Mitgliederschwund in den Gemeinden Kirchen setzen auf Öffentlichkeitsarbeit

Die Delmenhorster Kirchengemeinden haben auch 2018 einen erneuten Mitgliederschwund verzeichnet. Mit Öffentlichkeitsarbeit und anderen Ideen wollen sie dem Trend entgegenwirken.
24.07.2019, 20:08
Lesedauer: 3 Min
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Von Alexandra Wolff

Die christlichen Kirchen kämpfen bereits seit einiger Zeit vermehrt um ihre Mitglieder, so auch in Delmenhorst und umzu. Auch im vergangenen Jahr sind die Zahlen noch weiter zurückgegangen. In der evangelisch-lutherischen Kirche Delmenhorst schrumpfte die Mitgliederzahl um 692 auf 25101 Mitglieder in 2018. Und auch die katholische Pfarrei Delmenhorst und Ganderkesee wies 2018 insgesamt 13 172 Katholiken auf, ein Rückgang um 169 Mitglieder im Vergleich zum Vorjahr. Dabei ist der Großteil der verlorenen Mitglieder bei den Katholiken auf Austritte (151) zurückzuführen, dem gegenüber stehen lediglich neun Eintritte in die Kirche.

„Ich glaube, wenn ich nur Kontakt zur katholischen Kirche über das, was in den Zeitungen steht, hätte, wäre ich auch ausgetreten“, räumt Guido Wachtel, leitender Pfarrer und Dechant für das Dekanat Delmenhorst ein. „Doch zum Glück habe ich von Jugend an einen inneren Blick auf die Kirche und weiß, wofür sie steht.“ Er vermutet, dass es vor allem die Missbrauchsfälle der vergangenen Jahre waren, die viele Katholiken zum Austritt bewegt haben. Meist seien dies Mitglieder, die ohnehin nicht viel mit der Kirche zu tun hätten. „Wir schreiben jeden an, der austritt. Aber die meisten kennen wir gar nicht. Sie hatten also wahrscheinlich ohnehin nicht viel Kontakt zur Kirche“, erzählt der Pfarrer.

Auch in der evangelisch-lutherischen Kirche gab es im vergangenen Jahr vermehrt Austritte. 350 Menschen verließen dort die Kirche, 42 mehr als noch 2017. Gleichzeitig verzeichneten die Protestanten aber auch einen Anstieg der Eintritte von 47 auf 52 Neu-Mitglieder. Der evangelische Kreispfarrer Bertram Althausen zeigt sich daher recht zuversichtlich: „Für mich sagen die Zahlen aus, dass wir eine gewisse Konstanz aufweisen und das in einer Welt, in der sich die Menschen immer mehr vereinzeln. Unser Schatz ist es, eine Gemeinschaft zu bilden.“ Den Mitgliederschwund führt er unter anderem auf den demografischen Wandel zurück, der auch andere Bereiche der Gesellschaft betreffe. So stehen in den sechs evangelischen Kirchen in Delmenhorst 298 Beerdigungen (2017 waren es noch 286) 179 Taufen (2017 waren es 167) gegenüber. „Dennoch ist es erschreckend, wie viele Menschen austreten“, betont Althausen. „Jeder Einzelne ist ein Verlust.“ Aber auch er vermutet, dass Menschen, die aus der Kirche austreten, ohnehin nur eine geringe Verbindung zur Kirche haben und deswegen auch Kleinigkeiten wie die Kirchensteuer den Entschluss zum Austritt herbeiführen können.

Ein Geheimrezept, wie man Menschen dazu bewegen kann, der Kirche treu zu bleiben, weiß Wachtel nicht: „Sonst hätte ich einen päpstlichen Orden bekommen“, sagt er – und zählt im selben Atemzug dann aber doch gleich mehrere Ideen auf, um Menschen die Kirche wieder näherzubringen: Exerzitien im Alltag, Bibelkreise, Familienfreizeiten und Religiöse Kindertage nennt er als Beispiele, aber auch Angebote, bei denen Menschen über ihren Glauben reden können, Gottesdienste an ungewöhnlichen Orten. Wichtig ist es laut Wachtel auch, dort zu sein, wo die Menschen Seelsorge brauchen, zum Beispiel auf dem Friedhof. Und insbesondere mehr Öffentlichkeitsarbeit ist ihm wichtig, über die Presse, den Pfarrbrief oder den neuen Newsletter.

Öffentlichkeitsarbeit ist eine Idee, die auch der evangelische Kreispfarrer sinnvoll findet: „Nur so können wir die Vermittlungsaufgabe bewältigen, den Menschen den Sinn der Kirchensteuer zu zeigen.“ Althausen glaubt, dass die Kirchensteuer für viele Christen lediglich eine finanzielle Belastung sei und sie auch deswegen aus der Kirche austreten. „Diakonie, Kindergärten, Bildung – all das finanzieren wir mit der Kirchensteuer“, verdeutlicht er den Sinn dahinter.

Es gibt aber auch einen Aufwärtstrend: Die Zahl der Konfirmanden lag auf Ebene der Landeskirche im Jahr 2018 geringfügig höher bei 3 793 (im Jahr 2017 waren es noch 3 788). „Das wird daran liegen, dass wir die Konzepte kinder- und jugendgerecht reformiert haben“, vermutet Althausen. „So besuchen wir mit den Jugendlichen Orte der Lebenswirklichkeiten, also beispielsweise Altenheime. Dort sprechen die Jugendlichen mit den Erwachsenen über das Altwerden.“

Auch bei den Katholiken gibt es ein stärker nachgefragtes Sakrament: 35 mehr Katholiken haben sich 2018 im Bistum Münster, zu dem Delmenhorst gehört, gegenüber 2017 trauen lassen. „In Ehevorbereitungskursen und bei Hausbesuchen höre ich häufig, dass die Brautpaare sich erst nach der kirchlichen Hochzeit richtig verheiratet fühlen“, erklärt Wachtel diesen Trend. „Ein Eheversprechen vor Gott zeigt ihnen, dass ihre Liebe mehr ist als ein Rechtsakt. In der Kirche spüren sie, dass sie mit ihrer Liebe nicht allein sind.“

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