Helden des Alltags „Ich schlucke meine Gefühle dann runter.“

Lkw-Fahrer Daniel Maurer beliefert Verbrauchermärkte in der Region Delmenhorst und fühlt sich dabei nicht immer gut behandelt. Außerdem trifft er auf Kollegen, denen es noch viel schlechter geht.
16.04.2020, 19:02
Lesedauer: 6 Min
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Von Gerald Weßel
Ist Ihr Job schwerer geworden, seitdem die Beschlüsse der Länderregierungen Deutschland weitgehend lahmlegen?

Daniel Maurer: Auf jeden Fall, die Einschränkungen durch das Corona-Virus begleiten uns Tag ein, Tag aus. Zum Beispiel entstehen sehr lange Wartezeiten beim Laden und Entladen, da die Abstände eingehalten werden müssen. Der Tag wird dadurch regelmäßig ein bis zwei Stunden länger. Da helfen leider auch die leeren Bundesstraßen und Autobahnen wenig. Die Zeitersparnis reicht nicht, um das Warten vor Ort zu kompensieren.

Von wann bis wann arbeiten Sie derzeit?

Gegen 6.30 Uhr geht es los und gegen 17.30 Uhr bin ich fertig.

Wie laufen Ihre Tage ab?

Ich starte morgens von Bremen und komme abends wieder am Startpunkt an. Dazwischen transportiere ich meist Waren für das Frischeregal in den Verbrauchermärkten der Region rund um Bremen. Oft führen mich meine Touren aber auch nach Delmenhorst oder Ganderkesee oder auch Vechta. Meine Kollegen und ich bringen also die Waren, die die Fernfahrer durch das ganze Land transportieren zu den Zentrallagern liefern, von dort in die Städte.

Was ist momentan verstärkt an Bord?

Alles was haltbar ist. Backmischungen, Nudeln und so weiter und auch mal viel Klo- und Küchenpapier sowie viele Getränke.

Mit was werden Sie beim Kunden konfrontiert?

Mit einer ganzen Menge. Die Abstandsregeln werden rigoros eingehalten, es wird mehrfach desinfiziert, man wird nicht mehr in Gruppen abgearbeitet, sondern einzeln oder maximal zu zweit. Es geht nur noch darum, Abstand zu halten, einfach immer Abstand halten. Ich erlebe, dass viele Angst haben und und entsprechend ist der Umgang.

Inwiefern?

Bei den Stammkunden, die mich kennen, bei denen ich tagtäglich bin, die sagen auch mal danke und da steht auch mal eine gekühlte Wasserflasche. Es wird auch auf Abstand geachtet, aber es kommt immerhin menschlich noch mehr rüber. Aber bei Kunden, die mich kaum kennen, da soll ich auf Abstand bleiben und möglichst schnell wieder wegfahren. Die ganze Stimmung ist auf den Höfen beim Entladen sehr gestresst. Alle haben Angst, möchten nicht angesteckt werden, ich natürlich auch nicht, aber es ist sehr stressig für uns da draußen. Da helfen uns die ruhigen Straßen auch nicht wirklich. Obwohl die Autofahrer nicht wirklich ruhiger sind, sondern überholen wie nie zuvor. Mir kommt es so vor, als würde die freie Fahrt zum Rasen und wagemutigem Fahren ausgenutzt.

Wie muss man sich die Lage beim Abladen vorstellen?

Die meisten Kunden vergeben Zeitfenster an uns Fahrer, wann wir bei ihnen abladen können. Durch das Warten sind die oft schwierig einzuhalten und dies gibt Ärger mit den Kunden. Und wenn ich dann beim Abladen noch nach vorne geholt werde, da meine Waren vom Kunden dringender gebraucht werden als die der anderen Fahrer, dann regen sich die noch länger wartenden Fahrer natürlich auf.

Wie gehen Sie damit um?

Entweder ich rege mich mit auf, oder bleibe ruhig. Ich muss da halt durch und schlucke meine Gefühle dann runter. Das ist nicht einfach, aber wenn ich mich aufrege, wird es nur schlimmer. Die Stimmung beim Abladen ist momentan schlecht.

Wie könnte man die Probleme entschärfen?

Solange diese Angst vorherrscht, kann man da meiner Meinung nach nichts machen. Jeder ist sich momentan im Berufsalltag selbst der Nächste. Die Menschen müssen in Zukunft damit klarkommen, dass Corona jeden treffen kann. Vielleicht haben sie dann auch mal den ein oder anderen freien Gedanken, um mal eine Trinkstation für Fahrer oder ein Dixiklo aufzustellen. Aber das muss ja auch alles bezahlt werden. Und die Anlieferung ist bei den Märkten nur eine Notwendigkeit, die jeder möglichst kleinhalten möchte. Mein Job ist es, schnell und pünktlich da zu sein und genauso schnell wieder weiter zu fahren.

Aber früher war der Umgang generell weit freundlicher?

Natürlich, es wurde auch mal ein Kaffee oder auch mal ein Snack angeboten. Jetzt bekommen wir nichts mehr. Auch die Toiletten beim Empfänger können wir oft nicht mehr benutzen.

Wurde Ihnen begründet, warum die Toiletten abgeschlossen worden sind?

Nein, die waren von heute auf morgen verschlossen und auf die Frage, ob man mal aufs Örtchen darf, wird man abgewiesen, da diese nur für Mitarbeiter seien. Und weil auch sämtliche Raststätten geschlossen sind, hat man unterwegs kaum die Möglichkeit, sich mal zu erleichtern oder sich die Hände zu waschen.

Wie machen Sie das dann?

Ich hab hier an Bord Seife, Wasser und Desinfektionsspray. Und am Abend bin ich ja zu Hause und kann mich gründlich waschen.

