Pastoren äußern sich über die Ursache für vermehrte Austritte / Kreis setzt auf direkten Kontakt und Modernität Kirchensteuer Grund für Mitgliederflucht

In Bremen ist die Zahl der Austritte gestiegen, in Hannover ebenso und auch Delmenhorst folgt diesem Trend: Wie in unserem statistischen Rückblick auf das vergangene Jahr berichtet, gab es in der Stadt 2014 bei den Kirchenaustritten eine auffällige Entwicklung: 60 Prozent mehr Mitglieder als 2013 haben der evangelisch-lutherischen Kirche den Rücken gekehrt. Grund dafür sei die Umstellung auf ein neues Einzugsverfahren der Kirchensteuer.
16.02.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Kirchensteuer Grund für Mitgliederflucht
Von Esther Nöggerath

In Bremen ist die Zahl der Austritte gestiegen, in Hannover ebenso und auch Delmenhorst folgt diesem Trend: Wie in unserem statistischen Rückblick auf das vergangene Jahr berichtet, gab es in der Stadt 2014 bei den Kirchenaustritten eine auffällige Entwicklung: 60 Prozent mehr Mitglieder als 2013 haben der evangelisch-lutherischen Kirche den Rücken gekehrt. Grund dafür sei die Umstellung auf ein neues Einzugsverfahren der Kirchensteuer.

Am Ende scheint es vor allem an einem zu liegen: am lieben Geld. Mit Beginn des neuen Jahres ist das neue Einzugsverfahren für die Kirchensteuer auf Kapitalerträge in Kraft getreten, entsprechend mussten viele Banken ihre Kunden im Vorfeld über die Änderung informieren. „Das hat zu einer großen Verunsicherung bei vielen geführt“, erzählt Kreispfarrer Bertram Althausen. Und viele Mitglieder haben die Umstellung offenbar zum Anlass genommen, noch vor Jahresbeginn aus der Kirche auszutreten. In Delmenhorst verzeichnete die Stadt eine Zunahme von 60 Prozent der beurkundeten Kirchenaustritte in der evangelisch-lutherischen Kirche. Waren es 2013 noch 268 Mitglieder, die eine Austrittserklärung einreichten, betrug die Zahl im vergangenen Jahr 430.

„Das neue Verfahren kann natürlich bei dem einen oder anderen der Grund für den Austritt gewesen sein“, vermutet Althausen. Dabei habe die rein technische Umstellung weder eine neue zusätzliche Steuer noch eine Erhöhung mit sich gebracht. Einzig die Art des Einzugsverfahrens habe sich geändert, betont er, „das haben wir uns von der Kirche auch gar nicht ausgedacht, sondern der Staat“. Auch relativiert er die Zahlen ein wenig, denn im gesamten Gebiet des Kirchenkreises Delmenhorst/Oldenburg-Land sei ein großer Einbruch gar nicht zu spüren gewesen, berichtet der Kreispfarrer. Im vergangenen Jahr verzeichnete die evangelische Kirche einen Rückgang der Mitglieder von minus 1,5 Prozent. „Das ist etwa so viel wie in den letzten Jahren auch“, rechnet Althausen vor. Und im Vergleich zu anderen Kirchenkreisen in Deutschland sei der Rückgang auch noch wirklich moderat: „Die Leute hier sind ihrer Kirche noch sehr treu.“

Auch sein Kollege Enno Konukiewitz hört noch keine Alarmglocken schellen. „Dass wir Kirchenaustritte verzeichnen, ist überall so“, sagt er. Die Gemeinden würden halt immer kleiner, allein schon durch den demografischen Wandel. „Aber es gibt ja auch Eintritte“, betont Konukiewitz. Die Austrittszahlen seien natürlich bedenkenswert, aber auch nicht dramatisch, findet er. Es komme schon mal vor, dass es Wellenbewegungen von Austritten gebe, „wenn Themen wie das Einzugsverfahren rumgehen, zieht das natürlich auch Austritte nach sich“. Der Pastor der Heilig-Geist-Gemeinde vermutet, dass sich das Ganze in diesem Jahr bereits wieder legen und normalisieren wird.

Um wieder mehr Menschen für die Religion zu begeistern, setzt die evangelische Kirche in Delmenhorst vermehrt auf direkten Kontakt. „Wir versuchen, mit den Menschen in Kommunikation zu treten“, erzählt Konukiewitz. Man versuche, das Leben der Menschen mit der Verkündigung in Verbindung zu bringen oder das aufzugreifen, was die Menschen bewegt, wie zuletzt die Kerzenandacht für die Opfer des Klinikum-Krankenpflegers.

Angebote für junge Menschen

„Wir sind sehr daran interessiert, eine zeitgemäße Arbeit zu bieten“, sagt Althausen. Mit der Einstellung der neuen Popkantorin Karola Schmelz-Höpfner, die im Januar in ihr Amt eingeführt wurde, wolle man modern sein. Und um speziell jüngere Menschen zu erreichen, versuche man mit der Einrichtung einer Jugendkirche, den Jugendlichen eigene Gestaltungsmöglichkeiten zu geben. Wie berichtet, wird die St.-Paulus-Kapelle an der Friesenstraße zukünftig als erste Jugendkirche im Kirchenkreis genutzt. Die Leitung dort wurde bereits im Dezember an die Diakone der Jugendkirche übergeben.

Vermehrt in den Schlagzeilen war die evangelische Kirche in den vergangenen Wochen auch durch die umstrittene Predigt des Bremer Pastors Olaf Latzel. Dass dies mögliche Austritte zur Folge haben könnte, bezweifelt Enno Konukiewitz allerdings. „Ich weiß, dass das die Menschen sehr bewegt“, sagt der Delmenhorster Pfarrer. Aber viele Pastoren und Kirchenvertreter hätten sich bereits dagegen ausgesprochen und positioniert. „Da wissen die Menschen schon zu differenzieren“, ist sich der Geistliche sicher.

Während die Kirchen durch die vermehrten Austritte und die dadurch wegfallenden Steuerzahler an Einnahmen verlieren, gewinnt dagegen die Stadtverwaltung an Geld dazu. Denn jeder, der aus der Kirche austritt, bezahlt dafür 25 Euro Bearbeitungsgebühr an die Stadt. Das Geld verbleibe in der Stadtkasse und werde nicht zweckgebunden verwendet. „Das ist ein landesweit einheitlicher Tarif“, bewertet Stadtsprecher Timo Frers die Austritte.

Bei der römisch-katholischen Kirche haben sich die Austritte, zumindest in Delmenhorst, übrigens nicht vermehrt. Im Vergleich zum Vorjahr verzeichnete die Stadt 2014 sogar drei Austritte weniger. Die Vergleiche mit Bremen und Hannover zeigen allerdings, dass das eher die Ausnahme ist.

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