Künstlerin Katya Bonnenfant Die Magie der Üppigkeit

In Zeiten von Corona gehört die (Schutz-)Maske zum unverzichtbaren Dresscode dieser Tage. Die Künstlerin Katya Bonnenfant bedient sich Masken auch in ganz anderen Zusammenhängen.
16.06.2020, 18:33
Lesedauer: 4 Min
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Die Magie der Üppigkeit
Von Andreas D. Becker

Katrin Seithel kam gerade an im Haus Coburg – da war sie auch schon mittendrin. „Ich habe mich sofort willkommen und integriert gefühlt“, erinnert sie sich. Obwohl sie dort ja niemanden kannte. Die Künstlerin, Katya Bonnenfant alias The Old Boys Club, nicht. Die Crew des Hauses der Städtischen Galerie Delmenhorst um die Leiterin Annett Reckert nicht. Trotzdem gab es da keine große Beschnupper-Phase, sondern es war eher eine Zieh-die-Jacke-aus-und-fang-an-Phase. „Ich habe die Künstlerin vor und während der Ausstellung unterstützt – und es war ganz großartig“, erinnert sich Katrin Seithel. Seitdem ist sie festes Mitglied des Teams. Sie bietet die Workshops für Kinder an. Sie betreut andere Projekte, vor allem auch ein Herzensanliegen von ihr: den Färbergarten.

Was zumindest sprachlich schön passt, weil diese Liaison, diese Geschichte von Katrin Seithel und dem Haus Coburg im damals hoch gelobten „Garden of Genders“, einem Garten der Geschlechter, begann. So hieß die Ausstellung der französischen Künstlerin im Jahr 2013, die vor allem ein kunterbunt-verrücktes Spektakel war, denn die Ausstellung wuchs einfach immer weiter, veränderte sich ständig und alle durften dabei mithelfen. „Der Ansatz von Katya als Künstlerin ist ja die Partizipation, allen soll es offen stehen, Teil der Kunst zu werden.“ Was schon einmal ein krasser Gegensatz zu dem ist, wie der Kunstmarkt mit all seinen Stars und Sternchen und Hypes und Luftblasen sonst so funktioniert.

Von diesem Spektakel haben einige Bilder Einzug in die Sammlung der Städtischen Galerie Delmenhorst gehalten, sie zeigen unter anderem Monsterchen, die immer wieder in Bonnenfants Arbeiten auftauchen. Sie sind gerade in der aktuellen Ausstellung „Fly. Arne Rautenberg betextet Werke der Sammlung“ zu sehen. Sie sind ein überbordender Schatz an Detailverliebtheit, ein einziges großes Anspielungsdropping mit Rückgriffen auf Popkultur, Geschichte, Firlefanz. In all seiner Comichaftigkeit sind die Arbeiten zudem noch ein großes ästhetisches Vergnügen. „Etwas, was mich damals sehr fasziniert hat, war diese Fülle und Üppigkeit, und zwar in jedem Winkel des Hauses“, erinnert sich Katrin Seithel. Unter anderem auch mit einer Tapete, auf der sich unendlich viele dieser Monsterchen wiederfanden, in allen möglichen Spielarten, aber fast immer: maskiert. Was noch so ein großes Thema von Katya Bonnenfant ist. Denn hinter der Maske verschwindet die Identität, es ist egal, ob darunter Mann oder Frau steckt, Kind oder Greis, lilagetupfter Froschlurch oder oranger Oompa Loompa. Am Ende geht es nur um eins: Das Kunstwerk ist das Kunstwerk. Und eben nicht der Künstler. Deswegen verschwindet Katya Bonnenfant auch hinter ihrem Alias The Old Boys Club.

Arne Rautenberg, der Dichter-Kurater von „Fly“, hat die Bilder für die Schau ja nicht nur ausgewählt. Sondern dazu auch gelyrikt. The Old Boys Club war nicht ganz einfach für ihn. „In den Bildern ist so unheimlich viel drin, es gibt Schwerter, Masken, Dragqueen-Zitate. Da musste ich mich poetisch aus dem Fenster lehnen“, sagt er. „schlaft idole schlaft“ ist dabei herausgekommen, es ist eines der beeindruckendsten Werke zu „Fly“. Ein Auszug: „lasst eure orange-violett gestrichenen dielen schweigen / werft keine zitronen nach hunden / posiert vor keiner benjamin-franklin-statue / und bringt nicht jedes jahr einen besteller heraus / lasst euch nicht in einer künstlerkneipe in paris von alten freunden beklatschen / wenn ihr nach irgendeinem weltkrieg aus new york zurückkommt / spielt keine eigens für euch geschriebenen klavierstücke für die linke hand / beobachtet nicht das auge einer amsel zwischen zwanzig schneegebirgen / und dreht keine samuraifilme in schwarzweiß mit toshiro mifune“.

Die Fülle, die Details schlugen nicht nur Rautenberg und Katrin Seithel in ihren Bann, sondern sie übten seinerzeit auch eine große Magie auf die Kinder aus, die die Ausstellung besuchten. Es gab so viel zu entdecken. Da tauchte auf einmal Darth Vader unter den Monsterchen auf. Oder Hello Kitty. In der Ausstellung gab es kleine Trickfilme. Oder die Monsterchen spukten auf dem Display eines scheinbar pleistozänischen Privileg-Taschenrechners. „Ich erinnere mich auch noch gut an einen Masken-Workshop, den Katya selbst geleitet hat, und wie die Kinder dann alle mit Maske durch das Haus gelaufen sind“, erzählt Katrin Seithel. Es war ein großes Fest. Und es zeigte ihr, wie unverkrampft Kunstvermittlung funktionieren kann. „Und die Vermittlung ist immer das wichtigste im Haus Coburg“, sagt Katrin Seithel, die mit wachsender Freude vor allem ihre kleinen Stammgäste, wie sie sie nennt, beobachtet. Kinder also, die immer wieder dabei sind, die sich wie selbstverständlich durch die Ausstellungsräume bewegen, die sehen, wie sich das Haus jedes Mal komplett mit jeder Ausstellung verändert, die ein erstes Gefühl dafür kriegen, was Kunst alles sein kann und was überhaut alles ausgestellt werden kann.

Das alles jetzt nicht zeigen und vermitteln zu können, ist das Schwierige in Corona-Zeiten, weil größere Besuchergruppen schlicht nicht erlaubt sind. Um trotzdem dieses Gefühl für zu Hause zu erzeugen, gibt es die Kunst-Mail und Post aus dem Färbergarten, die den Geist der Workshops transportieren. Auf diesem Wege gibt es Kreativanleitungen und Einblicke in die aktuellen Ausstellungen und in den Färbergarten. Wer dabei sein will, meldet sich per Mail an info@staedtische-galerie-delmenhorst.de mit dem Stichwort „Kunst-Mail/Post aus dem Färbergarten“ an. Und wer älter als zwölf Jahre ist, wird von der jungen Kunstvermittlungsinitiave Copartikel mit kleinen virtuellen Care-Paketen zu Kunst-Aktionen für zu Hause gefüttert, mit „schrägen Einblicken in die Ausstellungen, Insider-Infos und Kreativanleitungen von Mini Books bis Nachstellbildern“. Übrigens auch zu Arbeiten von The Old Boys Club, zu denen großartige Rückmeldungen kamen. Wer da dabei sein möchte, schreibt an copartikel@posteo.de unter dem Stichwort „Art Care Mail“.

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