Egon Wachtendorf betreibt im Internet „Hurreler Gedächtnis-Seite“ / Bereits 100 Biografien nachzulesen

Menschen leben in der Erinnerung weiter

Hude-Hurrel. Es ist ein Projekt, an dem Egon Wachtendorf wohl noch viele Jahre lang arbeiten wird. Im Internet hat er die „Hurreler Gedächtnis-Seite“ ins Leben gerufen.
12.11.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Antje Rickmeier

Hude-Hurrel. Es ist ein Projekt, an dem Egon Wachtendorf wohl noch viele Jahre lang arbeiten wird. Im Internet hat er die „Hurreler Gedächtnis-Seite“ ins Leben gerufen. Dort finden sich Biografien und Fotos von Menschen, die in Hurrel gelebt haben. Informationen zu hundert früheren Dorfbewohnern hat er unter der Adresse www.hurreler.com bereits veröffentlicht. Doch rund 1200 Namen warten noch auf Bearbeitung.

Egon Wachtendorf ist in Hurrel aufgewachsen und wohnt heute wieder dort. Er möchte mehr über die Menschen vor ihm in Erfahrung bringen. „Dass auf demselben Fleck, auf dem man lebt, schon viele andere gelebt haben, übt eine besondere Faszination auf mich aus“, sagt er. Seiner Webseite hat er ein Zitat von Honoré de Balzac vorangestellt: „Jeder Mensch lebt zweimal, das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“, heißt es dort. Dieses zweite Leben will Egon Wachtendorf ermöglichen. Auf den Höfen hätten früher bis zu 18 Kinder gelebt. Der jüngste Sohn habe den Hof bekommen, die anderen seien unter den Tisch gefallen. „Meine Idee war, dass man über alle etwas machen müsste, damit keiner von ihnen vergessen wird.“

Vor fast 30 Jahren habe er ein Geschenk zur Silberhochzeit seiner Eltern gesucht, berichtet er. „Mir ist eingefallen, dass ich einen Stammbaum unseres Hofes machen könnte.“ Wachtendorf holte sich Unterstützung von dem Heimatforscher Walter Janßen-Holldiek, der als Dorfschullehrer in Lintel auch seine Mutter unterrichtet hatte. Der Chronist verfolgte die Familiengeschichte bis in das Jahr 1521 zurück und forschte weiter über die Höfe. 1994 veröffentlichte er das Buch „Hurrel, ein Dorf am Geestrand“. „Ich fand es spannend“, sagt Egon Wachtendorf. Und er beschloss, irgendwann mehr aus den Zahlen und Fakten von Walter Janßen-Holldiek zu machen.

Doch es brauchte noch etliche Jahre und die Möglichkeiten des Internets, bis er seinen Plan Anfang 2015 in die Tat umsetzte. Die erste Biografie war die seines Großonkels Karl Barkemeyer. Der Verwandte kam mit Verkrüppelungen an Armen und Beinen zur Welt und lebte bei Egon Wachtendorfs Eltern. „Ich bin mit ihm aufgewachsen und habe fast jeden Tag mit ihm verbracht“, sagt er. „Es war mir ein Bedürfnis, an ihn zu erinnern.“ Der Eintrag über Karl Barkemeyer sei auch eine Blaupause für andere Biografien gewesen. Wachtendorf schrieb über das Leben seines Onkels, auch Fotos und eine Traueranzeige sind veröffentlicht. Doch einen besonders lebendigen Eindruck vermitteln seine persönlichen Erinnerungen an Erlebnisse mit „Onkel Karl“.

Nicht alle Einträge sind so ausführlich. Doch Egon Wachtendorf hat das Ziel, so viel wie möglich über die Menschen herauszufinden. Janßen-Holldieks Buch bildet die Grundlage. Im Gespräch mit vielen Familien erfuhr er, wer die Personen hinter den Geburts- und Sterbedaten waren. „Ich bin von Haus zu Haus gegangen und habe gefragt: Was wisst ihr noch von euren Eltern und Großeltern?“ Die meisten hätten bereitwillig erzählt. Auch Berge von Fotos wurden gesichtet. Egon Wachtendorf appelliert an die Familien, die Bilder zu beschriften: Sonst wisse später niemand mehr, wer darauf zu sehen ist. Auch Kirchenbücher und andere Quellen zog er heran.

Ein umfangreicher Eintrag beschäftigt sich mit Werner Ganteföhr, der 2013 starb. Neben Fotos und Biografie hat Egon Wachtendorf auch Zeitungsartikel über den Künstler veröffentlicht. Über die Generationen, die vor den Ganteföhrs in dem alten Haus gelebt haben, gibt es besonders viele Informationen auf der Gedächtnis-Seite. Das sei der Hof, von dem seine Vorfahren gekommen seien, berichtet Egon Wachtendorf. „Unter den 100 Biografien finden sich elf Personen, die in diesem Haus gewohnt haben.“

Der Redakteur, der für einen Hamburger Verlag arbeitet, legt viel Wert darauf, dass seine Texte interessant zu lesen sind. Häufig verknüpft er die Biografien mit historischen und politischen Ereignissen aus der Zeit, in der die Menschen gelebt haben. Die Resonanz auf sein Projekt ist positiv: Viele Leute hätten das Bedürfnis, dass ihre Familiengeschichte aufbereitet werde. Deshalb freut sich Egon Wachtendorf über Informationen und persönliche Erinnerungen. Er verfasst dann Texte und veröffentlicht sie in enger Abstimmung mit den Informationsgebern. Allerdings sei es auch in Ordnung, wenn jemand seine Daten nicht fürs Internet freigeben wolle. Der Hurreler versucht, eine Biografie pro Woche auf die Internet-Seite zu stellen. Denn auch wenn das Projekt auf Jahre ausgelegt ist, arbeitet die Zeit gegen ihn: „Wenn ich warte, geht wieder so viel verloren. Die Leute können noch so viel erzählen.“

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