Amtsgericht Delmenhorst Entferntes Kondom: Bewährungsstrafe für Freier

Das Amtsgericht Delmenhorst hat ungeschützten Geschlechtsverkehr wider Willen als Vergewaltigung bewertet. Das abgestreifte Kondom führte für einen Freier deshalb zu einer Bewährungsstrafe.
07.05.2021, 16:26
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Von Alexandra Wolff

Weil ein Freier während des Geschlechtsverkehrs das Kondom abgezogen hat, wurde dieser nun vor dem Amtsgericht wegen Vergewaltigung zu einer Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Hinzu kommt eine Geldstrafe von 2000 Euro, die in monatlichen Raten zu 250 Euro an die Opferhilfe Niedersachsen zu zahlen ist und die Übernahme der Verfahrenskosten. Der Richter folgte in seinem Urteil damit weitestgehend der Staatsanwaltschaft, die eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten gefordert hatte.

„Wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.“ So steht es im ersten Absatz des Vergewaltigungsparagrafen 177. Für Strafrichter Holger Jurisch war es dabei unerheblich, ob es sich bei den „sexuellen Handlungen“ um den Geschlechtsakt an sich handelt oder um die Tatsache, dass ein Freier bei einem Stellungswechsel heimlich das Kondom entfernt. Der Angeklagte könne noch Berufung einlegen oder in Revision gehen, was dieser aber ablehnte.

Eine Prostituierte hatte den Angeklagten beschuldigt, am 22. September 2019 bei einem Stellungswechsel heimlich das Kondom entfernt zu haben. Sie arbeitete zum Tatzeitpunkt in einem Delmenhorster Nachtclub. Bevor die beiden sich zurückzogen, habe sie ihm gesagt, dass sie ausschließlich geschützten Geschlechtsverkehr ausübe. Das Kondom hätte sie ihm zuvor selbst übergezogen. Während des Geschlechtsaktes kam es zu einem Stellungswechsel. Der Angeklagte befand sich nun hinter dem Opfer. Als sich die Frau unmittelbar nach der Ejakulation umdrehte, habe sie bemerkt, dass das Kondom neben den Beinen des Mannes lag. Die Klägerin sagte aus, dass sie ihren Freier zur Rede stellen wollte, nachdem sie das Kondom im Bett liegen sah. Ihrer Aussage nach habe er daraufhin behauptet, sich selbst nicht erklären zu können, wie das Kondom sich lösen konnte. Sie habe Angst gehabt, schwanger zu sein oder sich infiziert zu haben. Deswegen fragte sie ihn, ob er sich an den Kosten der „Pille danach“ beteiligen würde. Doch der Freier habe daraufhin nur gelacht und gesagt, dass das ihr Berufsrisiko sei. Von seiner Aussage habe sie sich provoziert gefühlt und die Polizei gerufen. Bei anschließenden Untersuchungen stellte sich heraus, dass die Frau weder schwanger noch infiziert war.

Die Verteidigung hatte beantragt, die ehemalige Inhaberin des Nachtclubs anzuhören. Diese habe gesagt, die Klägerin hätte bereits mehrfach erwähnt, dass ein Freier heimlich während des Geschlechtsakts das Kondom abgezogen hätte. Diesen Antrag lehnte der Richter ab, weil es „keine erkennbare Konnektivität“ gebe: „Das ist eine Beweisbehauptung.“ Die einstige Inhaberin könne die Prostituierte nicht kennen, weil sie zum Tatzeitpunkt schon nicht mehr die Inhaberin war. „Um welche Fälle geht es denn?“, lautete die rhetorische Frage des Richters. „Und wenn schon einmal ein Herr das Kondom abgezogen hat, schließt das ja nicht aus, dass der Angeklagte das auch gemacht hat.“ Die Verteidigung rügte diese Aussage, weil die ehemalige Inhaberin an diesem Tag in dem Nachtclub war, weil dort laut einer Zeugenaussage an diesem Tag eine Party stattfand. Und die Namen der anderen Freier müssten nicht genannt werden.

Danach wurde ein Polizist in den Zeugenstand gerufen. Er war nach dem Notruf der Prostituierten zum Nachtclub gefahren. Er beschrieb sowohl den Freier wie auch die Prostituierte als ruhig und entspannt. In einem zweiten Streifenwagen sei der Freier zu einem Krankenhaus gefahren worden, wo man ihm zwei Blutproben entnahm und einer toxikologischen Untersuchung unterzog. Er hatte demnach 1,67 Promille und THC im Blut. Auffällige Betrunkenheits- oder Rauschsymptome habe er dem Arzt zufolge nicht aufgewiesen.

Die Verteidigung hatte in ihrem Plädoyer noch gesagt, dass sie das absichtliche Abstreifen des Kondoms nicht als erwiesen ansah, weil die Klägerin genau dieses nicht beobachten konnte. Doch damit sah der Richter eher den in Paragraf 177 erwähnten „Überraschungsmoment“ erfüllt. In Absatz 6 wird das Eindringen in den Körper in diesem Fall als Vergewaltigung gewertet, betonte der Richter noch.

Sein Urteil begründete der Richter damit, dass eindeutig gegen den erkennbaren und nachvollziehbaren Willen der Frau kein Präservativ genutzt wurde. Ein Berufsrisiko sei dieses Verhalten nicht. Angst vor Infektion kenne er auch aus anderen Berufsgruppen, sagte der Richter. Dem Angeklagten gab er noch mit auf den Weg: „Es gibt Leute, die entschuldigen sich bei ihrem Opfer. Das ist hier nicht geschehen.“

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