen. Und so vielleicht wieder etwas mehr durchschauen, was auch zum Mann-Sein dazugehört.

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