Neuer Leiter der VHS Delmenhorst

Martin Westphal: Lernen ist sozialer Prozess

Die Digitalisierung bedeutet auch für die Volkshochschule Delmenhorst eine zunehmende Herausforderung. Das betont der neue Leiter Martin Westphal im Gespräch mit Esther Nöggerath.
11.01.2017, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Martin Westphal: Lernen ist sozialer Prozess
Von Esther Nöggerath
Martin Westphal: Lernen ist sozialer Prozess

Martin Wesphal führt seit Juni 2016 als Geschäftsführer die Delmenhorster Volkshochschule. Als Stärke der stationären Bildung sieht er die soziale Komponente.

INGO MOELLERS

Die Digitalisierung bedeutet auch für die Volkshochschule Delmenhorst eine zunehmende Herausforderung. Das betont der neue Leiter Martin Westphal im Gespräch mit Esther Nöggerath.

Sie sind seit gut sechs Monaten neuer Geschäftsführer der Volkshochschule in Delmenhorst. Was ist bisher Ihr Eindruck von der Stadt und der hiesigen VHS?

Martin Westphal : Ich habe die VHS hier als gut funktionierende und auch gut aufgestellte VHS wahrgenommen und übernommen. Ich weiß, dass es hier schon schwierige Phasen gegeben hat, dementsprechend kann man es gar nicht genug schätzen, was schon vor meiner Zeit hier geleistet wurde, um die VHS zu erhalten. Eine Volkshochschule ist immer auf öffentliche Gelder angewiesen. Aber ich habe den Eindruck, dass es in Delmenhorst eine breite Unterstützung für die VHS gibt. Das ist unglaublich wichtig.

Stichwort Digitalisierung. Ist eine stationäre Erwachsenenbildung in Zeiten von Sprachlern-Apps und Video-Tutorials im Internet überhaupt noch zeitgemäß?

Mit dem Thema müssen wir uns ganz klar auseinandersetzen. Ich bin der Meinung, das Lernen aber eben nicht nur das Verarbeiten von Daten ist, sondern ein sozialer Prozess. Es gibt sicher auch Leute, die gut mit Apps Sprachen lernen, aber es gibt auch immer noch eine große Gruppe, für die das nichts ist. Und gerade beim Sprachenlernen geht es ja auch um das Miteinander. Man lernt Sprachen am besten in der Kommunikation mit anderen, weil es nicht nur um die Sprache an sich geht, sondern zum Beispiel auch um Mimik, Gestik, Persönlichkeit. Das können Sie so unmittelbar nur im Präsenzunterricht erfahren. Oder bei Yoga-Kursen: Da kann man sich gegenseitig ermutigen, wenn es mal sehr anstrengend wird. Das geht auch nur zusammen mit anderen im gleichen Raum. Unsere Stärke liegt im Präsenzlernen und ich denke, dass das auch weiter unsere Stärke bleiben wird.

Birgt die Digitalisierung denn auch Vorteile für die VHS?

Es geht dahin, die digitalen Angebote in unsere Kurse zu integrieren. Das ist die große Herausforderung. Die Medien bieten ja unglaubliche Möglichkeiten. Mit einem Smartphone hat man sofort Zugriff auf ein Sprachwörterbuch und kann im Supermarkt im Urlaub in Spanien mal eben nachgucken, was nochmal Schinken auf Spanisch heißt. Und jeder kann heutzutage ein Video aufnehmen, etwa, wenn er gerade in Frankreich ist und eine interessante Szene auf der Straße erlebt oder an einem berühmten Gebäude vorbeigeht. Solche Videos könnte man in die Kurse mit einbinden. Die Teilnehmenden könnten dadurch auf neue Weise unsere Kurse mitgestalten und den Lernstoff, der sie interessiert, ins Lerngeschehen einbringen. Wir werden auch mit Smartboards experimentieren, auf denen man nicht nur schreiben, sondern auch Internetinhalte projizieren und bearbeiten sowie Videos zeigen kann. Wir sind da in einem Lernprozess, aber ich denke, das ist ein Weg, wie wir solche digitalen Inhalte auch hier integrieren können. Wenn wir das schaffen, bleiben wir nicht nur attraktiv für die Älteren, sondern werden auch attraktiver für die Jüngeren.

Auf reine Digitalisierung setzen Sie in der VHS aber nicht.

Ein Medium allein macht noch keinen guten Unterricht. Das muss man ganz klar sagen. Es ersetzt eben keinen guten Kursleiter, der sein Fach versteht. Denn der Erfolg hängt am Ende von der Überzeugungskraft und der Fähigkeit des Dozenten ab. Ich glaube nicht, dass das Medium diesen Part irgendwann völlig übernehmen kann.