Und wie läuft das mit dem Toilettengang?

Ich muss mein Trinkverhalten so anpassen, dass ich vormittags weniger bis gar nichts trinke und je näher man der Basis kommt, desto mehr trinke. Denn da hat man dann ja ein stilles Örtchen. Ich hab das Glück, solche Orte, eben die Basis und ein Zuhause, zu haben. Fernfahrer haben es nochmal etwas schwerer als ich, aber manche sind wirklich arm dran momentan: Die ausländischen Lkw-Fahrer. Die kommen nämlich nicht mehr in ihre Heimatländer nach Hause. Die haben noch weniger Chancen als wir. Die leben hier quasi auf der Straße und schlafen seit vielen Nächten in ihren Autos, ohne Zugang zu Toiletten oder Duschen.

Bitte?

Nun ja, die Grenzen waren von heute auf morgen verschlossen, also oft von beiden Seiten. Mit etwas Glück haben die noch einen Auftrag von ihrem Chef, der ihnen erlaubt, die Grenzen zu überqueren, aber wenn dieser beendet ist, und sie vielleicht auch schwer in Kontakt mit der Heimat kommen, dann sind sie hier bei uns auf den Parkplätzen gestrandet. Die leben also hier im Lkw und warten darauf, dass die Grenzen wieder aufmachen. Die Hotels haben ja auch zu und viele könnten sich die wahrscheinlich auch gar nicht lange leisten.

Wovon leben die? Haben sie genug Geld dabei?

Manchmal ja, manchmal nein. Ich bin aber auch schon oft nach Feierabend losgezogen und habe Tüten mit Lebensmitteln und Hygieneartikel voll gemacht und die denen an die Laster gestellt. Ich kann das einfach nicht mit ansehen, das ist derart traurig. Das sind Väter, Söhne, Mütter, Töchter und Geschwister, die alle Familien in ihren Heimatländern haben, die sich Mühe geben müssen, um über die Runden zu kommen. Und die werden hier im Stich gelassen und vergessen.

Wie viele betrifft dies ihrer Schätzung nach in der Region?

In den Gebieten, wo ich unterwegs bin, sind es mindestens zehn.

Sprechen Sie mit Ihnen?

Ich muss sagen, dass ich nicht wirklich viel mit ihnen spreche, da mir die Sprachkenntnisse fehlen. Ich spreche nur Deutsch und Rumänisch, aber die Fahrer kommen vermehrt aus dem osteuropäischen oder russischen Raum. Ich helfe kontaktlos, ohne viel zu sprechen. Aber sie sind unglaublich dankbar. Das erkennt man, ohne auch nur ein Wort zu wechseln.

Haben sie noch Kontakt zu ihren Familien?

Meistens ja. Die haben Prepaidkarten und sofern sie noch Geld drauf haben, können sie telefonieren. Ansonsten leihen die sich Handys von anderen Fahrer aus, um mal ein Lebenszeichen von sich zu geben.

Gibt es staatliche Stellen, die helfen?

Ich persönlich habe niemanden gesehen, der denen von staatlicher Seite geholfen hat. Die einzigen, die helfen, von denen ich weiß, dass sind wir Fahrer. Manchmal nehmen Kollegen auch mal einen ausländischen Fahrer mit zu sich nach Hause, damit die mal in einem richtigen Bett schlafen können oder sich endlich mal richtig reinigen können.

Erleben Sie vonseiten der Bekannten und Freunde eine andere Anerkennung?

Ja, in meinem Bekanntenkreis und durch die Nachbarn, die ja auch fast alle in Kurzarbeit sind, wird das schon gesehen. Die sagen mir auch „Hut ab, du bist ja immer noch unterwegs, danke dafür und pass auf dich auf.“ Also hier wird schon gesehen, was wir als Lkw-Fahrer für die Versorgungssicherheit leisten. Da kommt schon eine Wertschätzung. Aber generell sieht man uns halt wenig.

Sie erfahren also wenig Anerkennung?

Lkw-Fahrer sind wie eine Reinigungskraft: Am besten unsichtbar. Der Raum ist sauber, die Regale sind voll. Aber sehen möchte man die Frauen und Männer beim Putzen oder beim Liefern auf der Straße lieber nicht. Wie das passiert, ist egal. Man bemerkt erst, das etwas nicht stimmt, wenn der Raum schmutzig oder die Regale halt leer sind. Ich würde mich freuen, wenn die Menschen auf den Straßen auch nach der Krise noch im Gedächtnis haben, dass wir ihr heißgeliebtes Klopapier an Bord haben.

Hat ihr privates Umfeld Angst um Sie, dass Sie sich anstecken?

Die machen sich Sorgen, sogar sehr große. Meine Frau und ich haben auch über Ostern niemanden besucht, weder jung noch alt. Wir wussten ja nicht und wissen auch in naher Zukunft nicht, was ich mitbringe.

Was könnte Ihrer Meinung nach an Positivem für die Zukunft übernommen werden?

Den Zusammenhalt im engeren Kreis – also das Miteinander in der Familie und in der Nachbarschaft. Es ist herzlicher geworden. Menschen, von denen man früher nur alle paar Monate mal eine WhatsApp oder Ähnliches bekommen hat, melden sich plötzlich öfter und fragen, wie es einem geht. Die aktuelle Zeit schweißt zusammen, zumindest im inneren Kreis.

Das Interview führte Gerald Weßel

Info

Zur Person

Daniel Maurer, 42,

ist Lkw-Fahrer. Er fährt seit knapp 15 Jahren als Nahverkehrsfahrer. Er wohnt in Bremen, ist aber viel in Delmenhorst, Ganderkesee und der weiteren Umgebung unterwegs, um Verbrauchermärkte zu beliefern.

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