Prozessauftakt in Oldenburg

Streit endet für Opfer fast tödlich

Der 36-jährige Angeklagte gab vor dem Landgericht Oldenburg die Tat zu. Sie soll sich aber nicht so abgespielt haben, wie die Staatsanwaltschaft sie darstellt. Angesetzt sind vier Verhandlungstage.
18.03.2021, 18:20
Lesedauer: 3 Min
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Von Lina Wentzlaff
Streit endet für Opfer fast tödlich

Symbolbild

VOLKER HARTMANN/dpa

Ein 36-jähriger Delmenhorster muss sich derzeit wegen versuchten Mordes in erster Instanz vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Oldenburg verantworten. Im Alkoholrausch soll er zwei Mitte 20-jährige Männer im vergangenen Jahr mit einem Küchenmesser angegriffen haben, nachdem er vermutete, dass diese sein Handy geklaut hätten. Die verletzten Männer kamen mit lebensbedrohlichen Bauchverletzungen in ein Krankenhaus. Der Beschuldigte beruft sich allerdings auf Notwehr nach einer Auseinandersetzung und streitet ab, dass er seine Opfer habe töten wollen.

Der Vorfall ereignete sich in einer Nacht Ende Juli 2020: „Wir haben den Abend spontan in der Wohnung des Angeklagten verbracht, nachdem wir ihn beim Getränkemarkt getroffen hatten“, erklärte der 25-jährige Delmenhorster im Zeugenstand. Mit zwei Flaschen Wodka, Limonade und Bier ausgestattet, verbrachten die vier Männer dann ihren Freitagabend zusammen. Beide Geschädigten beschrieben die Stimmung als „entspannt“.

Erst als einer der Männer aufgrund des steigenden Alkoholpegels lauter redete, habe der Angeklagte ihn zurecht gewiesen und später mit einer Backpfeife abgefertigt. „Daraufhin rauchte unser Freund nur noch seine Zigarette auf und verschwand. Das muss so gegen ein Uhr nachts gewesen sein“, beschrieb einer der Zeugen und Nebenkläger die erste Auseinandersetzung mit dem vierten Mann, der vor der Messerattacke die Wohnung verließ.

Die zwei späteren Opfer und der Angeklagte blieben noch mindestens zwei weitere Stunden in dem Appartement. Gegen 3.30 Uhr wollten die zwei Gäste dann nach Hause gehen. Der Beschuldigte soll daraufhin sein Handy gesucht und die beiden Männer des Diebstahls beschuldigt haben. „Ich habe ihm noch meine Hilfe bei der Suche angeboten und bin deswegen ins Wohnzimmer zurückgegangen, um auf und unter dem Sofa nachzuschauen“, erzählte der 25-jährige Delmenhorster.

Plötzlich verspürte er einen starken Schmerz. „Es fühlte sich zuerst an wie ein Schlag – das kam aus dem Nichts“, betonte der Geschädigte. Aus dem Augenwinkel habe er dann gesehen, wie sein Freund schon verletzt an der Wohnungstür lag. „Ich war total unter Schock und musste einfach handeln. Er wollte schließlich noch weitermachen, er wollte mich töten“, erzählte er sichtlich traumatisiert. Der Betroffene konnte sich trotz erlittener Stichverletzung wehren, dem Angeklagten das Messer abnehmen und ihn letztendlich k.o. schlagen. „Wir mussten da raus“, betonte er den Ernst der Lage.

„Davon habe ich nichts mehr mitbekommen. Ich war richtig weggetreten“, sagte der zweite 25-Jährige, da er nach dem ersten Messerangriff direkt bewusstlos im Flur zusammengeklappt war. Er habe während der Attacke schon vor der Wohnungstür auf seinen Freund gewartet. Erst als dieser ihn geschultert und „Arm in Arm“ durch das Treppenhaus geschleppt habe, seien wieder ein paar Erinnerungen gekommen.

Auf dem Parkplatz des Hauses angekommen, versteckte sich einer der beiden Geschädigten, während sich der Zweite Richtung Krankenhaus aufmachte, um Hilfe zu holen. Die Messerstiche hatten bei beiden Opfern die Lunge durchbohrt und mussten in einer Notoperation behandelt werden. „In diesem Fall wirkten sich sofortige notärztliche Behandlungsmaßnahmen lebensrettend aus“, heißt es vonseiten der Staatsanwaltschaft.

In seiner Einlassung gab der Angeklagte die Angriffe auf die zwei Geschädigten zu. Das „Pizzamesser“ mit einer rund 13 Zentimeter langen Klinge habe auf einem kleinen Ablagetisch im Wohnzimmer gelegen. Allerdings beschrieb er – anders als die Anklage – eine Art Notwehrsituation: Die beiden Mitte 20-Jährigen hätten sich in seiner Wohnung gestritten und immer wieder gerangelt. Vor allem habe ihn aufgeregt, dass sie beispielsweise Zigarettenkippen auf seinem Teppich ausgedrückt hätten. Deswegen habe er sie dann rauswerfen wollen. Im Wohnungsflur sei er von einem der jungen Männer angegriffen worden. Dieser habe ihn in den Schwitzkasten genommen und gewürgt. „Ich hatte große Angst und bekam keine Luft mehr“, sagte der Angeklagte. Aus Notwehr habe er dann zum „Pizzamesser“ gegriffen, sich verteidigt und die beiden Männer verletzt.

Die Kammer zeigte sich gegenüber den Aussagen des Angeklagten skeptisch. Zudem betonte der Vorsitzende Richter, dass es eher „ungewöhnlich“ sei, dass der Beschuldigte sich nicht freiwillig vom Psychiater untersuchen lassen wollte, um eine verminderte Schuldfähigkeit zu überprüfen. Das Gutachten werde so oder so gemacht. „Und die Notwehr sehe ich bisher nicht“, führte der Richter aus. Der Angeklagte befindet sich in Untersuchungshaft. Am 23. März wird der Prozess fortgesetzt.

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