Interview mit Suchtberater Nils-Oke Bartelsen

„Corona setzt Regeln außer Kraft“

Suchtberater Nils-Oke Bartelsen rät Eltern, ihre Kinder beim Umgang mit Medien intensiv zu begleiten und auch den eigenen Medienkonsum zu hinterfragen. Aber nicht alles sei automatisch ein Problem.
04.06.2020, 17:40
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Hensel
„Corona setzt Regeln außer Kraft“

Medien-Sucht-Beratung bei der drob Nils-Oke Bartelsen

INGO MÖLLERS
Suchtberatung

Suchtberater Nils-Oke Bartelsen rät Eltern, ihre Kinder beim Umgang mit Medien intensiv zu begleiten und auch den eigenen Medienkonsum zu hinterfragen. Es sei aber auch nicht ratsam, alles gleich zu problematisieren.

Foto: INGO MÖLLERS
Herr Bartelsen, sind wir in diesen Corona-Zeiten alle mediensüchtig geworden?

Nils-Oke Bartelsen: Die meisten von uns konsumieren jetzt sicherlich mehr Medien, aber das ist nicht gleich ein Zeichen für eine Abhängigkeit. Wahrscheinlich hat das große Angebot an verschiedenen Medien auch geholfen, dass die Menschen während des Lockdowns nicht durchgedreht sind. Aber die Rückkehr in den „normalen“ Alltag könnte für einige problematisch werden.

Inwiefern problematisch?

Wir haben uns mittlerweile weitgehend an den Zustand mit Homeoffice und geschlossenen Kinos gewöhnt. Ein abrupter Wechsel der Verhaltensmuster kann für einige mühsam sein. Insofern ist eine langsame Lockerung der Schutzmaßnahmen für die Rückgewöhnung sicher sinnvoll.

Ich schaue täglich mehr als acht Stunden auf einen Monitor, habe ich ein Konsumproblem?

Nein, wichtig bei der Mediensucht ist die Trennung zwischen beruflicher Nutzung und privatem Konsum. Wenn Sie es nicht mehr an ihren Arbeitsplatz schaffen, weil sie die ganze Nacht Serien geschaut haben, dann haben Sie ein Problem.

Süchtig ist also, wer seinen Alltag nicht mehr in den Griff bekommt?

Genau. Hinzu kommen noch die Vernachlässigung sozialer Kontakte und emotionale Ausbrüche, zum Beispiel wenn Sie durch Computerspiele aggressiv werden.

Wer ist denn von Mediensucht betroffen?

Häufig ist die Sucht ein Symptom für psychische Probleme. Wer zum Beispiel Angst vor sozialen Kontakten hat, wird sich eher vor dem heimischen Fernseher einigeln. Dann bestärkt sich beides, die Angst vor anderen Menschen wird größer, aber auch der Medienkonsum an sich nimmt mehr Zeit ein.

Braucht man viel Freizeit für eine veritable Mediensucht?

Vor kurzem kam ein Student zu uns. Er vermutete, dass sein Abschluss auf der Kippe steht. Ein Studium zwingt zur selbstständigen Strukturierung des Alltags, einige müssen sich aufraffen, in die Vorlesung zu gehen. Für einige ist dann exzessives Computerspielen zunächst attraktiver; bis dann der Abschluss naht…

Wie sind Sie dann vorgegangen?

Wir haben erst gemeinsam besprochen, wie sich sein Alltag gestaltet. Doch nachdem er eingesehen hatte, dass er zu viel Zeit mit „Zocken“ verbringt, schwenkte er auf Bücher um, las wahnsinnig viel, konnte sich aber nicht daran erinnern, was er eigentlich gelesen hatte. Auch das Lesen hatte einen negativen Einfluss auf seinen Alltag. Wir mussten also gemeinsam überlegen, wie er seine Tage wieder so strukturieren konnte, dass auch sein Studium nicht mehr litt. Wir haben ihm dann geraten, sich bei seinen Freunden zu melden, nicht mal um sich zu verabreden, aber die aktive Kontaktaufnahme hilft in einer solchen Situation schon mal viel. Letztendlich hat er eine stationäre Therapie erfolgreich abschließen können und geht nun wieder seinem Studentenalltag nach.

Wer meldet sich bei Ihnen?

