Kunstpause in Delmenhorst Köstliche Kunst

Unter all den Künstlern, die in den vergangenen zehn Jahren in der Städtischen Galerie Delmenhorst zu sehen waren, nimmt Sonja Alhäuser eine ganz besondere Stellung ein. Weil ihre Kunst einfach köstlich ist.
28.07.2020, 17:11
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Köstliche Kunst
Von Andreas D. Becker

Dieser Duft war so präsent. „Wenn man die Galerie betreten hat, roch es direkt nach Schokolade“, erinnert sich Irmgard Koopmann, Mitglied im Freundeskreis Haus Coburg. Lecker. Sowieso: Sonja Alhäuser und ihre Kunst spielen mit der ganzen Sinnlichkeit und Erotik des Essens. Food-Art, sagt man. Food-Porn, würde der ein oder andere vielleicht hinzufügen. Im Positiven. Wie im Negativen.

Arne Rautenberg, der die aktuelle Ausstellung „Fly“ in der Städtischen Galerie mit Werken der jüngeren Sammlungsgeschichte kuratiert und auch bedichtet hat, überkamen beim Anblick von „Frischer Fasan“ auf jeden Fall auch unangenehme Assoziationen. Wie der nackte Vogel dann so auf dem Küchentisch liegt, geradezu obszön breitbeinig, bereit, gefüllt zu werden. Dann wird der Vogel auch noch gefesselt, möglichst stramm. „Aber das sind Bilderwelten, mit denen Sonja Alhäuser definitiv in ihren Werken spielt“, sagt Galeriechefin Annett Reckert.

Kann man so sehen. Muss man aber nicht. Man kann auch ganz naiv auf diese großformatigen Rezeptbilder schauen. Und also schauen, wie aus dem Fasan, der noch versucht, seinem Schicksal wildflatternd zu entfliehen, bleidurchschrotet vorzeitig den Weg alles Irdischen geht. Wie er gerupft, entköpft, küchenfertig zubereitet schließlich, mit Möhren gefüllt, mit Schweinespeck ummantelt, zu einem Gaumenschmaus veredelt wird. „Das Interessante bei Sonja Alhäuser ist dabei auch immer, dass sie versucht, die ganze Welt im Bild zu sehen“, sagt Annett Reckert, also vom lebenden Produkt zum fertigen Essen den ganzen Weg nachzeichnet.

Für den einen ist das zu pornös, für andere, mit unschuldigerem Blicke, aber doch eher Bocuse. Denn ein visierter Koch kann mit Sonja Alhäusers Zeichnungen durchaus arbeiten. Wer genau schaut, findet sogar Hinweise auf Ofentemperatur und Garzeiten. Diese Ebene ist es auch, die Arne Rautenberg in seinem Gedicht „Wildes Rezept“ – durchaus derb – aufgegriffen hat:

tisch mit dem dem rücken nach unten legen

brüste säubern

lösen

im standmixer zerhacken

gelenke durchschneiden

unterschenkel so platzieren

dass sie zu sehen sind

Die Mischung aus dem ganz Konkreten, dem Rezept, das in dieser Form dargestellt wahrscheinlich vorher niemand gesehen hat, und der zeichnerischen Finesse Sonja Alhäusers macht den Reiz nicht nur von „Frischer Fasan“ aus. „Für sie ist Zeichnen denken, es ist ein kinematografischer Ansatz“, sagt Annett Reckert. Es entsteht eine Bildfolge wie in einem kleinen Film, dem jeder intuitiv folgen kann. Durch ihren einzigartigen Duktus und ihre Ikonografie und Zeichensprache für die Kochanweisungen bekommen die Bilder auch etwas Comichaftes, was viele Betrachter automatisch in den Bann zieht. Was Annett Reckert wiederum als Ausstellungsmacherin reizt, weil sie sieht, wie es mit den Werken Sonja Alhäusers gelingt, Besucher direkt anzusprechen: „Bei ihr ist auch der Übergang vom Blatt zur Performance fließend.“ Dabei werden Besucher mit einbezogen. „So wird dann die Kunst verstanden, ohne viele Worte zu machen.“

Auch Irmgard Koopmann denkt mit Freude daran zurück, wie sie als Besucherin der Ausstellung „Hartgesotten“, aber auch bei der Mega-Perfomance „Markthalle XXL“ ein Teil des Ganzen war, weil man im Haus Coburg auch mal den Finger in das Schokoladenbad getunkt oder von der Zuckergussglasmalerei im Wintergarten genascht hat. „In der Markthalle haben mich auch die Gegensätze fasziniert: Zum einen musste es monumental und riesig sein, dann wieder gab es ganz Kleines mit viel Liebe zum Detail.“

Dabei waren die Freundeskreismitglieder mehr als reine Helferlein, sie waren Teil der Performance. Irmgard Koopmann etwa stand bereit in Neptuns Reich, mehr als üppig mit Räucherforellen bestückt. „Da mussten bestimmt noch 100 Forellen filetiert werden“, erzählt sie. Am Vormittag dann ermunterte sie die Kindergarten- und Schulkinder, doch mal den Räucherfisch zu probieren. Denn diese sinnliche Erfahrung spielt bei Sonja Alhäuser eine wichtige Rolle. Ihre Kunst aus Lebensmitteln soll nicht nur den Augen, sondern auch auf der Zunge Spaß machen. „Ich fand den Tag spannend. Allein zu sehen, wie sich die Kinder auf die Geschmacks- und Geruchserlebnisse eingelassen haben, war toll.“

Zu Ostern, mitten im Corona-Lockdown, kehrte Sonja Alhäuser an die Galerie mit einer besonderen Aktion zurück. Sie hatte das Rezept für einen Zehn-Stränge-Zopf gezeichnet. Die Aufgabe für Freundeskreismitglieder lautete nun: nachbacken, fotografieren und an der Verlosung des Bildes teilnehmen, für das man sich auch durch eine Spende ein Los sichern konnte. „Das Bild habe ich leider nicht gewonnen“, sagt Irmgard Koopmann. Obwohl ihr Zopf fantastisch aussah. Und auch geschmacklich wirklich gelungen war.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+