Foodwatch kritisiert

Lebensmittelkontrollen in Delmenhorst im Visier

Foodwatch kritisiert, dass nur zehn Prozent der deutschen Lebensmittelbehörden ihr Soll bei Betriebskontrollen schaffen würden. Die Behörden sehen sich jedoch zu Unrecht an den Pranger gestellt.
22.12.2019, 18:20
Lesedauer: 4 Min
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Von Ilias Subjanto
Lebensmittelkontrollen in Delmenhorst im Visier

Die Lebensmittelkontrolleure sehen sich sowohl in Delmenhorst als auch im Landkreis Oldenburg gut aufgestellt.

Uwe Anspach/dpa

Etwa jede dritte vorgeschriebene Lebensmittelkontrolle fällt in Deutschland aus: Mit dieser Behauptung hat die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch vor Kurzem bundesweit für Aufsehen gesorgt. Die Verbraucherschützer bemängeln, dass nur zehn Prozent der deutschen Lebensmittelbehörden ihr Soll bei Betriebskontrollen schaffen würden. Grund dafür sei ein eklatanter Personalmangel in den Behörden.

Ein handfester Skandal? Bleiben Ekelzustände in lebensmittelverarbeitenden Betrieben dauerhaft unbemerkt? Können Verbraucher hierzulande nicht mehr bedenkenlos beim Metzger einkaufen oder in einem Restaurant speisen? Die Amtstierärztin und Fachdienstleiterin Veterinär- und Ordnungswesen der Stadt Delmenhorst, Nicolin Niebuhr, winkt ab. „Es besteht überhaupt kein Anlass zur Sorge“, versichert sie.

Die Soll-Erfüllungsquote von Delmenhorst lag 2018 bei 52 Prozent. Diese Zahl, die auch auf der Foodwatch-Homepage aufgeführt ist, bedeute jedoch keineswegs, dass 48 Prozent der Lebensmittelkontrollen ausgefallen sind, betont Niebuhr. Die Anzahl der Kontrollen richte sich vielmehr nach der Risikoeinstufung der Betriebe, die der Lebensmittelüberwachung unterliegen – in Delmenhorst gibt es insgesamt rund 678 lebensmittelverarbeitende Unternehmen.

Kriterien für diese Einstufung sind etwa die Art und die Verderblichkeit der Lebensmittel, Struktur und Größe des Betriebs oder auch frühere Kontrollergebnisse. Auf Grundlage dieser Risikoanalyse gibt es demnach Betriebe, die mehrmals im Jahr besucht werden, und andere, die vielleicht nur alle zwei Jahre kontrolliert werden. „Je geringer das Risiko eines Betriebes desto geringer die Kontollfrequenz“, sagt die Fachdienstleiterin. So müsse etwa eine Shisha-Bar, die nur Getränke in geschlossenen Flaschen verkauft, weniger häufig kontrolliert werden als ein Imbissladen, der Hackfleisch zu Frikadellen verarbeitet.

„Es müssen nicht jedes Jahr alle Betriebe kontrolliert werden“

Gleichzeitig weist sie auf die Vorgabe des Landes Niedersachsen hin, wonach die einzelnen niedersächsischen Kommunen lediglich 55 Prozent eines rechnerischen, theoretischen Solls zu erreichen haben. „Es müssen nicht jedes Jahr alle Betriebe kontrolliert werden“, unterstreicht Niebuhr.

So erscheint die erreichte Soll-Erfüllungsquote von 52 Prozent freilich in einem ganz anderen Licht. Die Abweichung von den geforderten 55 Prozent erklärt die Amtsleiterin mit dem gesundheitsbedingten Ausfall eines ihrer beiden Lebensmittelkontrolleure. Mittlerweile sei man aber wieder vollkommen im „grünen Bereich“, mit bislang 58 Prozent befinde man sich in diesem Jahr sogar über der Maßgabe des Landes.

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Noch besser sieht die Lage im Landkreis Oldenburg aus: Im Jahr 2018 wurde hier eine Soll-Erfüllungsquote von 91 Prozent erreicht. „Damit liegen wir im kommunalen Vergleich weit oben“, teilt Gero Leiner vom Veterinäramt des Landkreises mit. Zwei Amtstierärzte, vier Lebensmittelkontrolleure und dazugehöriges Verwaltungspersonal sind für die Überwachung der Lebensmittelsicherheit im Landkreis zuständig. „Mit dieser Personalausstattung kommen wir momentan grundsätzlich klar, so dass unser Kontrollsystem sehr wirksam ist und somit auch funktioniert“, erklärt Leiner.

Allerdings müsse man auch sehen, dass die Aufgaben in der Lebensmittelüberwachung beispielsweise durch zunehmende Warenströme in einer globalisierten Welt und neue Herausforderungen wie die Überwachung des Internethandels in den letzten Jahren drastisch zugenommen hätten. „Um diesen Herausforderungen auch in der Zukunft begegnen zu können, ist langfristig sicherlich eine bessere personelle und finanzielle Ausstattung nötig“, sagt der Amtstierarzt.

Lebensmittelhersteller lassen präventiv selber häufiger kontrollieren

Aus Sicht seiner Delmenhorster Amtskollegin Nicolin Niebuhr ist der Verbraucherschutz im Lebensmittelbereich in den vergangenen Jahren sogar gestiegen. „Die Lebensmittelhersteller lassen präventiv selber häufiger kontrollieren und untersuchen“, erklärt sie. Rückrufaktionen wegen gesundheitlich bedenklicher Lebensmittel seien teuer und der entstehende Imageschaden beträchtlich, begründet sie die Maßnahmen der Hersteller.

Über die Tätigkeiten der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch äußert sich Niebuhr zurückhaltend. „Kontakte mit Foodwatch waren eigentlich immer unerfreulich“, berichtet die Fachdienstleiterin, „meist geht es um Dienstaufsichtsbeschwerden oder Strafanzeigen, mit denen wir uns dann auseinandersetzen müssen.“ Um möglichst viel Aufsehen zu erregen, würde Foodwatch oftmals Fakten verzerrt darstellen, wie nun etwa bei der Soll-Erfüllungsquote der Lebensmittelkontrollen, ärgert sie sich. „Das ist einfach nicht seriös“, findet Niebuhr.

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Mit ihren zwei Lebensmittelkontrolleuren Volker Mehrtens und Martin Anders sieht sie die Verwaltung gut aufgestellt. „Man kann im Lebensmittelbereich keine hundertprozentige Sicherheit erreichen – selbst wenn wir in Delmenhorst zehn Kontrolleure hätten“, sagt sie. Wenn aber „Gefahr im Verzug“ sei, greife ihre Behörde entschieden durch, betont Niebuhr. So mussten 2018 drei Betriebe wegen gravierender Hygienemängel schließen, und in diesem Jahr wurden bislang ganze acht Betriebsuntersagungen verfügt. Die Fachdienstleiterin hebt die Gewissenhaftigkeit ihrer Lebensmittelkontrolleure hervor: „Manchmal kommt es auch vor, dass ein Betrieb rechtlich gegen unsere Sanktionen vorgeht. Wir haben aber noch nie ein Gerichtsverfahren verloren.“

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