Häufig kommen Eltern zu uns, die sich um ihre Kinder sorgen. Diejenigen, die sich bei uns melden, weil sie eventuell selbst süchtig sind, sind meistens älter. Und meistens haben sie einen Anlass, zum Beispiel weil eben der Studiumsabschluss wackelt oder die Leistungen in der Schule nachlassen oder weil eine Liebesbeziehung in die Brüche gegangen ist.

Sind Kinder besonders betroffen?

Es gibt das Phänomen, dass besonders kleine Kinder wie gebannt vor dem Fernseher oder dem Tablet sitzen und nichts anderes mehr wahrnehmen. Das kann für Eltern attraktiv sein, für die geistige Entwicklung der Kinder ist das aber eher kontraproduktiv. Aber gerade bei Jugendlichen ist die Frage nach einer Sucht eine sehr individuelle Frage.

Wie erkennt man eine Mediensucht?

Eltern kennen ihre Kinder. Sind die Kinder regelmäßig gereizt, nachdem sie ein Computerspiel gespielt oder etwas im Fernsehen gesehen haben, dann ist das zum Beispiel ein Zeichen. Auch wenn andere Interessen zunehmend vernachlässigt werden oder soziale Kontakte zugunsten der Medien immer weniger wichtig für den Alltag der Kinder werden, sollte man eine Sucht nicht ausschließen. Besonders dann, wenn die Zeit vor der Spielekonsole Auswirkungen auf die Schulnoten hat. Und wenn die Kinder schon vor der Schule fragen, wann sie wieder an die Konsole können, die Kinder ihre Gedanken also nur noch auf eine Sache konzentrieren, dann ist das häufig problematisch.

Sind das häufig nicht bloß Phasen?

In der Tat sind Stimmungsschwankungen und schnell wechselnde Interessen ein Ausdruck der Pubertät. Eltern sollten ein Auge auf ihre Kinder haben, sie kennen ihre Kinder ja auch sehr gut und spüren, wenn sie schädigende Entwicklungen nehmen. Generell sagt man in der Suchtforschung, dass ein Verhalten über mindestens zwölf Monate andauern sollte, bis man von einer Sucht sprechen kann. Das ist zwar auch immer etwas individuell, taugt als Richtwert aber ganz gut.

Das Phänomen des Binge-Watchings, wo komplette Serien in kurzer Zeit geschaut werden, ist also unproblematisch?

Für viele Eltern ist es sicherlich nervig, wenn sich die Kinder tagelang in ihr Zimmer verkriechen, aber das habe ich früher auch mal gemacht. Nach ein paar Tagen ist das neue Computerspiel dann auch durchgespielt oder die Serie gesehen oder der neueste 1000-Seiten-Roman verschlungen. Die meisten kommen dann auch schnell wieder aus ihren Zimmern und verhalten sich wieder „normal“. Wenn dieses exzessive Verhalten allerdings eher die Regel als die Ausnahme ist, kann es sicherlich problematisch werden.

Worauf sollte man als Eltern achten?

Nicht gleich etwas zu einem Problem machen. Ich spreche lieber von Fragezeichen im Kopf. Sich fragen, ob das eigene Verhalten oder das Verhalten der Kinder problematisch sein könnte. Außerdem sollten Kinder in ihrer Mediennutzung begleitet werden. Miteinander reden hilft. Und man sollte auch sein eigenes Medienkonsumverhalten hinterfragen und gemeinsam mit den Kindern über Medienkonsum sprechen. Den eigenen Kindern das Videospielen zu verbieten, während man selbst sehr viel Zeit vor dem Fernseher verbringt, wird selten zielführend sein.

Wie kann man sich gegen eine mögliche Sucht wappnen?

Langeweile ist auch eine Kulturtechnik, die muss man auszuhalten lernen. Zumal das Nichtstun auch die Kreativität befördert. Und man sollte seinen Alltag nach Möglichkeit abwechslungsreich gestalten und kleine Erfolge einbauen, zum Beispiel durch Spaziergänge oder Besuche im Schwimmbad, was ja hoffentlich bald wieder möglich sein wird. Wie auch die Pflege von Freundschaften. Und positive Verstärkung bringt immer mehr als bloßes Bestrafen.

Das Interview führte Tobias Hensel.

Info

Zur Person

Nils-Oke Bartelsen

arbeitet als „Fachkraft für exzessive Mediennutzung“ in der Drogenberatungsstelle drob an der Scheunebergstraße.

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