Wo liegen denn derzeit die Schwerpunkte der Delmenhorster VHS?

Es bleibt bei den Klassikern wie Sprachen, die einen ganz wichtigen Bereich ausmachen, sowie bei der politischen und gesellschaftlichen Bildung. Aber der Gesundheitsbereich hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. Neben Sportangeboten spielen Ernährungsfragen eine zunehmend größere Rolle. Auch Belastungen in der Arbeitswelt, die heutzutage weniger körperlich als seelisch sind, sind immer häufiger Thema. Da gibt es vermehrt Angebote, um einen Ausgleich zur psychischen Belastung zu bieten. Und im EDV-Bereich versuchen wir immer aktuell zu sein. Wir werden uns auch künftig noch mehr damit beschäftigen, digitale Angebote zu schaffen.

Bei den Sprachkursen ist in den vergangenen Jahren auch zunehmend das Thema Integration in den Fokus gerückt. Wird das auch weiterhin aktuell bleiben?

Die Volkshochschulen leisten gerade Großes für die Integration. Diese Aufgabe werden wir auch weiterhin wahrnehmen. Es geht dabei nicht nur um die Förderung der Sprache, ein weiterer Schritt ist danach die berufliche Vorbereitung. Denn die Menschen, die hierher kommen und sich integrieren wollen, brauchen eine berufliche Existenz. In diesem Bereich werden wir uns engagieren.

Durch die zunehmende Zuwanderung hat es zeitweise Probleme gegeben, ausreichend qualifizierte Deutschlehrer zu finden. Ist das immer noch ein Thema?

Das ist nicht so einfach. Aber im Moment ist die Lage bei uns glücklicherweise nicht akut. Dafür gibt es eher Engpässe bei den Sozialpädagogen, weil in jedem Kurs zur berufsbezogenen Sprachförderung auch eine sozialpädagogische Betreuung gefragt ist. Derzeit haben wir vier Sozialpädagogen in Projektstellen, da könnten wir noch Leute gebrauchen.

Das Alter der Mannschaft war vor einiger Zeit ebenfalls ein Sorgenkind der VHS. Wie sieht das heute aus?

Da hat sich inzwischen ja einiges getan, es wurden drei Schlüsselpositionen neu besetzt. Adriana Theessen, die den Programmbereich Fremdsprachen, Psychologie und Pädagogik von Annegret Helmers übernommen hat, ist Anfang 40, Eugenia Konkel als Fachbereichsleiterin für Integrations- und Deutschkurse ist 27. Ich selbst bin 57 Jahre alt, dazu kommen Kai Reske mit Ende 30 und Elke Becken, die noch zwei Jahre bis zum Ruhestand hat. Da haben wir also eine ganz gute und auch weit gefächerte Altersstruktur, was die Programmbereiche betrifft.

Wo sehen Sie die Zukunft der Delmenhorster Volkshochschule?

Es geht darum, dass wir im Kontakt mit den Delmenhorstern bleiben. Wir müssen im Blick behalten, dass wir ein breiteres Spektrum von Bildungsangeboten haben und auch brauchen als vielleicht noch vor 20 Jahren. Wir müssen Wiedereinstiegsmöglichkeiten bieten für Menschen, die zurück in den Beruf wollen oder die einfach etwas lernen möchten. Wir sind eine Volkshochschule, da steckt das Wort Volk mit drin. Wir wollen ein Angebot machen für alle, eben auch niedrigschwellige Angebote für Leute, die sich sonst vielleicht nicht so trauen oder die denken, dass Bildung für sie gar kein Thema wäre. Da kommt es natürlich auch darauf an, herauszufinden, wo es Bildungsbedarfe und -interessen gibt. Dafür muss eine Volkshochschule in einer Kommune auch mit anderen Institutionen zusammenarbeiten. Ich glaube, das es für die Zukunft der VHS wichtig ist, wenn wir das Spektrum unseres Bildungsangebots breit aufgestellt für unterschiedliche Zielgruppen halten.

Zur Person: Martin Westphal hat am 1. März 2016 bei der Volkshochschule seine Tätigkeit als Geschäftsführer begonnen. Nach einer gemeinsamen Übergangsphase, in der er gemeinsam mit Vorgänger Helmut Koletzek die Leitung übernahm, führt Westphal die Bildungseinrichtung seit dem 1. Juni die VHS alleine.

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