Mieter ohne Strom

Licht aus in Delmenhorst-Düsternort

Im Delmenhorster Stadtteil Düsternort leben Mieter in mehreren Wohnblöcken seit Monaten ohne Strom. Einiges erinnert an die früheren Zustände im Problembezirk Wollepark. Wie kann das sein?
15.12.2019, 20:21
Lesedauer: 4 Min
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Licht aus in Delmenhorst-Düsternort
Von Nico Schnurr
Licht aus in Delmenhorst-Düsternort

„Eine absolute Zumutung ist das hier, wir sind enttäuscht von der Stadt“: Das Ehepaar Götter lebt seit Monaten ohne Strom. Kerzen sorgen immerhin für etwas Licht.

Michael Matthey

Das Ehepaar Götter sitzt auf dem Sofa und wartet. Sie werfen Schatten an die poröse Wohnzimmerwand hinter ihnen. Vor ihnen flackern Kerzen, sieben Stück. Auf dem Boden stehen welche, auf den Schränken, auf dem Tisch. Im Fenster sieht das Ehepaar, wie in der Ferne die Lichter angehen. Passiert bei ihnen nicht. Petra und Frank Götter hocken zwischen Kerzen im Halbdunkel ihrer Wohnung und warten. Sie warten schon so lange, dass sie vergessen haben, seit wann genau sie das tun. Eigentlich wissen sie nicht mal, auf wen sie warten. Hauptsache, irgendwer knipst ihnen bald das Licht wieder an.

Delmenhorst, ein Mittwoch im Dezember. Draußen dämmert es, 16 Uhr. Seit einer Viertelstunde brennen im Wohnzimmer der Götters Kerzen. Wie jeden Tag. Keine Minute eher, das ist wichtig, denn auch Kerzen kosten Geld, und seit ihnen der Strom abgestellt worden ist, brauchen die Götters eine Menge Kerzen, damit sie nicht komplett im Dunkeln sitzen.

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Seit September ohne Strom

Das Ehepaar Götter wohnt im südlichen Teil der Stadt, in Düsternort, an einer viel befahrenen Straße, die so heißt wie der Stadtteil, durch den sie führt. An der Düsternortstraße liegen das Stadion des Fußball-Oberligisten SV Atlas, Restaurants, ein Blumenladen. Und eine Reihe von Wohnblocks, die seit September vom Stromnetz abgeschnitten sind. Warum es düster ist in Düsternort, das ist nicht ganz klar. Zumindest rankt sich um diese Frage ein Streit zwischen dem Verwalter der Häuser und dem Stromversorger.

Über Monate soll Altro Mondo die Zahlungen der Mieter nicht an die EWE weitergeleitet haben. In der vergangenen Woche hat sich das geändert, die Immobilienverwaltung hat die Außenstände beglichen. Die EWE versorgt seitdem einige der Häuser wieder mit Strom. Doch erledigt hat sich das Problem damit noch nicht. In drei Wohnblöcken in der Düsternortstraße brennt noch immer kein Licht. Darunter auch die Hausnummer 62, die Anschrift von Petra und Frank Götter.

Vor dem Haus stapelt sich Sperrmüll, zertrümmerte Stühle, kaputte Sofas. Im dunklen Flur zieht es, ein modriger Gestank hängt in der Luft. Auch im Treppenhaus schichtet sich der Müll, dort geht es vorbei an Wohnungen, leer stehend, die Haustür aufgebrochen. Ein paar Tage zuvor haben sich Mitarbeiter der Stadt in dem Mehrfamilienhaus umgesehen. Ihr Eindruck: Wer hier wie Petra und Frank Götter wohnt, lebt nicht sicher. Sollte es im Block brennen, würde das Treppenhaus verrauchen. Kein Ausweg, Lebensgefahr beim kleinsten Feuer. Seitdem patrouillieren zwei Männer rund um die Uhr vor den Wohnblöcken, eine Brandwache. Die Stadt hat den Vermieter dazu verpflichtet.

