Kunstpause in Delmenhorst Der Vers ist eine Scheibe

In der aktuellen Ausstellung in der Städtischen Galerie Haus Coburg sind unter anderem visuelle Gedichte von Kurator Arne Rautenberg zu sehen. Und welche eines der Ur-Inspiratoren dieser Form: Ferdinand Kriwet.
10.06.2020, 06:30
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Der Vers ist eine Scheibe
Von Andreas D. Becker

Delmenhorst. Eigentlich hatten Arne Rautenberg und Annett Reckert eine rote Linie gezogen: keine Textarbeiten. In „Fly. Arne Rautenberg betextet Werke der Sammlung“ sollten ja die (visuellen) Gedichte von Kurator Rautenberg integriert werden und in den Dialog mit den Zeichnungen, Gemälden, Installationen, Fotos treten. Da wäre Text störend gewesen, was auch Annett Reckert, Leiterin der Städtischen Galerie Delmenhorst, so sieht.

Aber gut: keine Regel ohne Ausnahme. Wohlbegründete Ausnahme. Bei der Konzeption der Schau schwebte Annett Reckert doch ein Künstler vor, der mit seinen Grafiken, seinen Texten, so wunderbar passte: Ferdinand Kriwet. Der aber, wenn man es mal ganz korinthenkackerisch betrachtet, auch in anderer Weise nicht zum Konzept passte, weil sich die Rundscheiben nicht in der hauseigenen Sammlung der Delmenhorster, sondern im Nachlass in Bremen befanden. Aber wenn es einen geistigen Vater gerade für Rautenbergs Rundgedichte an den Ausstellungswänden gibt, dann ja wohl Kriwet. Dass sich diese Form der visualisierten Lyrik im Obergeschoss auch noch Wand an Wand, Rücken an Rücken einmal im Treppenaufgang und dann in einem Kabinetträumchen findet, ist dabei ein besonderes kuratorisches i-Tüpfelchen.

„Was ich toll finde“, sagt Arne Rautenberg über Kriwet, „dass Du den Text nie ganz kriegst. Du kannst immer wieder reingehen und holst etwas Neues raus.“ Denn die Rundscheiben sind nicht einfach nur Grafik, es ist nicht die Reduktion auf Typografie. Die Rundscheiben sind schon auch Text, der Sinn ergibt. Nur eben erschließt sich nicht sofort, wo sich die passenden Textfragmente, die Wortspielereien, fischen lassen. Es gibt keinen definierten Anfang, kein Ende. Der Einstieg ist überall möglich, der Ausstieg auch. Kriwet hat damit in gewisser Weise eine Idee aus seinem Debütwerk, dem Roman „Rotor“, wieder aufgegriffen. „Darin hat er einen durchgehenden Text geschrieben, ohne Punkt und Komma, in konsequenter Kleinschreibung“, erklärt Bettina Brach. Die Kunsthistorikerin pflegt den Nachlass Kriwets, sie stellte die ausgestellten Drucke für „Fly“ zur Verfügung.

15 Texte hat Kriwet 1960 in diese Form gegossen. Und dabei mit verschiedenen Elementen gespielt. „Einer funktioniert beispielsweise wie eine Schallplatte, der Text läuft also der Rille gleich fort“, erzählt Bettina Brach. Andere Texte sind gegenläufig, ein Text läuft also von innen nach außen, der andere von außen nach innen. Oder Kriwet spielt eben wie in dem abgebildeten „wer wen wenn ein jäger“ mit Schriftgrößen, die es ermöglichen, das Werk aus größerer Ferne zu betrachten und etwas zu lesen, wobei es aber noch viel mehr zu entdecken gibt, wenn man sich dem Werk nähert. „Das erinnert in der Rezeption ein wenig daran, wie wir eine Zeitung lesen oder ein Plakat am Wegesrand betrachten“, sagt Bettina Brach. Als erstes fallen also die dicken Lettern auf, die Schlagzeilen, dann erst nähert man sich den kleineren Buchstaben.

Das, was Rautenberg so fasziniert, ergibt sich aus den vielen Wortspielereien, mit denen Kriwet arbeitete. Eines der Rundschreiben heißt „aufgerollte reise“, in der sich alle Orte zwischen Hamburg und Düsseldorf wiederfinden, allerdings mit vielen vertauschten Buchstaben, sodass aus Hamburg also Humbarg wird. Die Sentenz „treu und befriedigt“ wandelt sich durch Weglassen eines einzigen Buchstabens zu „treu unbefriedigt“. „Er lässt teilweise auch Wörter miteinander verschmelzen, aus zwitschern und scherzen wird zwitscherzen“, erklärt Bettina Brach, was Kriwet in seinen Arbeiten getan hat. „Er war sehr angetan von Namen. Und er hat Rotwelsch, die sogenannte Gaunersprache, geliebt. Er hatte ein dickes Rotwelsch-Lexikon und hat viele Wörter daraus in seine Sehtexte eingearbeitet“, erzählt die Kunsthistorikerin. Er wortspielte auch mit Freude mit Übersetzungen oder Schlagertexten.

Eine klare Grenze, ob es sich nun um eine schriftstellerische oder eher eine grafische Arbeit handelt, wollte Kriwet selbst nicht ziehen. Aber klare Zuordnungen und Schubladen waren eh nicht seins. Ja, irgendwie war er Schriftsteller, „er war auch ein Medienpionier“, sagt Bettina Brach. Mixed Media trifft es vielleicht am ehesten, wenn es um Kriwets Arbeiten geht, wie man auch deutlich an seinen Hörspielen, den Hörtexten, merkt, die eher O-Ton-Sound-Collagen waren. „Er selbst hat gesagt, er ist Schrift-Steller, weil er eben die Schrift in gewisser Weise gestellt hat“, erinnert sie sich an den 2018 in Bremen verstorbenen Künstler, der in der Düsseldorfer Kunstszene als Autodidakt Anfang der 1960er-Jahre reüssierte.

Ein Makel zum jetzigen Ausstellungskonzept lässt sich übrigens vielleicht bald, im Nachgang sozusagen, beheben. Bettina Brach denkt darüber nach, ein Exemplar der Rundtexte dem Haus Coburg für die Sammlung zu stiften. „Wenn Annett Reckert sie haben möchte“, sagt sie, was wohl eher eine rhetorische Frage wäre. Dann hätte Arne Rautenberg zumindest retrospektiv nicht gegen die eigene Regel, nur Werke aus der Sammlung der Galerie zu zeigen, verstoßen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+