Kunstpause in Delmenhorst

Zeichnung und Zeit

Astrid Brandt ist eine Künstlerin, die verhätnismäßig selten in Ausstellungen zu sehen ist. Sie kann also immer noch entdeckt werden. Zum Beispiel gerade in der Städtischen Galerie Delmenhorst.
30.06.2020, 15:13
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Zeichnung und Zeit
Von Andreas D. Becker
Zeichnung und Zeit

Kunstpause Delmenhorst zur Ausstellung „Fly. Arne Rautenberg betextet Werke der Sammlung“: Astrid Brandt: Display (Blatt XVI), 2011, Bleistift auf Papier, 17 x 17 cm.

JENS WEYERS

Andreas Bee legte den Brief beiseite. Eine Drucksache, nichts, was er in seiner Post mit Vorrang bearbeiten müsste. Ungewöhnlich nur, dass da jemand eine Schrifttype ausgewählt hatte, die eine Schreibschrift imitierte. Der Professor für Kunst im Diskurs/Kunstwissenschaft mit dem Schwerpunkt Kunst der Gegenwart an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig vergaß das Schreiben. Bis eine Nachfrage kam, was nun sei. Der Brief war eine handgeschriebene Einladung von Astrid Brandt. „Sie hatte eine sehr kontrollierte, wunderbare Handschrift“, sagt Bee.

Was nicht verwundert. Wer sich die Zeichnungen von Astrid Brandt anschaut, weiß, wieso. Bei oberflächlicher Betrachtung denkt der Besucher, es ist vielleicht eine Schwarz-Weiß-Fotografie. Oder irgendeine Drucktechnik. Aber nichts da. Astrid Brandt zeichnete, immer von links oben nach rechts unten, Wochen, Monate, bis ein Blatt fertig war. Unfassbar fein, detailliert. „Pure Konzentration, gepaart mit den Qualitäten eines Langstreckenläufers. In Papier eingeriebene Zeit“, beschreibt Bee die Magie von Astrid Brandts Arbeiten. Gerade ist wieder eines dieser Werke in der Städtischen Galerie Delmenhorst in der Ausstellung „Fly. Arne Rautenberg betextet Werke der Sammlung“ zu sehen. Wobei: Einfach nur sehen reicht nicht aus, man muss diese Arbeit erleben, ihr nahe kommen, um sich von dieser ganz besonderen Magie einfangen zu lassen.

Astrid Brandt, die im vergangenen Jahr mit Mitte 50 viel zu früh verstarb, ist eine dieser Künstlerinnen, die es immer noch zu entdecken gibt. Es gibt Sammler und auch Häuser, die Arbeiten von ihr in der Sammlung haben, klar. Aber mit ihrer Art zu zeichnen, mit der immens vielen Zeit, die in ein Werk floss, war sie keine Künstlerin, die für den Kunstbetrieb besonders prädestiniert war, weil sie ja eben nicht mal eben ein paar neue Sachen raushauen konnte, um damit eine Solo-Schau zu bestücken. Das passte nicht zu ihr. Das wollte sie auch nicht. Deswegen haben sie nur ganz wenige gesehen und gezeigt. Annett Reckert machte es 2013 in der Remise mit „Inwendig auswärts“. Und Bee sah sie auch, nachdem er diesen Brief wieder aus dem Machen-wir-Später-Poststapel gefischt hatte.

„Astrid Brandt war niemand, der in der ersten Reihe, auf der Bühne stehen wollte“, erzählt Bee. Nach ihrem Studium in Braunschweig arbeitete sie an der Hochschule in der Bibliothek, nebenher schuf sie ihre Kunst. „Sie wollte gar nicht wahrgenommen werden.“ Aber natürlich kann das nicht gelingen, wenn man ihre Arbeiten sieht, einfach weil diese Position so speziell und faszinierend ist. „Ich bin und bleibe ein großer Fan von ihr“, sagt Bee, der vor allem das Hintergründige, den Witz, den Esprit in Astrid Brandts Arbeiten so liebt. Oberflächlich sind da immer nur ein paar Dinge zu einem Stillleben arrangiert. Oder sie hat Fotos aus Zeitschriften der Wirtschaftswunderjahre als Vorlage genommen. Aber es sind nicht einfach nur vordergründig nachgezeichnete Dinge, Astrid Brandt schafft subkutan eine zweite Ebene, die oft ein beunruhigendes Gefühl hinterlässt oder dafür sorgt, dass man die Dinge vermenschelt.

„Wenn ich mir das Streichholzheftchen anschaue, das jetzt in Delmenhorst zu sehen ist, fühle ich mich an den Bacchus von Caravaggio erinnert. Die Streichhölzer scheinen auch zu sagen: Schau mich an! Nimm mich!“, sagt Bee. Evoziert wird das natürlich auch durch den Titel, die bei Astrid Brandt genauso sorgfältig ausgewählt wurden wie das Motiv. Display ist ja nicht nur eine Anzeige, es bedeutet ja auch darstellen, da will jemand beziehungsweise etwas Aufmerksamkeit erzeugen. „Zwei der Streichhölzer haben es ja schon geschafft, sie wurden genommen und benutzt, wie man an den Spuren auf der Reibefläche sieht. Dadurch haben die Streichhölzer für mich einen Charakter, ich würde sie als keck bezeichnen“, sagt Bee.

Dieses Auffordernde hat auch Arne Rautenberg gesehen – allerdings sah er weniger das Kecke, eher das Flammende. Er schrieb zu „Display“ ein Kindergedicht – schließlich ist er ein bedeutender Kinderlyriker –, das so beginnt:

feuertraum

ein teufel schlich

nachts in mein haus

nahm leise sich ein

streichholz raus

Rautenberg hat es also auch gespürt, dieses leicht Unheimliche, das immer auch unter der Oberfläche brodelt. Bee sieht unter anderem eine geradezu dystopische Qualität: „Indem sich die Künstlerin den Dingen zeichnerisch annimmt, gewinnen diese ihre Körperlichkeit zurück. Menschliche Wesen aber haben in den Zeichnungen von Astrid Brandt offenbar nichts (mehr) verloren. In diesem Punkt sind die Bilder jenen Romanen und Filmen verwandt, die einen Zustand der Welt zu imaginieren versuchen, in dem der Mensch (bis auf den einen, der Bericht erstattet), von der Bildfläche verschwunden ist.“

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