Stromzähler beschädigt

Die Häuser in der Düsternortstraße sind weit weg von den Hochglanzappartements, mit denen Altro Mondo auf der eigenen Internetseite wirbt. Die Firma hat dafür eine einfache Erklärung: Vandalismus. Altro Mondo sei selbst ein Opfer der Umstände, lässt ein Anwalt wissen, der das Unternehmen vertritt. Tatsächlich sollen Stromzähler beschädigt worden sein, so sehr, dass die EWE es für zu gefährlich hält, die drei Häuser wieder ans Netz anzuschließen. Die Zähler müssen repariert werden, darin sind sie sich einig. Nur wer kümmert sich? „Uns sind leider die Hände gebunden, was Reparaturarbeiten an privatem Hauseigentum angeht“, sagt EWE-Sprecher Volker Diebels, „das dürfen wir schlicht nicht, auch wenn wir gerne handeln würden.“ Altro Mondo windet sich, man müsse noch klären, wer die Schäden bezahlt, heißt es im November. Nun scheint das Unternehmen bereit, Elektriker in die Düsternortstraße zu schicken. Doch bislang brennt kein Licht.

Das Ehepaar Götter ist noch immer auf Kerzen angewiesen. Einmal am Tag, meistens mittags, sagen sie, gingen sie los, in die Innenstadt, um neue zu kaufen. Das helfe ihnen, ein bisschen Ablenkung, wenn das Warten wieder an den Nerven zerrt. „Wir fühlen uns allein gelassen“, sagt Petra Götter. Ihr Mann ergänzt: „Eine absolute Zumutung ist das hier, wir sind enttäuscht von der Stadt.“

Düsternort galt mit seinen vielen Grünflächen einst als Musterbeispiel für ein gut geplantes Quartier. Lange her. Heute befürchten einige, der Stadtteil könnte den Wollepark als Problemviertel ablösen, nachdem dort die schlimmsten Missstände beseitigt sind. Auch im Wollepark führten Probleme mit Hausverwaltern dazu, dass Mieter monatelang ohne Strom und Wasser in heruntergekommenen Gebäuden leben mussten. Wohl auch wegen dieser Parallelen reagiert die Delmenhorster Politik nun alarmiert auf die Entwicklungen in Düsternort. Oberbürgermeister Axel Jahnz (SPD) betont, dass er die aktuellen Zustände nicht hinnehmen wolle. „Wir dulden solche Vermieter nicht in unserer Stadt – und das machen wir auch deutlich.“

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Auch SPD-Politiker Deniz Kurku, Delmenhorster Landtagsabgeordneter, ist nach Düsternort gefahren, um sich die Nachbarschaft von Petra und Frank Götter anzusehen. Kurku sagt, er sei in Wohnungen gewesen, in denen „menschenunwürdige Bedingungen“ herrschten. Ihn ärgere das. Ihn ärgere auch, dass Delmenhorst wieder Schlagzeilen als Brennpunkt mache, weil sich ein Vermieter nicht an die Regeln halte. Und noch mehr ärgere ihn, dass die Stadt kaum etwas dagegen unternehmen könne. Dabei sei aus Nordrhein-Westfalen bekannt, dass Altro Mondo Stromrechnungen oft nur verspätet begleiche. „Das legt den Verdacht nahe, dass das Unternehmen mit System handelt“, sagt Kurku, „Leidtragende sind in solchen Fällen immer die Mieter.“

Weil das schon im Wollepark so war, arbeitet die niedersächsische Landespolitik gerade am sogenannten Wohnraumschutzgesetz. Es soll Städten wie Delmenhorst helfen, härter gegen skrupellose Vermieter vorgehen zu können. Die Kommunen dürften dann Bußgelder gegen Hausverwalter verhängen und Wohnungen für unbewohnbar erklären. Das Gesetz könnte im Frühjahr in Kraft treten.

Für Petra und Frank Götter kommt es zu spät. Das Ehepaar will nicht den ganzen Winter im Halbdunkel auf dem Sofa sitzen, angeleuchtet nur von ein paar Kerzen. Sie hoffen, dass irgendwer das Licht anknipst, möglichst bald. Noch müssen sie weiter warten.

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