Konzert in der Stadtkirche Musikalisch-tänzerische Reise durch Europa

Am Sonntag gab es im Rahmen von „Neustart Kultur“ als Sonderkonzert ein viele Sinne anregendes musikalisches Ereignis unter dem Titel „Europa tanzt“ mit dem Ensemble „Dancefloor 1700“.
18.10.2021, 16:17
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Von Günter Matysiak

Die Stadtkirche ist neben dem Kleinen Haus das maßgebliche  kulturelle und musikalische Zentrum der Delme-Stadt. Kantor Jörg Hitz, für den klassischen und Karola Schmelz-Höpfner für den popmusikalischen Bereich, sorgen mit gutem Erfolg für ein quicklebendiges Musikleben in der Kirche. Das ließ sich auch von der Corona-Pandemie nicht vollkommen unterdrücken. Am Sonntag gab es im Rahmen von „Neustart Kultur“ als Sonderkonzert  ein viele Sinne anregendes, musikalisches Ereignis unter dem Titel „Europa tanzt“. Zu Gast war das Ensemble „Dancefloor 1700“.

Anregend etwa zu dem Gedanken „was war zuerst in der Welt, der Tanz oder die Musik?" Es gibt ja Stimmen, die die Musik als aus dem Tanz geboren ansehen. Hier stand die Musik auf jeden Fall am Anfang – und zwar mit der „Ouverture pour la Grotte de Versailles“, die mit den scharfen Punktierungen der langsamen Teile und der Eleganz und Ausgelassenheit der bewegteren Teile für einen strahlend festlichen Beginn sorgte. Dancefloor 1700 spielte das in Quintettbesetzung mit Sayaka Namizuka (Tanz und Orgel), Carla Linné (Tanz und Violine), Albrecht Kühner (Violine), Hannah Freienstein (Violoncello) und Jörg Hitz (Cembalo).

Vorweggeschickt hatte Jörg Hitz am Cembalo als Erkennungsjingle dem Ganzen das Thema der Eurovisionshymne. Er begrüßte das beachtlich große Publikum, wies auf die Bedeutung Frankreichs für den Tanz hin, auf die jeweils eigene Bewegungssprache von Händen und Füßen, die von Mimik und pantomimischen Momenten darstellerisch ergänzt wurden. Jede Station der Reise durch Europa stellte sich in Form einer Suite mit ihren ganz unterschiedlichen Tanz-Temperamenten dar, die in schöner Deutlichkeit und mit musikantischer Spielfreude musiziert wurden.

Auch der Tanz mit seinen kunstvollen Schrittfolgen und der nicht minder kunstvollen geschmeidigen Bewegtheit der Arme, der Wechsel von Nähe und Distanz der Tänzerinnen, ihre choreografierten Beziehungen zueinander, waren von dieser Ausdruckskraft. Deutschland tanzte nach Bachs C-Dur Prelude aus dem „wohltemperierten Klavier" in Jörg Hitz beredter Interpretation zu einer „Allemande“ von  André Capra, und die beiden Tänzerinnen gaben dem, stampfend und hüpfend, einen Anflug von Schuhplattler-Stimmung. Höhepunkt des Programms waren wohl Tanz und Spiel von Arlequin und Pierrot, den Clownsfiguren aus der Comedia del’arte. Sayaka Namizuka war der freche, bunte Kasper, Carla Linné der traurige, weiße Pierrot.

Johannes Mitternacht hatte ihr Spiel anrührend inszeniert, ihre Verschiedenheit, ihre Charaktere, die auch die ihnen zugehörigen Tänze Forlana und Loure ausdrückten. Und Pierrot spielte die Pochette, die kleine Tanzmeistergeige, deren Ton so verzagt ist wie er selbst. Und Arlequin und Pierot tanzten. Beide blieben auch gegenwärtig bei Sarabanda und Giga, einer Sonate von Antonio Vivaldi „per Violoncello solo“, die Hannah Freienstein, Albrecht Kühner und Jörg Hitz mit schönster Beredtheit spielten, wobei die Giga ein Ausbund an melodischer Violoncello-Wildheit wurde.

Drei englische „Jigs“ von Henry Purcell wurden gespielt und getanzt – als pures Vergnügen. „John come, kiss me now“ ließ Thomas Baltzers so betitelte Musik die Violine Albrecht Kühners zärtlich-verführerisch singen, bevor die beiden aneinander gefügten La Follia-Variationen von Antonio Vitali und Marin Marais in Spiel und Tanz zu einem Ereignis des kunstvoll-wilden Ausflippens wurden.

Die Zugabe des Menuetts aus der Frankreich-Suite nach langem Applaus sorgte, gespielt und getanzt, dann wieder für die vornehme Beruhigung. Das war ein rundum bezaubernder Abend.

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